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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-08-16 · 10 (16.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
10 (16.8.1927)
Date
1927-08-16
Page
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bringen will, ist also kein geeignetes Mittel ztir Produktivierung der jüdischen Wanderung. Falls die Zahl der jüdischen Wanderer im letzten Jahre wirklick 22 000 betragen hat, so sind selbst in fünf solchen Kolonien 250, d. h. etwa Meieinhalb Prozent der Gesamtzahl unterzubringen. Falls diese *250 Plätze im Laufe dieses Jahres lvirklich vier- bis fünfmal belegt werden können, würden dann im Höchstfälle erst 12'» Prozent der Wanderer vorübergehende Unterkunft gefunden baden. Und was wird mit den übrigen 871 Prozent? Nach den eigenen Angaben Dyks, die als Material dem Berichte beigegeben find, betragen die Anlage- und Betriebskosten einer solchen landwirtschaftlichen Kolonie 700 000 Mark, die eine Verzinsung von 42000 Mark erfordern. Tazu kommt nach Dyks Berechnung ein wahrscheinlich notwendiger Zuschuß, für die Kolonie von jährlich 15000 Mark. Wird ein Ueberschuß von 34 500 Mark erwirtschaftet, so beträgt der erforderliche Jahresübcrschuß 22 500'Mark. Falls also 50 Wanderer in diesem Betrieb Unterkunft und Beschäftigung finden, so betragen die Kosten des Einzelwanderers .wenigstens im ersten Jahre) 450 Mark! Jeder Einsichtige wird begreifen, daß das vorgeschlagene Projekt also tatsächlich wirkungslos und finanziell verfehlt ist. Es bleibt nur der Ausiveg,. den Mischen Wanderern eine Arbeitsmögllchkeit zu schaffen, die sie sofort oder nach ganz kurzer Zeit zu produkliver Arbeit überleitet. Tiefen Ausweg hat Joseph Schwarzschild-Stuttgart auf der Tagung gezeigt — leider ohne das rechte Gehör für seinen Vorschlag zu finden, indem er eine Arbeit für die jüdischen Wanderer empfahl, die sie ohne Vorkenntnisse nach kurzer Anleitung sofort leisten können: die Sortierung von Abfällen für die Industrie oder einen speziellen Handelszweig in Lohnarbeit. Schnarzfchild erinnerte dabei daran, daß die Justizverwaltung schon sert 1913 mehr als 2000 Gefangene jährlich mit dieser Arbeit beschäftigt. Das Ergebnis der Berliner Beratung ist leider nur die farblose Erklärung gewesen, daß die Mitgliederversammlung von den vorgelegten Leitsätzen „mit Interesse und Tank Kenntnis genommen hat" und den Vorstand „bittet, die vorgelegten Projekte der landwirtschastlichen und gewerblichen Produktivierung einer weiteren Prüfung und Beratung zu unterziehen." Tie jüdische Oeffentlichkeit hat die Pflicht, sich frei über die Berliner Beratungen zu äußern. Sie ist der neuen Zeitschrift zu ernstem Tanke dafür verpflichtet, daß sie durch die Veröffentlichung der Berliner Beratungen die fteie Aussprache über die ernst- Frage der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderung eröffnet bat. 294 — Erinnerungen aus meiner Heimatgemeinde Jebenhausen. Von ReligionSlebrer Adelsheimer-Ctuttgart. ( In kurzer Zeit feiert die israelitische Gemeinde Göppingen das Fest des 60jährigen Bestehens ihrer Synagoge. Zu gleicher Zeit erscheint eine „Geschichte der Juden in Jebenhausen und Göppingen", in welcher der Verfasser, Rabbiner Tr. Tänzer-Göppingen, ein interessantes Bild dieser Mutter und Tochtergemeinde, nach geschichtlichen Quellen bearbeitet, darbieten wird. Hiedurch veranlaßt, möchte ich einiges aus dem täglichen Leben und Treiben in meiner Heimatgemeinde Jebenhausen — die ja nun schon seit 3 Jahrzehnten aufgehört hat zu bestehen — nach meinen Kindheitserinnerungen und dem, was ich von den „Alten" hörte, erzählen. Wer heute von Göppingen auf der bequemen „neuen Straße" nach Jebenhausen wandert, findet ein mittelgroßes Dorf mit vielen neuen oder gut erhaltenen hübschen Häusern. Aber der Charakter dieses „oberen Dorfes" ist ein völlig anderer geworden. Denn dort, wo heute uns der ausgeprägte Jndustrieort mit seinen gut gepflegten und erhaltenen, aber doch so fremd anmutenden Arbeiterwohnungen entgegentritt, war vor 7 Jahrzehnten noch das Judendorf. Tenn das „obere Dorf" gehörte den Juden. Hier wohnten in den 40iger und 50iger Jahren des vorigen Jahrhunderts, in der einzigen Straße, die von Göppingen her bis zur Mitte des Dorfes führte, und von der noch 2 kurze Seitenwege äbzweigten, auf engem Raum 400—500 Juden in kleinen aber sauberen, meist einstöckigen Häusern. In der heutigen Wirtschaft zum Ochsen, einem langgestreckten einstöckigen Haus — dem sogenannten „Bau , sollen damals allein 7 jüdische Familien gewohnt haben. Wie viele Kinder sind dort täglich ein- und ausgegangen, mehr als heute in einer kleineren jüdischen Gemeinde anzutreffen sind. Herrlich leuchteten in der Chanukkazcit aus diesem Bau all die vie.en Chanukkalichter in die schneebedeckte Straße hinaus. Mitten im Judenort, wo die Straße eine Biegung macht, stand behäbig und stattlich das „Waldhorn", eine weit und breit bekannte jüdische Wirtschaft. Noch größeren Eindruck aber machte auf mich die Wirtschaft zum „König David". Denn hier saß im Aushängeschild der große König in prächtigem Purpurmantel, die Krone auf dem Haupt, und spielte gar meisterlich auf der Harfe. Hier, am „"Judenbuckel", wo die Straße steil ansteigt, fanden oft, besonders am Sonntagnachmittag, Straßenkämpfe statt, in denen die jüdische Jugend des Ortes ihre überschüssige Kraft austobte. Aber schnell vereinigten sich die streitenden Partoten, wenn es galt in gemeinsamem Kampf die streitbare christliche Dorfjugend, die manchmal im Judendorf einbrach,

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