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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-05-01 · 3 (1.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
3 (1.5.1927)
Date
1927-05-01
Page
[Seite] (sequence 3)
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- 73 — Der religiöse Liberalismus u.der Zionismus Das Hauptthema der diesjährigen Mitgliederversammlung der Bereinigung liberaler Rabbiner Deutschlands war die Beantwortung der Frage nach der „Stellung des religiös-liberalen Judentums zum Zionismus." Es wäre erfreulich gewesen, wenn schon vor der Tagung darauf hingewiesen worden märe, daß der Zionismus eine politische Bewegung ist und daß der religiöse Liberalismus ebensoviel oder ebensowenig mit dem Zionismus zu tun hat als die religiöse Orthodoxie. Wenn heute da und dort Zionisten und Religiös-Liberale einander feindlich gegrnüberstehen, wenn Zionisten mit Religiös-Orthodoxen Wahlbündnisse geschlossen haben, so gehört das ( in das leidige Kapitel der Politik, welche die' Sitten verdirbt. Wer in den letzten Nummern der „Jüdischen Rundschau" die „kulturpolittsche Diskussion" gelesen hat, der weiß, daß ein wesentlicher Teil der Zionisten nicht nur religiösliberal, sondern recht bedenklich irreligiös-liberal - eingestellt ist. Daß also «in Jude religiös-liberal oder religiös-orthodox sein kann und zugleich Zionist oder Antizionist, Demokrat oder Kommunist, ist eine so platte Selbstverständlichkeit, daß die Erörterung dieser Tatsache recht gut hätte unterbleiben können. Das Ergebnis der vielstündigen Aussprache war denn auch die einfache Konstatierung dieser Tatsache in der einstimmig angenommenen Entschießung: „Die Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschands überläßt es dem persönlichen Verantwortlichkeitsgefühl eines jeden Einzelnen, welche Stellung er gegenüber dem Zionismus einnimmt." Diesem Ergebnis entsprach die Höhe der Aussprache. Parturiunt montes: Die kreißenden Berge haben ein drolliges Mäuschen geboren. Der Bericht über die Tagung wird nach der Niederschrift des Schriftführers der Bereinigung Dr. Maybaum-Bingen in der ,Züdischen Rundschau" vom 8. April und in der Jüdisch-liberalen Zeitung vom gleichen Tag« veröffentlicht. Dem Nichtteilnehmer muß es rein äußerlich auffallen, daß der Bericht über die „eingehenden Ausführungen" des anttzionistischen Rabbiners Dr. Jakob- Saarbrücken gerade drei Druckzeilen füllen, daß - aber über die Diskussionsrede des Zionisten Dr. Maybaum in 120 Zeilen berichtet wird. Die. folgend« Besprechung setzt die Richttgkeit des verösfentlichten Protokolls voraus. ' Rabbiner Dr. Vogelstein-Breslau ist in seinem einführenden Referat von der Tatsache ausgegangen, daß die Judenheit keine blutgemäß bedingte Gemeinschaft ist, sondern mit jeder Nationalität — ich ergänze: auch mit der jüdischen — vereinbar ist, daß dagegen die Judenheit als religiös« Gemeinschaft übernational, also völkischungebunden ist. Sein« Schlußfolgerung, daß der Zionismus mit dem religiösen. Liberalismus wegen seiner Lehre vom Universalismus der religiösen Idee des Judentums unvereinbar ist, kann aber wahrhaftig nicht überzeugen. Man kann sich doch recht gut einen Juden vorstellen, der an den Universalismus der religiösen Idee des Judentums glaubt, dabei aber politisch ein Zionist ist. Dagegen haben Dr. Wiener-Berlin und nach ihm alle zionistisch eingestellten Diskussionsredner den Standpunkt vertreten, daß die Judenheit vom Erzvater Jakob her (warum nicht von Abraham her?) eine Blutsgemeinschaft ist, und daß „der Einzelne in seiner schicksalhaften Zugehörigkeit zu der Blutsgemeinschaft und nur in dieser Träger und Erfüller des göttlichen Wortes sei." Daß damit die Proselyten von Abrahams Tagen an (1. Mose 17,23—27)rbis zur Gegenwart — man denke an die Aufnahme ganzer Bolksteile in die Judenheit, man erinnere sich daran, daß die russische Judenheit mit einem hohen Grade von Wahrscheinlichkeit aus chazarischen d. h. tatarischen Blutquellen stammt, man denke an die schwarzen und gelben Juden in Amerika und Asien — aus der Judenheit ausgeschlossen sind, und. daß sich der Nachpreis der Blutverbundenheit mit Jakob leichthin als historische Fiktion erweisen läßt, hätte den Redner doch «in wenig vorsichtig stimmen sollen. Steht^das ProphetenwPct dHs Jesaja: „Auch von de? Hejtz^n wul ich zu Pr»sterü und Leviten nehmen (Jesaja 66,21)" nicht auch in der zionistischen Bib^? Daß das Judentum aus einer Volksgemeinschaft hervorgegangen, di« ihm aber nur zu einem kleinen und kleinsten Teile gefolgt, ist eine ge-' schichtliche Tatsache. Die Leviten, die \id) um Mose geschart und gegen das Volk gekämpft (2. Mose 32,26) sollten schon zu ernster Nachdenklichkeit veranlassen. Dir Propheten waren immer nur Einzelne gegenüber der heidnischen Masse ihres Volkes. Das Wort des Elia: ,Lch allein bin als Gottesprophet übrig geblieben (1. Könige 18,22)" darf geradezu als Motto der Prophetenzeit gelten. Das Judentum war während der ganzen Bibelzeit das Bekenntnis einer kleinen Minderheit. Den Kontrakt des Esra hat nur ein winziger .Bruchteil des Volkes unterzeichnet (Nehrmja 10). Erst seit der Nachbibelzeit kann man das Judentum mit der Judenheit gleichsetzen. Man könnte also bestenfalls von dieser Zeit an von einer Blutsgemeinschaft reden. Es ist aber richtiger, die Judenheit auch von da an als Ideen- und Schicksalsgemeinschast zu bezeichnen. Als Stammesgemeinschaft oder Blutsgemeinschaft von Jakob oder vom Sinai her kann sie nur gröbste Unwissenschastlichkett auffassen. Wenn Dr. .Wiener aus der jüdischen Anteilnahme am sozialen und kulturellen Schicksale aller

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