Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 12 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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348 — Ein ernstes Wort an die jüdische Gemeinschaft. Ter Landrsvcrbano der Preußiicken Gemeinde» vcröfsenNichl zum bevorslehenden Neujahrsfesie einen A u f r u i, den wir aniäiliegend im Äuszng wiedergcben: 2cib Ihr Euch bewußt, daß die Juden in Deutschland in ernster Gefahr stehen, an Zahl abzunchmen und an Kraft und Gesundheit zu verkümmern'? Nein? Nun, dann werft einen Blick auf die einstmals blühenden jüdischen Gemeinden der Klein städte und sehr, wie sie, selbst da. wo eine nennenswerte Abwanderung nicht stattgefunden hat, von Jahr zu Jahr mehr zufammenschrumpfen, so daß viele von ihnen ihre Gotteshäuser selbst an hohen Feiertagen geschlossen halten müssen. Blickt aus die Veröffentlichungen der großstädtischen jüdischen Gemeinden, und ihr werdet erkennen, wie zahlreich die jährlichen Absplitterungen durch Austritt und Taufe sind. Unterrichtet Euch darüber, daß eine blühende und große Kinderzahl, einstmals Stolz und Stütze der jüdischen Familie, nur noch selten anzutreffen, daß die Geburtenzahl in langsamem und stetigem Abnehmen begriffen ist. Tie Berliner jüdische Gemeinde, die 1914 zum Beginn des Krieges ca. löst 000 Juden zählte, hatte 1925 trotz starken Zustromes aus den beseelen Gebieten, dem Reich und dem Lsten 172000 Juden, was nur aus den starken inneren Berlusten zu erklären ist. Auf 1000 Berliner Juden kommen neuerdings nur noch ca. 10 Geburten jährlich gegenüber 17 bis 18 bei den Franzosen. Ein Teil des Nachwuchses geht durch die Mischehen verloren, die an sich ge.ing an Kinderzahl sind. Tie Ehelosigkeit hindert zahlreiche jüdische Mädchen, zur Mutterschaft zu gelangen. Line der Ursachen des Geburtenrückganges ist ferner die Spätehe; sie trägt erfahrungsgemäß auch einen großen Teil der Schuld an der traurigen Tatsache, daß Nervosität unter den deutschen Juden stärker verbreitet ist als unter anderen Bevölterungsschichten, daß die Zahl der Selbstmorde erschreckend zugenommen hat. Tie Selbstmorde betrugen in Preußen auf 100000 Lebende der Be völkerung im Jahre 1925 bei der evangelischen Bevölkerung 27,9, der katholischen 13,5, der jüdischen 53,2! Wollt ihr solchem Niedergang mit verschränkten Armen zuschauen? Was aber kann geschehen? Wirksame Maßnahmen müssen einsetzen. Bon diesen sind zunächst ins Auge zu fassen: die Ermöglichung der F r ü h e h c durch Ausgestaltung der Ehekassen von seiten der jüdischen Gemeinden die Einrichtung von Eheberatungsstellen, Wochenhilfe, Förderung der Stillpropaganda durch Wort und Tat, die Unterstützung aller Bewegungen, die aus körperliche Kräftigung unserer Jugend abzielen. Daneben muß an einer Berufsumleitung gearbeitet werden, die allen äußeren Schwierigkeiten zum Trotz berufstätige Juden da einreiht, wohin sie nach Anlagen und Neigungen gehören, und sie nicht sinnlos in wenigen Berufen anhäüft, weil man sie bisher nur in diesen dulden wollte. Ebenso müssen die Siedlungsbestrebungen mit allen Kräften gefördert werden. So muß endlich eine vernünftige Verteilung von Juden aus Stadt und Land zustande kommen und nicht allmählich die licht- und luftlose Großstadt zum einzigen Asyl eines verkümmernden Geschlechts werden. Und vor allem: Mütter! An Euch ist es, in Euren Kindern das Verantwortungsgefühl für das eigene Geschlecht und für die künftigen jüdischen Generationen zu erwecken und zu stärken. Glaubensgenossen, achtet mit erhöhter Aufmerksamkeit aus alle Fragen der jüdischen Beoölkerungspolitik, arbeitet in euren Gemeinden an ihnen tzrit und benutzt im Kreise eurer Familien und eurer Bekanntschaft jede Gelegenheit, um Gleichgültige und Ununterrichtete darüber aufzuklären, daß es augenblicklich keine wichtigere Frage für uns geben kann, als einen ausreichenden Nach wuchs in körperlicher Kraft und geistiger Frische heranzuziehen! An die Rabbiner und Lehrer ergeht der Ruf, in gottesdienstlichen Veranstaltungen und öffentlichen Versammlungen im Sinne unseres Ausrufes zu wirken; den Gemeindeoorständen er wächst die Pflicht, ihre Kraft einzusetzen für die Erneuerung eines gesunden Familienlebens. Ein jüdisches Konzil! Ein Mahnworl an alle religiösen Parteien der Judendeit. Allsabbathlich bekennen wir im Gottesdienst die Einheit und Einzigkeit Israels: „Und wer ist wie Tein Volk Israel, die Einheitsgemeinschaft auf Erden!" In den heiligsten Stunden des Jahres, am Neujahrsfest und am Versöhnungstag, schauen wir über die Grenzpfähle Israels hinaus und schwärmen und schwelgen in der Hoffnung auf die kommende Einheit der Menschheit, „daß die Menschheit ein Bruderbund wird, geeint in der Sehnsucht, Gottes Willen auf Erden zu erfülle».' Aber der Weg bis zu diesem letzten Menschheitsziel ist weltenweit. Manchmal scheint es, als ob wir uns von ihm entfernen, statt uns ihm zu nähern. Was uns aber besonders ernst und nachdenklich stimmen muß, ist die Tatsache, daß die Juden unter einander den Zusammenhang verloren haben. Sie haben sich nachgerade so weit von der gemeinsamen Heimat entfremdet, daß sie 'den Heimweg nicht mehr finden können. Sie reden vielerlei Sprache, so daß sie einander nicht mehr verstehen. Dürfen