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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-06-01 · 5 (1.6.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
5 (1.6.1927)
Date
1927-06-01
Page
[Seite] (sequence 4)
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- 134 - unser Wohltätigkeitsverein gebildet hat mit religiösen und Humanitären ZiAen. Heute, da er noch seine frommen Aufgaben erfüllt, mögen wir uns dessen in Freude erinnern. Jetzt sind es 60 Jahre, seit unsere Gemeinde der ständige Sitz eines Rabbinats geworden ist. Heute, da ein so bewährter Rabbiner seines heiligen Amtes unter uns waltet, mögen wir dessen froh gedenken. Jetzt sirü» es 50 Jahre, seit wir unser stattliches, zum Himmel strebendes Gotteshaus eingeweiht haben, seit unser gemischter Cho» darin zur Ehre Gottes seine Lieder singt. „Diesen Tag hat der Herr gemacht, lasset uns freuen und fröhlich sein an ihm." Indem wir die Gemeinde zum Feit zusammengerufen haben, schwebt uns vor, dieser Gemeinde ein starkes Gefühl ihrer Zusammengehörigkeit zu verleihen, den Geist der Gemeinschaft nachhaltig zu fördern, einen frischen Antrieb wohltätiger und brüderlicher Gesinnung zu geben.. Es möge das gute jüdische Herz triumphieren! Wie diese Feier nur möglich war mit Hilfe freiwilliger Spenden, so möge, wenn immer sich in der Gemeinde Not und Bedrängnis zeigt, auch aus der Gemeinde die Hilfe erwachsen: Einer für Alle und Alle für Einen! Wir denken uns dieses Fest als kräftigen Appell zur Pflege des Gemeinsinns. Wir müssen freilich mehr sein als nur lachende Erben. Wir dürfen nicht einfach das genießerisch hinnehmen wollen, was unsere Väter und Großväter uns als wertvollen Besitz hinterlassen haben. Darum wenden wir uns an den geschichtlichen Sinn eines Jeden und haben die aufschlußreiche Schrift unseres Freundes Oskar Mayer verbreitet, damit jeder einen Blick in die Vergangenheit werfen möge- Das Beste, was Geschichte zu geben vermag, ist nach einem Wort Goethes „die aus ihr fließende Begeisterung." So möge Jeder, der in der Geschichte der Heilbronner Juden forscht, den Geist der alten Zeit erkennen, so möge jeder jenen Geist der Treue zum Judentum, der Hingabe und des Opferwillens für die jüdische Gemeinde auf sich wirken lassen. Man iü vielfach stolz auf die Leistungen der Vorfahren. Eigentlich hat man nur ein Recht stolz zu sein auf die eigene Leistung. Nur wenn die Gesinnung der früheren Generationen auch in uns mächtig ist, wenn wir die Tugenden der dahingegangenen Gerechter überkommen und übernommen haben, wenn wir die Ueberlieferung nicht abreißen lassen, sondern fortführen, nur dann mag auch die Vergangenheit Gegenstand unseres Stolzes sein, dann ist sie nicht tot, sondern wirkt lebendig in uns weiter, dann weckt die geschichtliche Erinnerung den rechten Wiederhall in den Herzen der Gegenwart- So wollen wir denn die Zeit von 1877 miteinander ins Auge fassen und mit unseren Tagen vergleichen. Wir wollen weder zum Lobredner der alten Zeit werden auf -osten der neuen, noch wollen wir uns sülbst in den Himmel heben zu Ungunsten unserer Väter. Wir wollen in sachlicher gerechter Weise den Unterschied zu erfassen suchen. Bor 50 Jahren ist unser herrliches Gotteshaus eingeweiht worden. Aber das war ja selbstverständlich, daß diese sich damals rasch vergrößernde Gemeinde auch eine Synagoge haben mußte, daß sie einen Platz erwarb und den Tempel bauen ließ. Nicht darin liegt die Leistung der damaligen Zeit, sondern was uns allein Achtung und Bewunderung einflößen kann, das ist die entschieden groß zügige Art, wie es geschah, der unentwegte Optimismus, der aller Hindernisse spottete und sich der Zukunft völlig sicher fühlte. Damals war kein Zweifü daran, daß sich diese Gemeinde erhalten und durchsetzen werde. Und nun messen wir unser eigenes Format an dem der Väter! Freilich sind uns andere Aufgaben gestellt. Aber sind wir bei den Lösungen auch so gewiß, daß dieser Gemeinde eine ewige Dauer beschieden ist? Sind wir von der gleichen zuversichtlichen Grundstimmung getragen, die allen Entschließungen den Zug ins Große verleiht? Jener Optimusmus hat sich stützen können auf einen kräftigen Nachwuchs. Es hat damals ein Geschlecht gelebt, das kinderstark und kinderfroh und kinderreich gewesen ist. Die Gemeinde hat sich auch durch Zuzug vom Lande vermehrt. Wir begreifen, daß viele aus den kleineren Orten hereinstrebten in die Stadt, wo die Jugend befere Schulen besuchen und wo man sich wirtschaftlich eher regen konnte. Aber wichtiger als dieser mehr zufällige Zustrom war die Tatsache, daß sich die Gemeinde aus sich selbst heraus organisch erneuem und vergrößern konnte. So erweckte die Gemeinde den Eindruck der Jugendkraft, in den Kinderstuben herrschte ein fröhliches Gewimmel, und mit der Jugend schien die Zukunft der Gemeinde verbürgt. Längst lehrt die Wissenschaft, daß wenn die Kultur steigt, die Bevölkerungszahl sinkt. Dieses Gesetz hat auch in unserer Mitte gewaltet. Aber es hat im großen Kreis sicherlich weniger zu bedeuten als in einer doch verhältnismäßig Keinen Gemeinde. Eine neue geistige Strömung hat die Menschen ergriffen, das Zweikindersystem war nur eine Etappe auf dem Weg; die Zeit ist längst darüber hinausgeeilt; die Durchschnittszahl einer Familie sinkt auf 3 und weniger herab. Früher hatte unsere Gemeinde erheblich mehr Mitglieder als heute. Die Schülerzahl ist schon weit höher gewesen als derzeit. Wir wollen hier nicht den sittlichen Maßstab anlegen und Stellung nehmen auf einem viel umstrittenen Gebiete. Aber keineswegs darf eine geschichllichr Betrachtung diesen Unterschied der Zeiten verkennen und es darf gesagt werden: Wenn wir mehr Kinder hätten, wir könnten zukunftsftoher sein. Stolz ragt unsere Synagoge in die Höhe als wohlgelungenes Werk der Baukunst. Sie konnte nur mit erheblichen Mitteln errichtet werden.

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