Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 5 (1.6.1927)
- Date
- 1927-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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Stuttgart, den 24. Mai 1927. Es liegt im Interesse der Gemeinden und der Gemeindeangehörigen schriftliche Feststellungen darüber zu machen, welche Kultgegenstände und dergl., die im Gebmuch der Gemeinden stehen, Gemeindeangehöttgen oder den Hinterbliebenen solcher als Eigentum gehören. Die Borsteher- Lmter werden daher aufgefordert, innerhalb zweier Monate hierher zu melden (unter Zurückhaltung einer Abschrift zu den eigenen Akten): 1. welche Kultgegenstände, die im Besitz der Gemeinde sich befinden und in der Synagoge aufbewahtt werden, etwa den Gemeindeangehörigen oder deren Hinterbliebenen gehören; 2. hjeldje Kultgegenstände, die der Gemeinde gehören, sich im Besitz oder in der Aufbewahrung von Gemeindeangehörigen befinden und aus welchem Grunde dies« Gegenstände den Gemeindeangehörigen zur Aufbewahrung überlassen werden. Als Kultgegenstände in diesem Sinne gelten: Thorarollen, Stickereien (Porauches, Schulchan decken, Mäntelchen, Thom-Wimpeln), Leuchter, Klei-Kodesch, Taß, Jad, Kesorim usw., Kidduschbecher und Geräte für die Brismiloh, Geräte für die Tmuungen, für das Duchenen und dergl., Omertafttn, Weihe-Inschriften, sowie andere religiöse Altertümer. Nör dlinger. Raff endämmerung? Wer sich mit der neuzeitlichen Jugendbewegung und mit der Gedankenwelt der sogenannten deutschnationalen Kreise beschäftig, der weiß, daß kein Gedanke in beiden so ausschließlich vorherrscht, wie die Ideologie des dogmatischen RassensanatiSmus. Germanisch bedeutet für sie den Inbegriff aller liebens- und lobenswetten Eigenschaften, während alles Nichtgermanisch« als minderrasfig gebrandmarkt ist. Die Rassentheorie wird so die angeblich wissenschaftliche Grundlegung des Antisemitismus. Ist sie in ihrer Haltlosigkeit erkannt, so ist dem Anttsemittsmus die Grundlage entzogen. Wie tief die Rassenfurcht im neuzeitlichen Deutschtum wurzelt, zeigt scher Einblick in das Denken und Empfinden der nichtjüdischen Umwelt, auch der Umwelt, die sonst judenfreundlich eingestellt erscheint. Dieser Einblick ofsenbatt sicher den besten Willen, dem Judentum auch vom Standpunkt der Rassentheorie aus gerecht zu werden, aber die innere Unmöglichkeit, die überstarke Verwurzelung in einer Ideologie, welche säst alle Richjuden tyrannisiert. Fast gleichzeittg erscheint sochen eine Reihe an sich wertvoller Aufsätze, die, wenn auch nicht den neuen Morgen, so doch eine Dämmerung in den dunklen Regionen des Rassenfanatismus verraten. In der „Neuen Rundschau" (37. Jahrgang, Heft 2) veröffentlichten Willy Hellpach, der frühere badisch Ministerpräsident und jetzig« Professor an der Heidelberger Universität, einen Aufsatz über „Rasse und Stämme im deutschn Bolkstum", Professor Hans Bluntschli in der „Frankfurter Zeitung" vom 17. Mai eine literarische Schu „Wider den Rassendogmattsmus" und die Abwehrblätter vom 18. Mai eine ganze Nummer unter dem Losungswort „Gegen Scheinwissenschst"!, der diese beiden Aufsätze mit weiteren vereinigt. Es verlohnt sich, diese Veröffentlichungen zu beleuchten, die alle die Bekämpfung des neudeutschen Rassenwahnes beabsichigen — und sich doch nicht völlig von dieser Rassenangst freimachn können. Sie gehen alle von der durch nichts begründeten Voraussetzung aus, daß der Begriff der Rasse ein« biologisch Tatsach ist. Sie konstruieren alle mit einer unglaublichen Willkür Rassen, wo sich in Wirklichkeit nur klimatisch Einwirkungen auf Menschngemeinsihaften zeigen, deren geheimnisvolle Urquellen noch unentdeckt sind. Jede Gliederung der Völker oder Menschngemcinschften nach Rassen ist eine wissenschaftliche Vergewaltigung, die sich um so grotesker auswirkt, wenn sie durch die Annahme bestimmter seelischer Inhalte dieser Rassen ergänzt wird. Hier liegt eine durchus unbegründete Zurückführung gedanklich! Wette auf matettelle Ursachen vor, ein klassisch! Rest des sonst überwundenen Gefthichtsmaterialismus, der willkürlich materielle Tatsachen gedanklich erklärt und Gedankenbegriffe auf matettelle Ursachn zurückführt. Schon der Begttff „deutsche Rasse" ist ein sachicher und geschichtlicher Widersinn. Nur matettelle Geschchsauffaffung witt» Rasseninstinkte im deutschn Bolkstum erkennen. Dabtt soll ganz von der Thorhttt abgesehen werden, daß diesen Germanen physische Merkmale wie Hochwuchs, Weißhäutigkeit, der lange Schädel, die blauen Augen, die blonden Haare angedichet werden, da doch diese Merkmale Millionen vollwettiger Deutschr aus der deutschn Volksgemeinschaft ausschalten. Tatsächich finb die Deutschn „die buntrassigste unter den großen Nationen Europas" (Hellpach). Wir Juden verstehen die ttefe Entrüstung, die aus der Streitschrift des Kieler Botanikers Ftttz Merkensthlager „Götter, Helden und Günther" gegen den Rassenutopisten Günther herausgellt. In ihr wehtt sich ein Sohn der sränkischn Erde, ein dunktthaattger Rundkopfmensch der sogenannten ostischen Rasse gegen die zusammengedichteten Behauptungen ttnes Fanatikers, der diese Rasse als minderwettig, als vaterländisch niedttgerstehend als die nordisch Rasse darstellt. Günther hat allerdings den Wütttembergern einen etwas stärkeren Zustrom des angeblich besseren nordischen Blutes zuerkannt, während er die Badener als „vorwiegend ostisch" braickmarkt, ihnen also — eine wunder-