Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 23 (1.3.1927)
- Date
- 1927-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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1111 HWIMIl - 537 — eine Biertelmillion entwurzelter Juden bodenständig gemacht hat. Städtische Juden zu Bauernjuden zu machen ist eine Unmöglichkeit. Ausnahmen bestätigen die Regel. Dagegen sind die» Kleinstadt- und Dorfjuden mit der Landwirtschaft so verwachsen, daß sie sich ihr ohne alle Hemmungen mit guter Aussicht auf Erfolg widmm können. Bor allem ist hier die Jugmd noch so mit der Scholle verwachsen, daß es sie verlockt, die eigene Scholle zu bebauen und damit in die soziale Schicht der Kleingrundbesitzer einzutretm. Die Möglichkeit auf dem Lande guten Boden zu verhältnismäßig niedrigen Preism zu erwerben, ist fast überall geboten. Mer den Juden auf dem Lande fehlm infolge der letzten harten Jahre und der Nachwirkungm der Inflationszeit ausnahmslos die hierzu nötigen Mittel. Bestände eine landschaftlich getrennte Darlehmskasse zum Erwerb von Grund und Bodm, die gegen niedrigstm Zinsfuß Bodmkrchite gewährt und gegen eine bescheidme Amortisation Pachtland als Eigenboden vergibt, so wäre der Weg gewiesen, die Landgemeinden zu festigen und damit der deutschen Judenheit diese Lebensquellm zu erhalten. Hier könnten Bauernsiedlungen entstchen, die auch heute noch wirtschaftlich widerstandfähig und existenzkräftig sind. Das Organ dieser Darlchenskassen müßte eine Siedlungsgesellschast sein, die im Rahmen der bestchmden Agrargesetzgebung vom Staate die Mittel für Judm beanspmcht, die für nichtjüdische Siedlung zur Verfügung stehm. Für diese landwirtschaftlichen Darlchenskassen müßten Anteilscheine in Höhe von Mark 50 bis Mark 1000 ausgegebm werden. Es ist nicht zu bezweifeln, daß sich unter den Juden Tausend« finden weiden, die für diesen großen Gedanken Mittel zur Verfügung stellen werden. Der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten kann hier zugleich ein Rettungswerk für zahlreiche Kameraden schaffen, die infolge des Krieges üjte bescheidene Existenz verloren und unter seinen Nachwirkungen zu Luftmenschen gewordm sind. Alle unsere Durchwandererkassm weckten die tiefbetrübmde Tatsache bestätigen, daß eine Riesenanzahl braver Kameraden, die fast ausnahmslos aus dm Landgemeinden stammm und während der Jnflattonszeit eine kurze Zeit sozialm Aufstieges erlebt habm, zu existenzlosen Bettlern geworden ist. Ein großer Teil dieser Bedauernswertm wäre zu rettm, wmn chm die Rückkehr in die ländlichm Heimatverhältnisse ermöglicht würde. Mit der Sichemng solcher jüdischer Bauernsickrlungen in allen Teilm unseres Vaterlandes wäre dm Lchrern die ihnm bisher fegende Berechtigung gegeben, die schulentlassen« jüdische Jugmd männlichen und weiblichen Geschlechtes zum Besuche landwirtschaftlicher Schulm und zur Ergreifung des landwirtschastlichm Berufes aufzusordem. Die Gemeinden mären dann verpflichtet, wo es nötig ist, durch Studimbechilfm jungen Lmten, die sich als Landwicke betätigen wollm, dm Besuch landwirtschaftlicher Schulm zu er,nöglichen. Kurz, es wäre einem langen unfmchtbaren halbm Jahrhundeck des Redens über die Echaltung der Landgemeinden endlich der Weg zur Verwicklichung des Problems gewiesen: die Echaltung der noch bestehendm jüdischen landwirtschaftlichen Betriebe und ihr Ausbau zu lebmskräftigen Bauernsiedlungm. _ Auch ein Wort zur StolgebühreruFrage. Das Mitglied des Oberrats, Herr Dr. Gunzenhauscr, Stuttgack, hat in Nr. 22 dieser Zettung Ausführungen zur Stolgebührmfrage veröffentlicht, dmen er die Ueberschrift gegeben hat: „Die Wahrheit über die Stolgebühren." Nattirlich hat er die Wahrheit schreiben wollm, es fragt sich aber, ob es chm geglückt ist, oder ob nicht vielmchr statt einer objektiven Abwägung der einander entgegenstchendm Meinungm lediglich die subjekttve Auffassung der einm Seite wiedergegeben ist. Herr Dr. Gunzenhauser erklärt, von einem an unseren Beamten begangenen Unrecht sei nirgends eine Spur. Ich habe in der Landesversammlung die gegmteilige Ansicht verfochten und habe sie noch. Herr Dr. Gunzmhauser hebt durch besonderen Druck hervor, daß die Entzichung der Stolgebührm gegen weitgeh enden andern Ersatz erfolgt sei. Damit wird nicht widerlegt, daß der weitgehende Ersatz in einer Rech« von Fällm kein voller Ersatz war. Die von der Landesversammlung abgelchntm Anträge habm darauf beruht, daß den Gemeindm die Freiheit gegeben werden soll, vorgekommme Härten auszugleichen. Man konnte meines Erachtms verschiedmer Ausfassung darüber sein, auf welchem Weg sich dieses Ziel am bestm erreichen läßt. Dagegen stcht fest: Unrecht wick» nicht dadurch gutgemacht, daß man es bestreitet. Herr Dr. Gunzenhauser gibt den Beamten den trefflichm Rat, mchr die ideellm Gesichtspunkte walten zu lassen. Ich glaube; man muß aber auch nachfühlen könnm, wmn Beamte geltend machen, daß sie durch die Aushebung (nicht Ablösung) der Stolgebühren gegm früher verkürzt wordm sind. Deshalb braucht man nicht öffmtlich der Sorge Ausdmck verleih en,daß der Materialismus unserer Zett sie zu schr ersaßt und chr Anschen dadurch geschädigt wird. Ich will mich hier nicht darüber verbrettm, ob und wieweit die Gleichstellung der wücktembergischm Beamten untereinander zweckmäßig und gebotm ist. Aber die Zukunft wird zeigen, ob