Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 11 (1.9.1927)
- Date
- 1927-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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religiöse Denkweise auch unter Opsern zur Grundlage ihrer eigenen Lebensführung zu machen. Ein wichtiges, vielleicht das wichtigste Mittel der Erziehung, fehlt uns hier: das lebendige Vorbild. Ta? gegenwärtige Judentum in Deutschland weist zwar eine ganze Reihe von Persönlichkeiten auf, die auf den verschiedensten Gebieten Hervorragendes leisten, aber nur wenige, die bewußte Juden in dem von uns beschriebenen Sinne genannt werden können. Die Hauptschuld hieran trägt eine mangelhafte Kenntnis des Judentums, die nicht nur mangelndes Selbstbewußtsein, sondern auch mangelndes Interesse für jüdische Angelegenheiten zur Folge hat. Für das deutsche Judentum ist es eine Lebensfrage, daß diese Schwäche für die Zukunft beseitigt wird. Unsere Jugend muß mit einem besseren jüdischen Wissen ausgerüstet werden, als bisber. Jüdisches Wissen besitzen, bedeutet zu den Quellen jüdischen Seins durch die Kenntnis des jüdischen Schrifttums und der jüdischen Vergangenheit Vordringen, lernen in erster Linie, iras Bibel und Talmud, was unsere Propheten u. Weisen über die sittlichen u. sozialen Aufgaben Israels lehren, was der Jude seinem Gotte, sich selbst, seiner Glaubensgemeinschaft, seinem Vaterlande, seinen Mitmenschen im weitesten Sinne des Wortes schuldig ist. Ein solches Wissen erst liefert die Bürgschaft für eine tatkräftige Mitarbeit an den Ausgaben der jüdischen Lefsentlichkeit, welche die Erhaltung des Judentums und der Judenheil bezwecken, für eine verständnisvolle und fördernde Anteilnahme an allen das Judentum bewegenden Fragen. Ein solches Wissen liefert aber auch die Bürgschaft für eine veredelte Lebensaussassung und Lebensführung des einzelnen. Eine vertiefte Behandlung von religiösen, ethischen und sozialen Problemen, von Fragen der Weltanschauung und LebenSausfassung kommt naturgemäß nur für die reifere Jugend in Betracht, für eine Entwicklungsperiode, welche schon jenseits des schulpflichtrgen Alters liegt. Das ist die Zeit, wo der junge Mensch am meisten zum Zweifel, zum Widerspruch, zur Ablehnung alles Autoritätsglaubens geneigt erscheint und doch, von Röten mancherlei Art bedrängt, Anlehnung und Hilfe bei denen sucht, von denen er Verständnis und rechte Führung zu erwarten berechtigt ist. Tie Ursache, daß vergangene Geschlechter die Eigenart und das Recht der Jugend nicht genügend berücksichtigt l)aben, hat zu der sogenannten Jugendbewegung geführt, bei der die Jugend mit eigener Kraft sich helfen wollte. Auch die jüdische Jugendbewegung mar anfangs von diesem Gedanken getragen. Man hat aber doch allmählich einsehen müssen, daß man hier, ivo et in erster Linie aus die Ergründung und Ersasiung jüdischen Wissens ankam, sich doch der Leitung und Führung der Sachkundigen, d. h. der Rabbiner und Lehrer, anvertrauen müsse. Diese Entwicklung hat es mit sich gebracht, daß wir heute eindn Rabbiner an der Spitze des Reichsverbandes sehen, und Rabbiner und Lehrer als Führer in den Landesverbänden und den lokalen Jugendbünden. Freilich, nicht jeder Rabbiner und Religionslehrer erscheint zu einer solchen Tätigkeit geeignet. Mehr noch als entsprechendes Wissen erfordert sie die Fähigkeit, sich auf das Seelenleben der Jugendlichen einzustellen, in kameradschaftlicher Weise mit ihnen zu verkehren. Die Arbeit in den Jugendbünden stellt auch keineswegs einen bloßen erweiterten Religionsunterricht dar. Sie umsaßt alle Beziehungen, durch welche der junge Mensch mit der Außenwelt verknüpft ist. Sie will seine Allgemeinbildung erweitern und vertiefen, ihn für alles Gute, Schöne und Wahre empfänglich machen. Sie will seine körperliche Ertüchtigung, eine Forderung, die gerade für den Durchschnitt der jüdischen Jugend, die noch immer unter der Nachwirkung jahrhundertelangen Ghettoelends leidet, ungeachtet hervorragender sportlicher Leistungen einzelner, mit Nachdruck hervorgehoben werden muß. Die körperliche Ertüchtigung ebnet auch der so oft gewünschten Berufsumschichtung, dem Uebergang unserer Jugend zur Landwirtschaft und zum Handwerk, die Wege. Der Landesverband will dem Judentum einen überzeugungstreuen, lebensftohen und idealgesinnten Nachwuchs liefern. Er braucht daher nicht nur die Hilfe der berufsmäßig im Dienste des Judentums Tätigen, die als selbstverständlich angesehen werden muß und überall gern geleistet wird, sondern auch die Hilfe aller anderen, die mit ihrem Wissen unserer Jugend dieuen können. Der Schreiber dieser Zeilen verzeichnet es mit hoher Genugtuung, daß eine Reihe von Persönlichkeiten, an die er sich gewandt hat, sich gern in den Dienst der guten Sache gestellt hat. Es gibt namentlich in den größeren Städten Württembergs viele Männer, deren 4iamen auch draußen auf dem Lande einen guten Klang haben und Vortragsabende, die von ihnen in ländlichen Gemeinden veranstaltet werden, werden stets zahlreich besucht und mit besonderem Tank ausgenommen. Sie bringen ein belebendes und förderndes Element in das Leben der Gemeinde. Freilich der Landesverband besitzt keine Mittel, um Vorträge zu honorieren. Er kann bestenfalls nur die Kosten für Reise und Aufenthalt ersetzen, und auch das nur, weil der Württembergische Lberrat ihm eine Unterstützung von hundert Mark vierteljährlich gewährt. Damit hat der Oberrat den Vorsteherämtern ein beherzigenswertes Beispiel gegeben. Wollen die Mitglieder der Vorsteherämter es als ihre Ausgabe ansehen, nicht bloß Finanzverwalter zu sein, sondern auch das geistig-jüdische Leben in ihren Gemeinden zu fördern — hier bietet sich