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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-06-16 · 6 (16.6.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
6 (16.6.1927)
Date
1927-06-16
Page
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in. Gibt es gegenwärtig eine eigentümlich« charakteristische jüdische Wohlfahrtspflege? Nur insoweit als die Juden unter bestimmten eigenartigen soziologischen Einwirkungen stehen. Die ernsteste derartige Erscheinung in der deutschen Judenheit ist deren fortschreitende Verstädterung, ihre Kon zentration in den Großstädten, die durch die Jlüchtlingsnot noch verschärft erscheint. Die Juden im ehemaligen Oberschlesien und Ostpreußen haben nach deren Loslösung von Deutschland fast ausnahmslos die ländlichen Bezirke und kleinen Städte dieser beiden Provinzen verlassen und sich nach den preußischen und außerpreußischen Großstädten gewandt. Damit ist der Prozeß der Verstädterung der Juden, der mit der Industrialisierung einsetzte und durch die antisemitische Agitation unter der Landbevölkerung beschleunigt wurde, in krankhaftem Ausmaß gesteigert. Tausende von ehemals gesicherten kleinen Existenzen sind entwur zrilt. Sie haben sich in ländlicher Umgebung gut gehalten, sind aber den Anforderungen des wirtschaftlichen Kampfes in den Großstädten nicht gewachsen. Die wirtschaftliche Notlage hat hier einen Zusammenbruch herbeigeführt, dessen Aus- Wirkungen noch nicht zu übersehen sind. Hier muß eine starke Berufsumschichtung einsetzen, der Versuch der Rückführung aller derer auf das Land, die aus ländlicher Umgebung stammen. Die Durchführung von Siedlungsvorschlägen, welche die dazu Geeigneten der Landwirtschaft zuführen wollen, gehört zu den ernstesten sozialen Aufgaben der deutschen Judenheit. Eng verknüpft mit der wachsenden Verstädterung ist das Bevölkerungsproblem. Der ständige Rückgang der Geburtenzahl, das Zweikindersystem, das sich bereits in ein Einkindersystem abgewan delt hat, bedroht die kleinen Gemeinden, deren Fortbestehen infolge der Kriegsverluste ohnehin gefährdet ist. Die Nachwirkungen des Krie ges werden natürlich von einer Minorität schwerer empfunden als von einer Masscnbevölkerung. Das Eheschließungsalter, das bei den Christen das 24. Lebensjahr ist, ist bei den Juden das 32. Mit anderen Worten schließt der Jude 8 Jahre später als der Christ die Ehr; demzufolge ist natürlich die Zahl ke'ner Nachkommen wesentlich geringer. Hier soll die Förderung der Frühehe durch Ausstattungskassen (hachnassath kalla) und die gesteigerte Fürsorge für die Kinder in kinderreichen Familien die Weindung zum Bes seren vorberriten. Die Entfremdung vom Lande und von der Kleinstadt und die einseitige Zuwendung zu dem gerade gegenwärtig schweren Schwankungen ausgesetzten Kaufmannsstand hat unter den 'Juden eine Ueberreizung des Nervensystems herbeigeführt. Wenn auch alkoholische Geistesstörungen bei den Juden sehr selten find, so sind doch die gemütlichen Erregungen infolge des gesteigerten Antisemitismus nicht ohne Folgen auf ihre Ge sundhett geblieben. Bor allem die jüdische Jugend im Angestelltenverhältnis hat infolge dieser 'Gehässigkeiten schwer gelitten. Die älteren und ge festigten Existenzen hat der Antisemitismus nicht zu erschüttern vermocht. Anders die jungen! Ganze Industrien schließen jüdische Mitarbeiter aus. Ein großer Handlungsgehilfenverband verbietet seinen Mitgliedern, neben jüdischen Angestellten zu arbeiten. Es ist schon kaum möglich, die nötigen Lehrlingsstellen für jüdische Handwerks- und Kauftnannslehrlinge zu beschaffen. So ist hier eine Sachlage geschaffen, deren Auswirkung eine besondere Reizbarkeit (Vulnerabilität des Gehirns) mit allen ihren erschreckenden Nebenerscheinungen zur Folge hat. Hier muß rechtzeitige Berufsberatung und Berufsumschichtung, so schwer und bedenklich sie im Einzelsall« ist, Ausgleiche schassen. Die Fürsorge für die Whlreichen Nervenleidenden stellt die jüdische Wohlfahrtspflege vor überaus ernste Aufgaben. Dazu kommt die große Verarmung des jüdischen Mittelstandes infolge der Nachkriegser scheinungen, welche die Juden ^deshalb schwerer betroffen haben, weil sie der Mehrzahl nach Mittelstandsexistenzen gewesen sind. Die Mittelstands fürsorge ist daher geradezu die Hauptaufgabe der jüdischen Wohlfahrtspflegen geworden. Eine entsetzliche Verelendung und die mit ihr zusam menhängende Steigerung der Tuberkulosenzahl ist eine erschreckende Folgeerscheinung dieser Berar mung. Seit dem Januar 1925 bekämpft eine besondere jüdische Lungenfürsorge das verheerende Unheil. < Das allgemeine Volkselend hat also besondere jüdische Notstandserscheinungen gezeitigt, denen die jüdische Wohlfahrtspflege entgegenarbeiten muß. Sie hält sich aber dabei von aller Dogmatisierung und Schematisierung bewußt fern. Sie will möglichst weitherzig und ungebunden die Nächsten liebe im Änne des jüdischen Gleichnisses als die nächste Liebe d. h. dort, wo sie durch die Verhältnisse gefordert wird, und so, wie sie der Augenblick gebietet, leisten. Für sie ist das höchste Gesetz das talmudische Losungswort: „Gott will das Herz" und, „Menschenliebe ist Gottesdienst." Sie Null den Sinkenden, den Erlahmenden, den Schwachen die stützende Bruderhand reichen. Sie will nach der Mahnung des größten jüdischen Theologen des Mittelalters, Maimonnihes, nicht Bettler züchten, sondern Existenzen sichern (Math nath anijim 10, 8). Sie will die Brücken vom Menschen zum Mitmenschen schlagen und den Verzweifelten neuen Lebensmut durch die Ueber zeugung einflößen: Du stehst nicht allein, dein Bruder will dir helfen! In dieser Nächstenliebe können sich die Menschen aller Glaubensbekennt wisse brüderlich zusammenfinden. Sie ist imstande, das Nebeneinander und Gegeneinander in ein Miteinander und Füreinander umzuwandeln.

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