Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-05-16 · 4 (16.5.1927) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
4 (16.5.1927)
Date
1927-05-16
Page
[Seite] (sequence 2)
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/4904101-5441811-5442962--1133-4905146
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

— 104 — Erkrankung der deutschen Seele, ein uneingestandenes Zeugnis seiger Schwäche. Der Einbruch des Antisemitismus in das deutsche Seelenleben erfolgt vom religiösen Symbol aus. Seit der Zeit der Kreuzzüge wird der Jude um Jesu willen, nicht aus Rassegründen, verfolgt. In Perioden starken deutschen Volksbewußtseins steht der Jude dem Deutschen gegenüber wie etwa der Barbar dem Griechen. Mit dem Nachlassen des Nationalbewußtseins wird der Jude zum geheimnisvollen rätselhaften Feind typisiert, bis in der Zeit rassischen Niederganges ihm alle Jdealwerte aberkannt und er geradezu zur Volksgefahr symbolisiert wird. In einem besonderen Abschnitt seines Buches, der auch im ersten Hefte des dritten Jahrganges der Zeitschrift „Ter Morgen" abgedruckt ist, will dann Müller-Claudius rassenpsychologisch oder richtiger biologisch die Fremdheit des Juden in Deutschland durch die Beobachtung am jüdischen Kinde und am jüdischen Jugendlichen erklären. Er entdeckt die Rückwirkung des Symbolbildungsprozesses in der Psyche der jüdischen Jugend. Das Schicksal, Symbolträger der Schuld, des Fremdfeindlichen zu sein, hat seine formenden Wirkungen in der Seele des Juden ausgewirkt. Das Seelenbild des Huden ist durch die Wirkungen des Iah hundette währe der Crl.'bnisses, gehaßter Symbolträger zu >ein, gekennzeichnet. Dieser Einbruch des Symbolerlebnisses ist am stärksten im jüdischen Kinde zu beobachten. Es erklärt die Schnltra^ödie des jüdischen Kindes, in der Gruppe der Mitschüler als fremd und als geringwertig betrachtet zu werten. Das Erlebnis der Fremdheit lastet auf dem dieser Feindseligkeit geglnüber wehrlosen jüdisch.n Kinde so schwer, daß jüdftche Kindheit fast ausnahmslos leidum schattete Kindheit bedeutet. Ob die Gährungsperiode der Pubertät durch diese leidvolle Schulkindhcit beschleunigt wird? Müller-Claudius vertritt die Beobachtung, daß die Pubertät und die ihr vorgelagerte Indifferenz Periode bei dem jüdischen Kinde wcsen.lich srüyer cintritt als bei dem nichtjüdischen und sich in ihm schneller beschließt (S- 101). Meine dreißigjährige Lehrererfahrung mit jüdischen Kindern in christlichen Schulen spricht gegen diese Beobach tung. Die jüdischen Kinder sind infolge der leib voll empfundenen Feindseligkeit iyrer Schulumgebung, zumeist auch der Lehrpersonen, welche diese Feindseligkeit nur mühäm verhehlen, sen sibler, reizbarer, früher gereist. In der aufge zwungenen Abwehr überwinden sie das kindlich naive Anlehnungsbedürfnis schneller als ihre christlichen Mitschüler. In den jüdischen Kindern regt sich frühzeittg als natürliche Reaktion der aufbegehrende Widerspruchsgeist, der bei christlichen Schülern als Begleiterscheinung der Puder tätszeit ausgelegt wird. Es ist aber rundweg als grober Irrtum, der auf mangelhafter Beobachtung beruht, abzulehnen, daß jüdische Kinder das Kinde rland früher verlassen, als ihre christlichen Altersgenossen. Es wirkt auf den Schulmann — wie eine Nachwirkung der symbolischen deutschen Rassenangst, wenn Müller-Claudius eine Zeitverschiedenheit des Eintretens der Pubertät bei jüdischen und nichtjüdischen 'Kindern bemerkt haben will, ohne auf die unendlich verschiedenen körperlichen und geistigen Voraussetzungen in jedem Kinde und auf die scheidenden kulturellen und sozialen Vorbedingungen jedes Eliernhauses hinzuweisen, die für das Eintreten der Pubertät und für ihre Dauer entscheidend sind. So wettvoll das Buch in seinem ersten Teile ist, dieser Teil ist als verfehlt abzuweisen. Wenn Müller-Claudius daran gedacht hätte, was der Religionsunterricht mit seiner S^ilderung der Juden als Christusmörder für die Stellung des jüdischen Kindes zu seinen Mftschülern bedeutet, so würde er verstanden haben, woher die angeblich frühere Reife des jüdischen Kindes herrührt. Dagegen darf der Leitgedanke des Buches, daß der Antisemitismus und die ihn tragende Rassensymbolik eine deutsche Gefahr bedeuten und daß der Antisemitismus eine Ausgebutt der Rassenfurcht ist, uneingeschränkt als richtig anerkannt werden. Es wäre ein vernichiendes Urteil über das deutsche Volk, falls seine Lebensenergie so geschwächt wäre, daß ein Jude in 135 deutschen Chttsten — die Juden sind ja 3/4 «o der deutschen Gesamtbevölkerung — die „heidischen Kräfte" zu ertöten vermöchte. Jede Furcht ist ein Symptom der Entartung. Es würde ein Zeichen der Heilung sein, wenn die deutschen Christen die deutschen Juden nicht als Fremde und Feinde, sondern als das was sie sind, als deutsche Staatsbürger zu sehen wagten. In einer Besprechung des Buches in der Morgenausgabe der Vossifchen Zeitung vom 21. Apttl weist der frühere Reichäinnenminister Dr. Gothein auf die Bedeutung des Buches hin. Er schließt mit den Worten: „Das sind mannhafte, stolze, kräftige Wotte. Letzten Endes ist es das Gefühl jämmerlicher Schwäche, das Gefühl der Feigheit, das den Antisemitismus schafft, das Gefühl der Entlastung von eigener Schuld, das einen Sündcnbock sucht, auf den man die Schuld abladen kann." Möge das Buch, das aus Liebe zum Deutschtum entstanden ist, zur Gesundung der deutschen Seele von krankhafter Rassenangst beitragen! - Der dritte Ferienfortbildungs- Kurs. Am 10. und 11. Apttl 1927 fand in den Räumen des württ. Wittschaftsministeriums der dritte Fettensortbildungskurs für die Rabbiner und Religionslehrer Württembergs statt. Er war von 8 Rabbinern und 24 Reli ionslehrern des

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.