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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-07-01 · 7 (1.7.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
7 (1.7.1927)
Date
1927-07-01
Page
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197 — schichte Israels mit Albrecht zu rechten, ist wohl überflüssig. Für den gläubigen Christen kann die Geschichte nur diesen Endsinn haben. Tagegen ist die Behauptung, daß die Juden „die Hauptträger des Atheismus und Materialismus" und deshalb ein Fluch der ganzen Menschheit geworden sind, als eine Frivolität zu brandmarken. Ich schäme mich nicht dieses Wortes, denn wir sind als Juden an derartige gotteslästerliche Beschuldigungen gewöhnt. Aber ich schäme mich dessen, daß ein gläubiger Christ derartige Frivolitäten in fernem Werke verbreitet. Sie sind ein Zeugnis mangelnden Verantwortlichkeitsgefühls vor Gott und vor Menschen. Muß der Jude den Christen an den Satz der Bergpredigt erinnern: „Wer aber zu seinem Bruder sagt racha, der ist des Rates schuldig! wer aber sagt: du Narr, der ist des höllischen Feuers schuldig (Matth. 5,22)" Ich setze voraus, daß auch Albrecht das Psalmenwort kennt: „Mögen andere fluchen, du sollst segnen (Psalni 109,28)". Selbst wenn seine Behauptung wahr wäre, so hätte sich hier die christliche Einstellung des Versassers bewähren sollen. Aber sie ist, um es noch einmal zu sagen, eine leichtfertige Frivolität. Der Atheismus, darüber hätte ihn jeder philosophiegeschichtliche Abriß unterrichten können, hat mrt dem Judentum soviel zu tun, wie mit dem Chrrstentum seiner Vertreter — nämlich nichts! Und der Materialismus? Wären die Juden Atheisten und Materialisten, sie hätten längst ihren unpraktischen Glauben abgeschworen, der sie materiell, überall hemmt. Es gibt ajbcr keine idealistische Bestrebung, in der nicht Juden in erster Linie Mitarbeiten. Ihr Familiensinn, ihre Wohltätigkeit, ihre Förderung aller edlen Bestrebungen sind Bewerfe für die Unwahrhastigkeit der Behauptung Albrechts. Ich muß ihm ein ernstes Talmudwort zurufen: „Jhw Weisen, seid mit euren Worten vorsichtig, ihr könntet euch sonst zu leicht versündigen." Auch Heman steht auf positiv-christlichem Boden. Für ihn ist die ganze biblische Gcschte die Borgen schichte des Christentums. Auch er sieht in der nachbiblischen Geschichte des Judentums das Walten der göttlichen Vorsehung und entdeckt als eigentliche Ursache aller Leiden der Juden ihre Einstellung zu Jesus (S. 24). Er sucht überall nach Spuren eines angeblichen jüdischen Hasses gegen Jesus und das Christentum. Ja, er redet sich schließlich ein, daß die Juden „wie alle Unterdrückten und Machtlosen sich heimlich an ihren Feinden zu rächen suchten, daß sie im Handel und rn Geldgeschäften durch Wucher und Ausbeutung di« Christen, die ihnen alle Rächte verweigerten, schädigten (S. 30, S. 157)" — eine Anschauung, für die sein Buch selbst den Gegenbeweis erbringt. Auch Heman steht auf dem Standpunkt, daß wohl das Christentum emanzipierte Juden verträgt, daß aber die Völker nur solche Juden vertragen, die sich völlig emanzipieren und ihrär Nationalität und Religion entsagen wollen (S. 86, S. 228)." Herman empfindet, daß die Juden nach der Zerstörung des Tempels keine„ selbständige Geschichte mehr gehabt haben, nieder „eine selbständige Gestaltung ihrer Geschichte noch gar ein tatkräftiges Eingreifen in den Lauf der Ereignisse und in die Geschicke anderer Völker (S. 14)." Trotzdem aber spiÄten di« Juden eine bedeutsame Rolle in der Weltgeschichte, die Hckman noch klarer geworden wäre, wenn er sie als Geistts- und Kulturgeschichte und nicht als Volksgeschichte begriffen hätte. Der eigentliche Wert des Buchas, der es über ähnliche Erscheinungen weit hinausträgt, ist der von O. v. Harling verfaßte .letzte Abschnitt des Buches „Die Juden im 20. Jahrhundert", eine durchaus objektive und in ihren Urteilen sorgsam abgewogene Darstellung der jüngsten jüdischen Geschichte bis auf die unmittelbare Gegenwart. Harling kommt zu dem Ergebnis, daß Theühabers Voraussage vom Untergang der deutschen Juden „einstweilen wenigstens zuschanden geworden ist. Die deutsche Judenheit hat sich aufgerafft und von neuem den Erweis erbracht, daß Deutschland immer noch der geistige Mittelpunkt des gesamten Judentums der Welt ist (S. 416)." Mit flarem Blick erkennt Harling, daß die neue Sicklungsbewegung in Rußland die bedeutsamste Tatsache der neuen russischen Judengrschicht« ist. „Von dem Gelingen oder Mißlingen dieses Planes wird es abhängen, ob das russische Judentum in Zukunft noch einmal berufen sein wird, eine Rolle in der» Geschichte der Juden zu spielen (S. 422)." Ebenso richtig wird die Entwicklung des Zionismus und insbesondere Palästinas im letzten Jahrzehnt geschildjert. Er unterstreicht die offizielle Auslegung der Balfour-Erklärung durch das Statement der englischen Regierung, daß es keinesfalls deren Absicht sei, Palästina als Ganzes in eine jüdische Heimstätte zu verwandeln. Die Grundsteinlegung der Universität Jerusalem im Jahre 1918 kennzeichnet er „als eine Geste, bestimmt Reklame zu machen", und nennt die Eröffnung der Universität am 1. April 1925 „ein geradezu groteskes Theaterstück". Richtig erkennt er die Gefahr für das werdende jüdische Palästina in dessen einseitiger Industrialisierung und Kapitalisierung, die den ganzen Jammer der alben Welt nach Palästina verpflanzen. Es verlohnte sich fast, die ganze Darlegung Hartings ungekürzt zu wiederholen. Sie ist ein mustergültiges Vorbild nüchterner und neutvaler Beurteilung aller Erscheinungen der jüdischen Gegenwart. Hemans Buch ist trotz seiner airgedeuteten Mängel um dieses Schlußaufsatzes willen jüdischen Lesben

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