Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 12 (16.9.1927)
- Date
- 1927-09-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
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Gemeindezeitung für die ifragütifcfren Gemeinden Tvuritembergs v l So**»» pupl. 4 Ktid)«anifc «tagdnaaKt to R<td)(pfcaBlg Mt» «Uchm ■i«HI» »Mim mm l.o. H. Israelitische verlaovaüstalt S. m. d. ernpMch« 0.'IL «SSO (an für Porlt—Mfr.) 0<t|ttftUitnng; Stadtvaddtuer vr. Rltger, Stuttgart cmtmtut« ii Mt «tofpoMg« noBpat*Ul«»rttt otti tarnt Kamm SO Rddiopfandg f—Uknoojtlpta noö kldo« |m»iaca M* Klrtnylk SO Rftdjspfcontg UeAinm» 1.» Rctdj saunt M OSlOtrQoInnBca Dsggflnplftgog IV. Jahrgang Stuttgart, 16. September 152? Nr. 12 n neuen Jahre!" Alle Lehnsucht, alles Hoffen und Wünschen fassen wir Menschen in das eine Wort zusammen. Glück. Darum gibt es auch nichts auf Erden, was sich in den Seelen so vielgestaltig ausprägt wie: Glück. Frage tausend Menschen, was sie unter diesem Glück verstehen, und sie werden dir tausendfältige Antwort erteilen. In jedem Geschlecht, in jedem Alter, in jeder Stimmung ist es ein Verschiedenes. Vielleicht ist es gut, daß wir nicht alle dem Worte den gleichen Sinn geben, daß wir das Glück des Andern verlachen, weil wir ein viel schöneres ersehnen. Eines aber empfinden wir alle bei diesem Worte: es muß etwas Wertvolles für uns sein, etwas, das uns reicher und freier macht, ob es nun Leben oder Gesundheit, Augenblicksfreude oder Sinnentaumel, Geld oder Ehre, Frieden oder Frohsinn bedeutet oder all das zusammen. Und doch gibt es ein Glück, das für alle Seligkeit und höchste Daseinsfreude ist, ein Glück, das für alle das gleiche, um das wir alle beten, nach dem wir alle ringen müssen, ein bleibendes Glück, das der Augenblick nicht zu rauben vermag, das über Leid und Schicksal triumphiert, das Triebkraft der Arbeit, Ansporn der Tatkraft, Motor des Lebens ist. Das ist das Glück, das Mose seinem Nachfolger gewünscht: Sei stark und bleib fest! Zuerst: Sei stark, glaube an dich, an deine Kraft, an deinen guten Stern, an deine Zukunft! Willst du im Sturm bestehen und dich im Leben behaupten,' kein Spottbild der Menschen, kein Spielball des Zufalls sein — sei stark. Das gibt dir ewige Jugend, leuchtende Augen, sieghaften Frohsinn, Schwungkraft der Seele. Ter Glaube an dich ist das Wissen um deine Kraft, die Wafte im Kampf mit dem Schicksal, das Geheimnis deines Sieges. Alles mag dir das Leben rauben — nur eines wahre dir: diesen Glauben an dich. Dann bist du innerlich reich inmitten der engenden Armut, dann wanderst du durch sonnige Sommergärten mitten in Winternächten, dann bist du unbesiegbar, denn du hast das Glück. Und dann: bleib fest — glaube, hoffe, baue auf Gott! Das ist die Kraft, von der die Schrift spricht: ,,Glaubet an den Ewigen, euren Gott, dann steht ihr fest (2. Ehr. 20, 20)!" Dieser Glaube ist nicht untätige Trägheit, nicht feige Gedankenlosigkeit, nicht ein kindisches Warten auf das Wunder. Er ist das unerschütterliche Vertrauen -auf den Sieg des Guten, den Triumph des Rechtes, der unzerstörbaren Idealismus, unbesiegbare Religiosität bedeutet. Das ist das Geheimnis der Ewigkeit Israels, daß es diesen Glauben nicht verloren, sein Sieg über den lähmenden Zweifel, die Quellkraft seiner ewigen Jugend. Es hat sich nicht beirren und nicht verwirren lassen durch bittere Erfahrung, durch bange Enttäuschung. As gam saus „und dennoch!" TaS war hie zauberkrästige Wanderlosung, der geheimnisvolle Talisman, das eigentliche Wunder in seiner Geschichte. Scheinbar gebrochen, vom Schicksal zerschmettert, am Wege verblutend — und doch unüberwindlich: es kommt der Messias, das Recht muß Recht bleiben, denn es lebt ein Gott, der Bürge des Guten. Tie Zukunft ist ein weiter Gottesgarten. Wir sollen dem Ackerboden des neuen Jahres die Aussaat der Arbeit anvertrauen. Gvviß wird nicht jedes Saatkorn reiche Frucht reisen. Wehe aber dem Ackersmann, der den Glauben an die Aussaat verloren! Wir wollen im neuen Jahre, im Vertrauen auf unsere Kraft schaffende Menschen bleiben, stark in dem Glauben, in dem Hoffen, in dem Vertrauen auf den Gott, der ehrliche Arbeit noch immer gesegnet hat. Das ist das Glück, das wir am Neujahrsfeste erflehen wollen. Leschonoh tauwoh thikossewu: Möge ein güttges Schicksal uns allen dies einzige echte Glück schenken! — i