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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-08-16 · 10 (16.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
10 (16.8.1927)
Date
1927-08-16
Page
[Seite] (sequence 3)
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schaftsordnung (nach dem Vorgang der ORT» Gesellschaften) einzureihen! Die Aeußerungen gegen die Warnungslisten, in denen die arbeitsscheuen oder gar verbrecherischen jüdischen Wanderer verbucht werden, sind von falscher Sentimentalität diktiert, die nirgends, am wenigsten aber bei der Beurteilung der jüdischen Wanderung, Berechtigung hat. Es ist unbedingt notwendig, daß solche Listen vorhanden sind, welche die Abfertigungsstellen vor Täuschung schützen und zugleich den jüdischen Wanderer vom Berufsschnorrer und Schwindler scheiden. Bei diesen Listen handelt es sich nicht „um irgendeinen, der sich an irgendeinem Orte unhöflich benommen hat," sondern um Menschen, die jahrelang die Kassen brandschatzen und durch ihre Gaunereien das Judentum beschimpfen. Es ist geradezu falsch, wenn behauptet worden ist, daß zufällig bekanntgewordene Gerichtsstrafen eines Wanderers von irgendeiner deutschen Abfertigungsstelle als Grund zu seiner Abweisung betrachtet worden sind. Aus jahrzehntelanger Mitarbeit kann ich behaupten, daß mir ein solcher Fall nicht bekannt ist. Tas Problem der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderung in Deutschland geht also in seinen letzten Auswirkungen daraus zurück, daß sich der Versuch der Produktivierung mit wenigen Ausnahmen auf diejenigen Wanderer zu beschränken hat, die infolge der Nachwirkungen des Krieges und durch die schmachvolle Boykottierung jüdischer Angestellter infolge antisemitischer Bewegung stellenlos geworden sind. Aber auch für diesen Bruchteil wäre es verfehlt, etwa durch landwirtschaftliche oder handwerkliche Arbeiterkolonien Arbeitsstellen zu schaffen. Für ihn ist ein guter Arbeitsnachweis das wichtige Gegenmittel und vor allem eine tatkräftige Berufsumschichtung das gebotene Korrektiv. Wird es jüdischen Angestellten in der chemischen Industrie immer schwerer, Anstellungen zu finden, so muß der jüdische junge Mann rechtzeitig entschieden vor dem Ergreifen dieses Berufes gewarnt werden. Ist aber der Beruf gewählt, dann muß sosort ein Berufswechsel in die Wege geleitet werden. Nachfrage regelt den Bedarf. Läßt die Nachfrage nach einem Erzeugnis nach, so wird der einsichtige Erzeuger dessen Herstellung ■ einschränken. Sind Juden in einem bestimmten Industriezweig nicht unterzubringen, so müssen sie ihn meiden. Es wäre aber ganz verfehlt, etwa solche jüdische Angestellte vorerst in einer Kolonie unterzubringen und sie dort warten zu lassen, bis sich die Sachlage ändert. Wortreiche Klagen sind hier nutzlos. Vernünftige Verwertung der Arbeitskräfte gebietet als einzigen Ausweg die Wahl eines neuen Berufes. Hier bietet die Zuführung jüdischer junger Menschen zu den Berufen der mittleren Beamtenlaufbahn besonders anssichtsreiche Möglichkeiten. Das Ergebnis der theoretischen Ausführungen zum Problem der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderer hätte also lauten müssen: Helft Juden, die in Industrien oder Betrieben gelernt haben, welche die jüdische Mitarbeit ausschallen, zu möglichst schneller Berufsumschichtung! Dagegen ist für die Produkttvierung eines zahlenmäßig wahrscheinlich sehr geringen Rest-' teiles der jüdischen Wanderung ,n Deutschland Abhilfe zu beschaffen. Hier können die in'Berkin gemachten Vorschläge eine Wendung zum Besseren vorbereiten. Leider kranken diese Vorschläge mit Ausnahme eines einzigen daran, daß sie den Wanderer zu lange auf den neuen Beruf vorbrreiten, der ja tatsächlich kein neuer Berus, sondern eine zeitweilige Arbeitsstellung bedeuten soll. Den richtigen Weg hat die Brockensammlung und Kleiderkammer des Wohlfahrtsamtes der Berliner jüdischen Gemeinde gezeigt, die tzme größere Anzahl gelernter und ungelernter Arbeiter bejschäftigt. Ein solches Unternehmen ist aber nur in wenigen Großgemeinden denkbar. In Gemeinden wie Stuttgart wäre auf diese Weise für zwei bis drei Arbeiter Beschäftigung zu schaffen — sicher keine Abhilfe bei einer Durchwanderung von 600 Personen! Die in Berlin vorgeschlagcne Schassnng landwirtschaftlicher Kolonien »ach dem Vorbild der Bodelschwinghschen Anstalten, die einen großen Prozentsatz der deutschen Wanderung in sich ausnehmen, ist sicher gut gemeint, aber durchaus verfehlt. Seit Jahren versucht die Stuttgarter jühjsche Absertiguugsstelle jüdische Wanderer den württembergische» landwirtschaftlichen Kolonien zuzuweisen — ohne den mindesten Erfolg. Nicht einmal strafentlassene Juden wollen sie aussuchen und noch weniger in ihnen verbleiben. Landwirtschaftliche Kolonien sind für landwirtschaftliche und vielleicht auch für ungelernte Arbeiter die rechte Unterkunftsstclle. Unter den jüdischen Wanderern befindet sich aber nur ausnahmsweise einmal ein landwirtschaftlicher Arbeiter. Die Durchwandecer wehren sich instinktiv gegen die ihnen vorgeschlagene Zuführung in solche Kolonien, weil sie fühlen, daß sie hier an falschem Platze stehen und von hier a us nie in eine zvirtschaftlich unabhängige Stellung gelangen können. Der Vorschlag wird aber geradezu zu einem Fehlschlag, wenn die jüdische landwirtschaftliche Kolonie „lediglich als Uebergangsheim gedacht ist, bis es gelungen ist, den einzelnen Wanderer aus Grund seiner Eignung und Fähigkeit in Arbeit zu bringen (2. 18)." Als Dauerheim und bleibende Arbcitsunterbringung ist die Kolonie denkbar. Als Uebergangsheim ist sie nur für die verschwindend kleine Zähl der jüdischen landwirtschaftlichen und ungelernten Arbeiter möglich. Das Tyksche Projekt, das fünfzig Wanderer in zwei bis drei Jahren (S. 50) unter»

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