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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-05-16 · 4 (16.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
4 (16.5.1927)
Date
1927-05-16
Page
[Seite] (sequence 4)
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- 106 Jude Hieht im Judentum seine Beziehung zu Gott und deren Gestaltung und Regelung in den überlieferten Religionsformen, insbesondere im öffentlichen oder häuslichen Gebet. Ob er sich dieser Formen täglich oder wöchentlich oder auch im Jahr nur einmal bedient, ob er sie sich nur vorsprechen laßt oder ob er sie laut oder im Herzen nachspricht, jedenfalls erkennt er sie als Ausdrucksform seines Glaubens, und somit als seine Zwiesprache mit Gott an. Nun und in diesen Gebeten kehrt immer wieder die Hoffnung, die Bitte, der Wunsch, daß Gott Je rusalsem bald wieder erbauen, den Tempel und seinen Dienst wieder ausrichten und uns schon im kommenden Jahre dorthin zurücksühren möge. Es ist anzunehmen, daß wer so betet, sich dabei etwas denkt. Es ist wohl nicht einen Augenblick daran zu zweifclln, daß er das, was er da sagt, ernst meint. Denn wo sonst im Leben soll ein Mensch es ernst meinen, wo sonst soll sein Wort Geltung haben, wenn es vor Gott nicht ernst gemeint ist, wenn es vor Gott nicht gilt? Und dennoch gibt es so viel mehr Juden, die die wirkliche Ausbau arbeit, die jetzt, in unseren Tagen, von jüdischen Menschen in Jerusalem und dem Lande geleistet wird, mit Gleichgültigkeit betrachten, ihr ihre Unterstützung versagen, als solche, die bereit sind, nach ihren Kräften und Mitteln bei ihr mit zuwirken. Wie ist dies in Einklang zu bringen mit dem vor Gott gesprochenen: „Bald — in unseren Tagen", mit dem Ernst und der Gewissen Hastigkeit des religiösen Menschen? Wir kennen die Antworten, die auf diese Frage gegeben weiden. Die Begriffe hätten sich gewandelt; der Tempel sei ein geistiges Werk geworden, dessen Träger jeder Jude sein könne, der sich zur Wohnung göttlicher Gegenwart mache. Das Zion der Gebete sei kein materieller Be griff mehr, denn das geistige Gesich! der Mensch heit sei seitdem ein anderes geworden, eS feien vielmehr messiani'che Wesenh.i.en, deren Verwirk lichung bei Gott liege und nicht in Menschen macht, womit die Rückkehr nach Jerusalem gleich anderen „frommen Wünschen", auf den jüngsten Tag oder ad calendas graecaS verschoben wird. Ist nun das wahr, ist das aufrichtig, ist das der Ernst des Gebetes, von dem doch niemand bezweifeln wird, daß es wortwörtlich so gemeint ist, wie es oaste ht, daß es, wie alle jüdischen Gebete, menschliches Tun, eigenes Wirken fordert und nicht etwa auf das wie ein Blitzstrahl aus blauem Himmel hereinzündend« Wunder wartet; daß es einen Befehl einschließt, den der Betende sich selber erteilt: Du Jude, der Du da Zwiesprache hältst mit deinem Gott, tu Deine Pflicht, daß Er, Gott, den Wunsch Deiner Seele erfüllen kann! Erbaue Jerusalem, bald, in unseren Tac.e»! Wohl zielt der Gedanke des Beters auf den Tempel, auf das Heilige; während es bei den Bauleuten in unseren Tagen, bei den meisten Zionisten, bei den Chaluzim, bei den Sammlern um den Boden, um Aecker, Bäume, Straßen und Wirtschaftsdinge, also augenscheinlich Profanes geht. Aber war das nicht immer so? Erst auf die profane Tat des Auszuges folgte das Geschenk der Offenbarung, auf die profanen Taten der Landnahme und Festigung des Gemeinwesens das krönende Geschenk des Tempelbaus, auf die profane Tat der Rückkehr aus Babylonien der Wiederaufbau und auf die profanen Kriegstaten der Makkabäer die Wiederheiligung des Tempels. Man kann keinen Hausbau mit dem Dach beginnen, einen Tempelbau schon gar nicht. Man kann religiöse Wirklichkeit nicht tatlos werden lassen, man muß sie bauen helfen „in unseren Tagen." Davon aber, daß jüdische Kaufleute und Bankherren ihren Geschäften nachgehen, daß jüdische Anwälte ihre Beredsamkeit und jüdische Literaten die Gewandtheit ihrer Feder üben, daß sie regelmäßig oder gelegentlich die Synagoge besuchen und wohltätige Einrichtungen unterstützen, im übrigen aber, wie man sagt, den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, davon baut sich kein Tempel, ein geistiger, messianifcher noch viel weniger als ein greifbarer und wirklicher, denn wie sollte aus so Gewöhnlichem, so Alltäglichem so Außergewöhnliches entwachsen, aus dem bloß Ordentlichen unserer ungestörten Bürgerlichkeit das Außerordentliche, Unerhörte entstehen, das wir doch mit solcher Selbstverständlichkeit von Gott erwarten, daß wir es oft, manche gar täglich und mehrmals im Tag mit Ihm besprechen. Darum scheint es mir, v on der plastischen und von der ideellen Seite dieser Frage hier einmal ganz abgesehen, religiöses Gebot zu sein für jeden Juden, dem das Judentum Religion bedeutet, daß er am Ausbau mitarbeite nach seinem ganzen Vermögen, mit Geld, mit Worten und mit Taten. Es mag sich etwas in ihm dagegen sträuben, gewisse zionistische Organisationen zu unterstützen, weil sie sich unreligiös, weil sie sich nationalistisch gebärden. Aber für das Werk, für die Zukunft kommt es ja nicht auf die Menschen an, sondern auf ihr Tun. Und da ist es gewiß: die schwere, oft unter Einsatz des Lebens geleistete Arbeit der Chaluzim ist religiös trotz ihrer oft gegenteUigcn Lebensäußerungen, denn sie schafft das Außerordentliche, schafft den Grund zum religiösen Wiederaufstieg einer wieder aktiv gewordenen Volksgemeinschaft, schafft den Grund für die so oft von Gott erflehte Wiederaufrichtung des Tempels. Und wenn ihnen jetzt mit Recht eine gewisse nationalistische Einseitigkeit vorgeworfen wird, so wird diese in dem Maß schwinden, in dem der jetzt die Reihen der Juden trennende Gegensatz nmchläßt. Sie ist mehr nach innen, nach den Gegnern unter den Juden

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