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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-07-01 · 7 (1.7.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
7 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
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— 198 - dringlich und angelegentlich zu empfehlen. Wenn O. v. Harling sich entschlossen hätte, da und dort entschiedener in die Arbeit seines Vor gängers einzugreifcn, so wäre das Werk Hpmans auch vom jüdischen Standpunkt aus unein geschränkt zu empfehlen. Judentum — und Landgemeinden. Von Oberlehrer Spatz-Reringen. Ter Materialismus mit seinem mechanischen Weltbilde liegt im Sterben. In Wissenschaft und Wirtschaft bahnt sich eine Neuorientierung an, als deren Pfadfinder Literatur und Kunst anzu sprechen sind. Tie Jugend sucht einen neuen Le bensstil zu gewinnen und findet ihn in.einer naturfrohen vergangenheitsfreudigen Romantik. Selbstverständlich ist auch die jüdische Jugend als ein Teil der deutschen Jugend ganz und gar auf den neuen Lebensstil eingestellt. „Zurück zur Scholle! Aufs Land — zur Rettung des Juden tums! Flucht vor dem großstädtischen Uebermen schentum und hochnäsigen Kritizismus!" — so klingt es aus den Reihen der Nachdenklichen und Besten in unserer jüdischen Jugend. Und schon zeigt der Ruf praktische Folgen, schon zeitigt er die Forderung: Tie Landgemeinden müssen erhalten werden, um den Untergang des deutschen Judentums abzuwchren. Tie Landge meinden erhalten eine wichtige Ausgabe. Es ist deshalb Pflicht, ernste Untersuchungen anzustellien, ob die jetzt so laut auftretende Forderung mehr als ein Schlagwort, ob sie einer realen Begrün düng fähig ist. Zunächst einmal sind die Begri^e festzustellen. Unter Judentum" verstehen wir doch wohl in erster Linie einen Komplex klarumschriebener Jde en' die Idee des hoffnungsfreudigen, sittlichen Monotheismus, die messianische Idee, der Glaube an die göttliche Gerechtigkeit, die Idee von der Heiligung des Lebens, der Versöhnung aus eigener Kraft (Teschuba). Tiefe Ideen sind universell d. h. nicht an Land oder Stadt, nicht an Klima und Gegend gebunden, und absolut d. h. unab änderbar feststehend. Sie sind das Bleibende in der Erscheinungen Flucht. Sie sind der ewige In halt unserer geossenbarten Religion. — Weder Stadtgemeinden noch Landgemeinden können, ob jektiv gedacht, auf diesen Inhalt einen Ein fluß ausüben. Wir verbinden mit dem Begrisf Judentum" derzeit aber auch etwas Subjektives: den Be griff eines spezifisch jüdischen Lebensstils, rmn er sich in der Trias: Thora, Abodah, Ugemilus-Chasodim, — Lehre, Gottesdienst und Wohlfahrtspflege ■>— darstellt. Die Forderung nach Erhaltung der Landgemeinden zur Rettung des Judentums hat es wohl nur auf den jüdischen Lebensstil abgesehen. Sie hieße korrekter: „Erhaltung der Landgemeinden zur Rettung jüdischer Lebensweise". Unsere Aufgabe wäre es nun, nach allen Seiten eingehende Untersuchungen anzustellen, inwiefern und inwieweit der jüdische Le bensstil vom Landleben Förderung erfahren kann. Hier sei nur andeutungsweise gezeigt, um wAche Fragen es sich handelt. Haben die Landgeisteinden das Thora st udium wesentlich gefördert und ist von ihnen für die Zukunft eine Erneuerung das Thorawissens zu erwarten? Die Erfahrung lehrt, daß die Stätten der Thorawissenschaft j derzeit in dem Mittelpunkt des kulturellen Lebests, in den Großstädten lagen. Schon der Talmud klagt über die Unwissenheit des „Am hoorez", des Landvolks. Zugegeben aber sei, daß zu den Zeiten unserer Großväter aus dem Land noch ein solides Thorawissen anzutreffen war. Ich erinnerje mich mit einer gewissen frommen Rührung der zahlreichen alten Männer meiner Heimatgemeinde Freudental, die noch vor 50 Jahren ihren Sabbatabschnitt mit Raschi, oder ihren Menorashamoor (moralisch« Betrachtungen) im Urtext lasen; ich sehe sie auf freien Plätzen am Sabbatnachmibtag vor mir stehen und höre, mit welch' regem Interesse sie über Thorastellen disputierten. Später tmf ich in anderen Gemeinden Greise, die noch fähig waren, ein Blatt Gemoroh zu lernen. Ich verdanke solchen Laien-Lehrern sejhr viel. Ich saß gerne zu ihren Füßen und „lernte" mit ihnen. Heute trefsen wir aus dem Lande nur noch dem Am hoorez, den religiös Unwissenden und Uninteressierten. Alle Mühen, Interesse für Geistiges zu wecken, scheitern an dem ausschließlichen, alle anderen Regungen unterdrückenden Geschäftsgeiste. Man beobachte unser Landvolk bei seiner Ruhe, man lausche seiner Unterhaltung! Man wird — von wenigen Ausnahmen abgesehen — staunest und beschämt erröten: Geschäft und nichts als Geschäft bildet die Unterhaltung der Männer, Kleid und Küche die der Frauen. Tie midisten Synagogenbesucher sind unangenehm berührt, wenn der Prediger am Sabbath die KanzA betritt — weil dann die Synagoge länger dauert und weil ein Bedürfnis nach Belehrung nicht vorhanden ist. Jüdische Literaturvereine, Jugemdvereine und ähnliche Veranstaltungen neuzeitlicher religiöser Wiedergeburt können auf dem Lande kin rechtes Leben gewinnen. Vorträge werden aus Neugierde 1, 2, 3 mal besucht — dann ist das Interesse verbraucht. Lehrerlose Gemeinden beklagen nicht so sehr den Verlust des Lehrers, — als den des Schächters. Wie ganz anders ist es in der Stadt! Tort ist die Bevölkerung an und für sich an geistige Interessen gewöhnt. Dort finden auch die jüdischen geistigen Interessen ihre Anhängerkreise und Stätten. — Für den Thorageist kommt vom Lande keine Hilfe. Diese Hoffnung kann man aufgeben. Wie sieht es hinsichtlich der „Abodah" (Gotttesverehrung) aus? Unvergeßlich sind mir die

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