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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-06-01 · 5 (1.6.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
5 (1.6.1927)
Date
1927-06-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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«WffMWWWWWffM0M>M m■»,» «i. ■ ■ * * Volle Tugendliste! — grämliche Mürrischkeit, Gehässigkeit, Neid, Engherzigkeit, Mangel an Begabung, Verschlagenheit, Neigung zu Verbrechen wie Betrug, Nötigung und Blutschande, Mangel an Reinlichkeit und an kriegerischen Fähigkeiten frisch uist» fröhlich zuerkennt. Es ist also zu begreifen, wenn der Münchener Professor Ignatz Kaup Ö,Süddeutsches Germanentum") gegen solche Jnfamierungen leidenschaftlichen Einspruch erhebt: ,Zeder Volksgenosse ist rassenmäßig gleichwertig!" Noch dmstischer wirkt aber der Rassenwahn, wenn er von der Möglichkeit der Züchtigung einer reinen Rasse fabelt. Er überspringt mit einem kühnen Saltomortale die Grundgesetze der Vererbung und das unantastbare Forschungsergebnis des amerikanischen Anthropologen Boas, daß sich die Körpergröße der Nachkommen der Einwanderergruppen nach Amerika auch ohne Mischung mit neuem Blut ändert. Es ist eine unabweisbare Tatsache, daß der sogenannte domo alpinus ebenso wie der ostische und der dinarische Mensch in allen angeblichen „Rassen" austritt, ja, daß ostische Eltern nordische Kinder zeugen usw. Tas Dogma der angeblichen Starrheit wesentlicher Rasseneigenschaften gehört in die Märchenbücher. Das hat soeben noch der Anatom Franz Weidenreich in einem streng wissenschaftlichen Werke „Rasse und Körperbau" unwiderleglich nachgewiesen. Weidenreich zeigt, daß dcr konstitutionellen Mittellage gegenüber bei allen Rassen zwei deutlich abweichende" körperlich« Sondertypen auftreten, der schlanke Hochwüchsige neben dem breiten Gedrungenen. Es ist also wahrhaftig an der Zeit, daß mit diesen Rafsenfabeln tatkräftig aufgeräumt wird. Beachtlich ist Hellpach's Meinung, der in der Sprachgemeinschaft das eigentlich verbindende Element der Völker erkennen will. Nicht die stumme Stimme des Blutes, sondern die Sprache ist das Einende. Germanisch ist wie romanisch ein sprachtechntscher, kein anthropologischer Begriff. Die Sprache hat aber ihre harmonisierende gedankenbildende Kraft, sie zwingt dem Redenden ihre Denkgesetze, ihre Gedankenwerte, ihre Seelenstimmungen auf. Ist das wahr, und es scheint so zu sein, so darf sich die deutsche Judenheit, die nachweisbar seit einem vollen Jahrtausend die deutsche Sprache spricht, in ihr denkt, dichtet, singt und betet, an ihr in fremder Umgebung zähe festgehalten, sich als vollwertig deutsch bezerchnen. Für die Juden hat die beginnende Rassendämmerung tiefernste Bedeutsamkeit. Hätte die Rassenfantasie eines Günther recht, dann find die Juden nicht nur die Parias der Menschheit, sondern in den Volksgemeinschaften, in denen fie seit Jahrtausenden leben, — in Deutschland dokumentarisch seit 1600 Jahren! — noch immer Fremdlinge. Für die rassische Beurteilung der Juden gibt es nur den einen wissenschaftlichen Standpunkt, 133 - Iden soeben Prof. Hans Friedenthal, Berlin, als Ergebnis einer eingchenden Untersuchung in der Zeitschrift 'für Demographie und Statistik der Juden (IV. 1927 S- 40) veröffentlicht. „Tie Juden können selbstverständlich zu keiner Rasse gehören, weil eine Religionsgemeinschaft keine Rassenzugehörigkeit bringt" Was Merkenschlager für alle deutschen Stämme ausspricht, gilt auch für die deutschen Juden: Jahrtausende haben uns miteinander verschwistert! Was er von den Kriegsopfern des Weltkrieges sagt, gilt vollinhaltlich auch von den jüdischen: „Wir wissen, daß' die Verlustlisten des Weltkrieges eine erschreckende Sprache reden. Wir wissen, daß dre blutigen Verluste bei Bay'ern und Preußen prozentual gänzlich gleich sind. Württemberg hat um einige Prozente mehr an kostbarem Blut hingegeben. Man könnte glauben: es müsse jeder wissen, wie furchtbar das kurzköpfige dinarische Tirol, das ostische Mähren, das ostische Ungarn, geblutet haben." Ich glaube: man darf hier hinzusetzen: „und ebenso die Juden in allen Völkern, die am Kriege teilgenommen haben." „Es gibt keine gute und keine schlechte Rasse- Es ist einfach unmöglich, das Einzelindividuum von der Verunglimpfung auszunehmen, wenn man eine Rasse zur inferioren erklärt. Herr Günther hat Deutschland tötlich beleidigt." Ein Jeder, der es mit dem deutschen Volke aufrichtig meint, witt» alle diese Aeußcrungen der Rassendämmerung dankbar begrüßen. Vielleicht daß sie doch der deutschen Jugend die Augen öffnen, die von den Irrlichtern des Fanatismus noch immer geblendet sind! Bor 50 Zähren - und heute. Festrede bei« Stiftungsfest des Heilbronner Gotteshauses (1877-1927). Bon RA. De. Siegfried Gumbel. Hochverehrte Versammlung! Wem der Werktag grau und trüb und düster erscheint, dessen Seele sehnt sich nach den helleren Farben eines fröhlichen Festes. Wem die Melodie des Lebens eintönig erschallt und verhallt, der will, daß auch einmal eine andere Note, eine frischere Weist erklinge- Nur wer satt ist vom Genüsse, wird überdrüssig der Vergnügungen. Er fragt und mahnt uns, ob es denn richttg ist, in schwerer Zeit ein prunkvolles Jubiläum zu begehen und dazu Aufwand zu treiben. Wäre es nicht besser, die Not der Elenden zu lindern und zu solchem edleren Zwecke zu sammeln? Wäre es nicht besser, wir täten uns nicht gütliche sondern täten nur Gutes? Aus diesem Widerstreit der Anfichten hat sich der Gedanke siegreich durchgerungen, dieses Fest zu veranstalten. Wir verantworten diesen Entschluß, der aus unstrem Innersten heraus gekommen ist. Jetzt sind es 70 Jahre, daß sich

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