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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-05-01 · 3 (1.5.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
IV (1927-1928)
Issue
3 (1.5.1927)
Date
1927-05-01
Page
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74 Juden schließt, daß „wir ein über die ganze Welt zerstreuter Stamm sind," so verkennt er die Macht der Ideen- und Schicksalsgemeinschast. Daß die deutsche- Judenheit seit einem Jahrhundert einen starken Blutzustrom aus der östlichen Judenheit in sich ausgenommen hat, ist ebensowenig als Erweis eines jüdisch'» über nationalen Volkstums zu bezeichnen. Auch hier war die Jdeengemeinschaft die Voraussetzung und die Einordnung jener Ostjuden in die deutsche Bolkskultur die Vorbedingung des Konnubiums. Mit seinem Hinweis auf die erfreulichen Erfolge der jüdischen Bauernsiedlung in den Sowjetrepubliken hat Dr. Wiener sicher die Zustimmung aller Teilnehmer der Versammlung gesunden. Ob aber seine Auslegung des Zionismus: „Wir erblicken im Zionismus nicht den Weg nationalistischer Verengung und Verkrümmung des freien und aufrech: Menschlichen, son dein die Kraft und den Willen zu einem freien gottgewollten Arbeiten und Atmen auf dem Mutterboden Erde, nicht bloß in Erez Israel" auf die Zustimmung des offiziellen Zionismus rechnen darf, ist sehr zu bezweifeln. Gegen den so formulierten Zionismus wird kein Jude Einspruch erheben. Das bedeutsamste Ergebnis der sonst so unfruchtbaren Aussprache war der Hinweis Dr. Baecks-Berlin, daß derreligiöse Liberalismus schon mit Rücksicht auf die Gewinnung der ostjüdischen Kreise, die zionistisch sind, und um die zu einem großen Teile zionistisch eingestellte Jugend nicht abzustoßen, nicht antizionistisch »sein darf. Gerade in Palästina habe der religiöse'Liberalismus im Kampf gegen die einseitige Orthodoxie und ijegen den religionsfeindlichen russischen Nihilismus eine große Ausgabe zu lösen. Die Tagung hat natürlich im lioeralen Lager, in dem man^ noch iigmrr an der siiuilosen Verbindung von' liberalem Bürgertum mit dem religiösen Liberalismus sesthält, Wiberspruch geweckt. Vielleicht noch seltsamer ist der Kommentar, den oas offiziöse Zionistenorgan der Taguna des Li beraten Rabbinerverbandes widmet. Der älteste Ladenhüter aus der Polemik gegen die Antizio nisten wird hier noch einmal hervorgeholt und dem religiösen Liberalismus die Assimilationstendenz anaedichtet. Dabei weiß der Naturwissenschaft schaftliche ABC- Schütze, daß Assimilation kein Bewußtseinsvorgang, sondern eine natürlich: Erscheinung ist: nicht wir assimilieren uns, sondern wir werden durch die Einflüsse des Bidens und des Klimas, der Sprache und der Kultur assimiliert. Schldclindex, Haut- und Augensarbe, Körverlänge, kurz, alle äußeren Erscheinungen der Assimilation und die gedankliche Einordnung durch die Sprache, Schule, Kunst, Kultur und Landessitte sind nicht von unserem Willen abhängig, sondern Naturnotwendigkeiten, denen wir wehrlos unterworfen sind. Durch alle Willensenergie wird aus einem Russen niemals ein Deutscher, ebensowenig wie in dem bekannten jüdischen Witzwort aus der Gans im Hause des Täuflings am Freitagabend ein Fisch Der Anähnelungsprozeß erfolgt durch klimatische und Bodeneinflüsse, sowie durch psychische Elemente, deren Gesetze noch nicht entdeckt sind. Liegt hier ein Denkfehler vor, so ist es — ein kleiner Gedächtnisfehler, wenn die Abwehr des Zionismus geradezu zu einem Charakteristikum des religiösen Liberalismus gemacht wird. Die religiöse Orthodoxie stand und steht ihm mit Ausnahme der misrachistischen Gruppe ganz ebenso ablehnend gegenüber. Und das Ergebnis? Der Rabbiner hat im Kampfe für und gegen den Zionismus, soweit das menschenmöglich ist, neutral zu bleiben. Dr. Wilde in Magdeburg hat das richtige Wort gesprochen: „Der Rabbiner hat als Vertreter der Religion weder zur Polittk seines Heimatlandes noch zu einer besonderen jüdisch:« Polittk Stellung zu nehmen. Die Religion vertritt Gedanken und Gefühle, die Ewigkeitswert besitzen; die Politik verfolgt Unternehmungen, die zeitlich begrenzt sind und die scheitern können. Es war falsch und hat sich als schädlich erwiesen, daß vor etwa 25 Jahren die deutsch:» Rabbiner aller Richtungen sich im Namen der Religion gegen die politischen Bestrebungen des Zionismus erklärten. Der liberale Rabbiner wird darum alle Bestrebungen im Zionismus begrüßen, die der religiösen Weiterentwicklung dttnen. Er wird Mitarbeiten können an den sozialen Aufgaben des Zionismus. Er wird aber gegen die Richtung kämpfen müssen, die der Religion ihre Stellung im Judentum zu gunsten einer rein volksmäßigen Auffassung des Judentums nehmen will." Es ist bedauerlich, daß statt dieser wirklich liberalen Ausfassung die eingangs erwähnte völlig farblose Entschließung von der Versammlung angenommen worden ist. Professor Dr. Cahn gestorben. Als wir vor kurzer i^eit den Rücktritt von Professor Dr. Cahn von der Leitung der inneren Abteilung des Cannstatttr Krankenhauses meldeten, war es für wette Kreise klar, daß die medizinische Welt eine fühlbare Lücke erlitten hatte. Verließ doch mit dem bedeutenden Internisten und ausgezeichneten Diagnostiker nicht nur ein anerkannter Gelehrter, sondern vor allem auch ein Mann sein langjähriges Arbeitsfeld, der im wahrsten Sinne des Wortes Helfer genannt werden konnte. Geh. Medizinalrat Professor Dr. Arnold Cahn wurde am 11. April 1858 in Worms geboren. Er studierte unter dem berühmten Professor Kußmaul und habilitierte sich im Jahre 1886 als Privatdozent. Im Jahre 1966 übernahm er sodann die Leitung des Bürgerspitals

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