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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-09-16 · 12 (16.9.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
12 (16.9.1927)
Date
1927-09-16
Page
[Seite] (sequence 3)
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m wir uns darüber wundern, daß der Turm nicht vollendet wird, an dem die Juden seit dreitausend Jahren und länger schon bauen? Gewiß versichern wir immer und überall, daß wir zueinander gehören. Tie Welt draußen hält uns" sur eine geschlossene Einheit. Aber der Zusammenhang besteht darin, daß wir einander befehden, daß wir jeden Mißerfolg der anderen mit innerer Befriedigung verbuchen und im geheimen jubeln, wenn es diesen anderen schlecht echt. Wir spielen ein seltsames Spiel. Line weite Wiese, überall Menschen, Pfeil und Bogen in den Händen. Stumm zielen sie auf einander, nicht um zu morden, nein, um einander wehe zu tun. Tann und wann tönt ein grelles Lachen über die Wiese, wenn ein Pfeil den Bruder oder die Schwester getrosten hat. Trifft einmal ein Pfeil mitten ins Herz, daß der Getroffene zusammenbricht, so wird das Spiel aus der Wiese unterbrochen. Tann treten Tränen, richtige Menschentränen in die Augen der Schützen. Es tut ihnen leid, aufrichtig leid, daß der Pfeil so gut getrojfcn hat. Kaum aber, daß der Getroffene von der Walstatt getragen worden, geht das grausame Spiel weiter. Wir tun einander wehe, anstatt daß wir einander Helsen. Wir trauern um den Bruder, um die Schwester wenn es zu spät ist. Und dieses Spiel nennen wir — Einhert in der Judenheit! In den Augusttagen hat in Lausanne länger als zwei Wochen die Weltkonserenz für Glauben und Verfassung des Christentums getagt. 53.', Vertreter aller christlichen Kirchen, mit Ausnahme der römisch-katholischen und kleinerer Sektengemeinschaften waren hier zusammengekommen, um sich über die Einzelheiten ihres Glaubens und ihre kirchlichen Einrichtungen freundschaftlich auszusprechen, um, wenn es möglich, eine neue innere Gemeinschaft zu begründen. In kluger Selbstbescheidung wollten sie nicht etwa ein neues Dogma schaffen, sondern den Weg fiir weitere Verhandlungen anbahnen und eine Annäherung zwischen den Lehrern der Kirchen ermöglichen. Ost schien es, als ob der Gedanke des Konzils in ein Nichts zerflattern sollte, als ob der Versuch der Annäherung in Helle Feindschaft ausarten müßte. Tann aber kam über den See ein scharfer Alpenwind und schuf klare Lust. Man wollte einander nicht überwinden, Gegensätzlichkeiten nicht feige übersehen und Unvereinbares nicht gedankenlos zusammenschweißen. Aber das, was hinter den Gegensätzen lebte, die religiöse Realität, wollte man ft ei machen, die Fühlfäden, die unter dem angesammelten Staub fast verschwunden waren, wollte man btoßlegen, in gemeinsamen Gottesdiensten einander werten lernen. Der Erfolg der heißen Tage mag von außen 'winzig klein erscheinen. In Wirklichkeit war er groß. Anglikaner und Amerikaner, Westler und Oestler standen einander allerdings 349 - geschlossen gegenüber. Es ste.lte sich lei der B«^ sprechung der Kommissionsberichte heraus, daß der Plan der Formulierung eines einheitlichen Glaubensbekenntnisses fallen gelassen werden mußte. Aber schon die Tatsache der gemciiijawe>i Aussprache, der sreund'chaftlichen Annäherung, der Erkenntnis des gegenseitigen Besitzstandes bedeutete einen großen Sieg der Menschenliebe. Tie Botschaft des Konzils in Lausanne, das nach fast übermenschlich schweren Vorarbeiten eine geschichtliche Tatsache geworden ist, muß die Juden der Erde aus ihrer Gedankenlosigkeit wecken. Was dort möglich gewesen, muß hier möglich sein. Mit einem gewissen Stolz weisen wir daraus hin, daß die Judenheit keine Sektengebildet oder diese Sekten wieder in sich aus; enommcn und sich zu immer neuer Einheitlichkeit zusammengefunden hat. Das Gefühl, daß wir zu einander gehören, daß wir ,.ftir einander bürgen ", daß wir eine Einheit sind, ist glücklicherweise bisher keinem Teile der Judenheit ganz abhanden gekommen. Aber dieses Gefühl beschränkt sich auf die Abwehr der Angriffe von außen. Es fehlt ausnahmslos allen Parteien im Judentum die rechte Klarheit über den eigenen Glaubensbestand und über das, was tatsächlich allen gemeinsam ist. Daher die kleinliche, boshaftgehässige Feindseligkeit innerhalb der Parteien des Judentums, über die gerade in letzter Zeit wiederholt wortreich geklagt worden ist. Allerdings ist eine Entgiftung der Atmosphäre überall gefordert worden. Aber der atemberaubenbe Gift- Hauch wird weiter sorgsam gepflegt. Tic Judenheit bietet das beschämende Bild' sinnloser Zerrissenheit, törichter Verzettelung der besten Kräfte und einer lästerlichen Selbstzerfleischung. Man sage nicht, daß der Zionismus die Wendung zum Besseren, den Weg zur Einheit bedeutet. Er hat nicht nur die Judenheit der Erde in zwei feindliche Lager gespalten, er ist selbst ein Zerrbild der Einheit. Wer die leidenschaftlichen Wahlkämpfe zum letztens Kongreß und die Basler Zänkereien mit Aufmerksamkeit verfolgt hat, dem offenbart gerade der Zstmssmus die schroffe Unversöhnbarkeit der GegenWe. Bor allem ist aber die Zahl der Juden, die zionistisch eingestellt sind, viel geringer, als die Mehrzahl der Juden infolge der überaus geschickten Propaganda der Zionisten glaubt. Vor allem ist nur ein sehr kleiner Prozentsatz der Ostjuden national-jüdisch gesinnt. Wer die Stimmenz^hl der Schekelzahler zum letzten Kongreß überschaut, gewinnt erst ein richtiges Bild von den wirklichen Zahlenverhältnissen. , Der Zionismus ist im besten Falle nur der 'Zusammenschluß der politischen Juden, nicht aber der religiösen Gemeinschaften der Judenheit. Wir brauchen mehr. Wir brauchen^ einen machwollen überparteilichen Zusammenschluß der religiösen Parteien des Judentums und als seinen sicht-

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