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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-08-16 · 10 (16.8.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
10 (16.8.1927)
Date
1927-08-16
Page
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stehenden Menschen über die Erfordernisse und Voraussetzungen dieser Arbeit unterrichten. Sie will das von der Hauptstelle für jüdische Wanderfürforge und von dem Arbeiterfürsorgeamt der jüdischen Organisationen gesammelte Material zusammenstellen und schließlich Mitarbeiter für die jüdische Wohlfahrtspflege werben. Als Heft 1'2 der Zeitschrift ist soeben der Bericht über die Mitgliederversammlung der Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge erschienen, die am 8. und 9. Mai in Berlin stattgefunden hat. Sie war dem Problem der Produktivierung der jüdischen Wanderung in Deutschland, d. h. der Verwertung der Arbeitskraft der jüdischen Wanderer gewidmet u nd hat mit voller Klarheit gezeigt, daß die Hauptstelle für jüdische Wanderfürsorge alles unternehmen muß, ihre Pfleglinge dem Wanderstrome zu entreißen und in deniWirtsqaftsorganismus einzureihen. Die jüdische Oefscntlichkeit hat bei der außerordentlichen Wichtigkeit dieser Aufgaben die Pflicht, die in der Berliner Tagung gemachten Vorschlüge ernst zu prüfen. Gelingt es, die jüdischen Wanderer zu produktivieren, sie in produktive, sich selbst erhaltender Arbeiter umzuwände,n, dann ist das Problem der jüdischen Wanderung gelöst. Es bleibt ungelöst, solange dieses Ziel nicht erreicht ist. Tie Voransscsung zur Erreichung dieses Zieles ist die genaue Statistik des Umfanges der jüdischen Wanderung in Deutschland. Will man ein Uebel beheben - und ein solches -ist diese zumeist sinnlose Wanderung — dann muß man seinen Umfang kennen. Tie offiziellen Stellen rechnen zurzeit mit etwa ‘22 000 jüdischen Wanderern in Deutschland. Ta aber ein wesentlicher Teil dieser Wanderer nur Turchivanderer durch Deutschland sind, Heimkehrer aus allen Lindern nach allen Ländern der Erde, muß die 'behauptete Wandercrzahl um diese Anzahl verringert werden. Von der Reskzahl muß iviedcr die Zahl derjenigen jüdischen Wanderer, die arbeitsfähig sind, sestgestellt werden, da naturgemäß die Arbeitsinvaliden und die Uebcralterten einer produktiven Tätigkeit nicht zugeführt werden können. Zu den Uederalterten müsse» alle Wanderer gezählt werden, die das 55». Lebensjahr überschritte» haben. Ich wage die Behauptung, daß die arbeitsfähigen und arbeitswilligen jüdischen Wanderer in Deutschland zu 75 Prozent Turchwanderer sind, die gar nicht den Willen und nur «selten 'den Wunsch haben, in Deutschland zu verbleiben. Es find Menschen, die der deutschen Sprache kaum oder nur mangelhast mächtig sind, zumeist Tschechoslovaken, Ungarn, Polen, Litauer und Rumänier. Ferner müssen von der verbleibenden Restzahl alle jene abgezogen werden, die zu ihrer Arbeitsstätte reisen, und jene, die aus bestimmten familiären Gründen (wie Eheleute, die zu ihrer Familie, oder Kinder, die zu ihren Eltern) unterwegs sind, um die reine Zahck der zu tproduktivierenden Wanderer zu erhalten. Schließlich müssen die Berufsschnorrer, Menschen, welche durch jahrelanges Wandern die sittliche und seelische Kraft zu ehrenhafter Arbeit verloren haben, und die geradezu als pathologische Erscheinungen betrachtet werden müssen, sowie die Sammler, die im wesentlichen zu diesen Bcrufsschnorrern gezählt werden müssen, ebenfalls aus der Gesamtzahl der zu produktivierenden Personen ausgeschaltet werden. Die verbleibende Restzahl gibt erst die wirkliche Zahl derer an, die für eine Seßhaftmachung und Produftiviecung in Betracht kommen. Aber auch abgesehen von diesen Einschränkungen erscheint die offiziell mitgeteilte Zahl der jüdischen Wanderer weit übertrieben. Die einzelnen Abfertigungsstellen zählen die von ihnen weiterbesorgten Wanderer, und es scheint, daß die mitgeteilten Zahlen die Anzahl der Abfertigungen, aber nicht die wirkliche Zahl der Abgefertigten angeben. Es wäre die erste Aufgabe der Tagung gewesen, ein möglichst einwandfteies Zahlenmaterial mitzuteilen. Aber eine Durchsicht des veröffentlichten Berichts ergibt, daß von alldem nichts, dafür aber von sehr gleichgültigen und von'vielen nicht hierher gehörigen Dingen sehr viel in Berlin geredet worden ist. Auch gegen einen wesentlichen Teil der „Grundsätzlichen Bemerkungen zur jüdischen Wandecsürsorge" muß Einspruch erhoben werden. Es ist richtig, daß die jüdische Wanderung in Deutsch, land ein Teil der allgemeinen jüdischen Wanderung ist, daß Deutschland als die Brücke von Ost nach West jede Erschütterung im Westen oder im Osten in Form der jüdischen Wanderung miterlebt. Aber eben dieser zahlenmäßig größte Teil der jüdischen Wanderung in Deutschland ist nur Durchwanderung, kommt also für die Produktivierung der Arbeitskraft der Wanderer nicht in Betracht. Daß diese Wanderer in Deutschland, in Belgien und Frankreich als erste bei der Stilllegung der Betriebe wie bei Eintreten einer Arbeitslosigkeit ihre Arbeitsstellen einbüßen, um einzustellenden inländischen Arbeitern Platz zu machen, ist nur natürlich Es ist also durchaus irreführend, diese Tatsache als „jüdisches Schicksal" auszudeuten. Daß der Versuch der Seßhastmachung und Produftivierung dieser ausländischen jüdischen Wanderer in Deutschland mißglücken mußte, ist selbstverständlich. Hier heißt es gründlich umzulernen und den einzigen richtigen Weg für diese Durchwanderer zu wählen: Produktiviert sie in ihren Ursprungsländern, schafft sie auf kürzestem Wege in chre Ursprungsländer zurück und sucht sie dort in die Wirt-

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