Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- IV (1927-1928)
- Issue
- 4 (16.5.1927)
- Date
- 1927-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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— 107 - gerichtet, als nach außen, nach den Gegnern unter den Völkern. Im Grunde ist der Aufbau friedlich und muß und wird es bleiben. Es ist in der Weltgeschichte der erste Versuch einer Volksgemeinschaft, ohne Blutvergießen, durch Arbeit und Gemeinschaftsgeist anstatt durch Gewalt sich den verlorenen Platz wiederzugewinnen, die bedrohte Eigenart, das gefährdete Eigenleben zu erhalten. 'Darum scheint es mir, des Zwists sollte endlich einmal genug sein, wir sollen wissen, daß wir zuerst Juden sind und erst in zweiter Linie Anhänger einer sondernden und abgesonderten jüdischen Richtung, und daß der Aufbau des Landes Israel unsere persönliche und eine jüdische nicht etwa eine zionistische Angelegenheit ist. L Marx. II. Es sind warmherzige, gute Worte, die Leopold Marx hier ausspricht, und doch in allen Teilen irrige Worte. Schon die Voraussetzung ist falsch, daß die religiöse Zukunft des Judentums von irgend einer geographischen Heimat abhängt. Wenn für irgend eine Weltanschauung das Motto gilt: „Mein Feld ist die Welt," so für das Judentum. Es bedeutet eine unverständliche Ausfassung, daß gerade aus dem Boden Kanaans das neue Judentum, seine vergeistigte Neugestaltung erwachsen soll, weil sie Materielles mit Ideellem verwechselt. Eine geographische Heimat der Seele? Nein, das ist etwas Unerträgliches und auch geschichtlich nicht zu Rechtfertigendes. Die Welt der Werte des Judentums ist — es mag ein Zufall sein — nicht in Kanaan geboren worden, wie überhaupt das Judentum in Kanaan fast stets ein klägliches, kleinliches Zerrgebilde gewesen ist. Abraham ist Babylonier und erlebt dort die erste Gottesmanifestation .Mose ist Aegypter und schafft in der arabischen Wüste seine neue Lehre. Die Prophetie erlebt ihre klassische Größe in Babylonien. Unsere Kultformen, unser Gottesdienst und unser Ritual sind in ihren wesentlichen Erscheinungsformen außerhalb Kanaans geschaffen worden. WieviÄ bedeuten Spanien und Nordafrika, die Heimatländer unserer edelsten Dichtkunst und unserer Religionsphilosophie, was bedeuten die Länder Europas, Polen und Deutschland, für die Läuterung und Klärung und die Neugeburt unserer Werte und Wahrheiten! Nichts ist phantastischer und in sich unbegründeter als die Erwartung, daß gerade von der neuen Siedlung in Kanaan die Renaissance des Judentums zu erhoffen ist. Sie wird wenigstens nach der bisherigen Entwicklung vielleicht eine politische, in keinem Falle eine religiöse sein! Es ist Marx anscheinend unbekannt, daß eben wegen der naheliegenden Mißdeutung der Gebete, die von einer Heimkehr nach Jerusalem sprechen, die Neugestalter des Judentums vielleicht im Uebereifer diese Gebete und die Bitten um Wiedereinführung der blutigen Opfer ganz gestrichen haben. Aber diese Gebete sprechen gar nicht von einer Heimkehr Israels, sondern von einer Heimkehr Gottes, deren Folgeerscheinung die Neuerstehung des alten Opserdienstes werden soll. Wenn Marx also den Vordersatz der Gebete buchstäblich auffaßt, dann muß er konscquenterweise auch den Nachsatz: die Wiedereinführung der blutigen Opfer buchstäblich auffassen, oder sich an die gedankliche Umdeutung des täglichen Gebetes halten, die er selbst erwähnt. Die Ausdeutung des täglichen Gebetes: „Mögen unsere Augen Deine Heimkehr nach Zion schauen": nun spende eine Summe für die koloniale Arbeit in Kanaan usw." bedeutet eine untragbare Verengung des weitgedachten Begriffes: Gottes Heimkehr. Kann nicht Gott auch nach Zion heimkehren, wenn Kanaan nicht von Juden hfbaut wird? „Denn wie sollte aus-so Gewöhnlichem, so Alltäglichem, so Außergewöhnliches erwachsen?" Jüdische Religion und Aufbau Kanaans sind zweierlei und dürfen nicht miteinander vermengt werden. Uebrigens ist die Entdeckung des jüdischen Volkes im 19. Jahrhundert und sein Anspruch auf Bericht des Israelitischen Fürsorgeamtes über den Monat April. Das Israelitische Fürsorgeamt hat im Monat April 1927 unter Mitwirkung der angeschlossenen Wohlfahrtsoereinr folgende Tätigkeit entfallet: Laufende Unterstützungen.ft 1552.63 Einmalige Unterstützungen. 524.24 AnftallSfürsorge ........ „ 373.85 Krankenhausbehandlung.„ 124.— Turnkursus.. 22.— Peßachversorgung.501.50 Durchreisende.* 208.50 Ausgegebene Darlehen .200.— An 12 Erwachsene und 6 Kinder wurden insgesamt 30 Kleidungs- und Wäschestücke abgegeben. An Spenden find Mk. 50.— eingegaugen von Herrn Max Bieringrr, Herrn Leopold Goldschmidt anl. Peßach. Herrn Julius Errligmann (für den Ortsarmenverein) zum Andenken an seine verstorbene Gattin. muuuiimitiHHUiiUHiiHiuiiiiHJiiiiiiiiiiiiiiiiiHüuiuiiiujiuiimaiHiiHiiflniMnimiHniiiuuMi Israel. Waisen- und Erziehungsanstalt Wilhelmspflege. Die Mitglieder-Versarnrnlung findet am Sonntag, den 19. Juni, vorm. 10 Uhr im Gemeindehause Stuttgart. Hospitalstraße 36. statt. Tagesordnung: 1. Vorlegung des Rechenschaftsberichts und Entlastung des Kasfierö; 2. Neuwahlen für die im Turnus auSscheidendeu Mitglieder; 3. Verschiedenes.