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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1927-03-01 · 23 (1.3.1927) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
23 (1.3.1927)
Date
1927-03-01
Page
[Seite] (sequence 2)
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- 536 — deutung für die Bekämpfung des Antisemitismus geltend gemacht. Die deutschen Juden haben immer noch nicht die knechtisch: Einstellung überwunden, sich in ihren Entschließungen nach dem Urteil chrer Umwelt zu richten. Es muß uns doch endlich gleichgüUig erscheinen, was die Anderen zu unserem Tun und Lassen sagen. Wir wissen es doch schon lauge, daß wir unsere lieben Gegner nicht überzeugen können, weil sie nicht überzeugt sein wollen. Tie Antisemiten machen es uns zum Borwurf, daß wir keine Bauern unter den Juden haben; sie werden es uns aber ebensowenig verzeihen, wenn wir. uns dem Bodenbau widmen. Wir Juden sollten doch endlich zu der Erkenntnis kommen, das zu tun und zu lassen, was wir selbst als richtig erkennen und sittlich verantworten können. Eine jüdische Siedlung in Deutschland wird ganz ebenso wirken wie keine. Rittergutsbesitzer Sandelowski hat in Stuttgart mit guter Laune erzählt, daß ihn seine Nach barn, als sie merkten, daß er etwas vom Landbau verstche, zu einem arischen Juden d. h. zu jüdischem Halbblut gemacht haben. Ein drittes Schlagwort in der Aussprache über den Plan des Reichsbundes ist die „jetzt zu verwirklichende Seßhaftmachung der Jrchen Deutschlands nach der Zeit der Emanzipation" durch die Begründung der beabsichtigten Siedlung. Dieses Schlagwort zeugt von einer völligen Unkenntnis der geschichtlichen Verhältnisse. Tat sächlich haben die Juden in Deutschland noch im ersten halben Jahrhurrdert nach der Emanzi pation zumeist in Landstädten und Dörfern gelebt und hier sich zu einem sehr großen Teile in der Landwirtschaft betätigt. Erst von da an haben sie im Osten wie im Wetten unseres Vaterlandes nach und nach ihren Grund und Boden ver äußert und sich aus den Landgemeinden gelöst. Der allgemeine Zug in die Großstadt infolge der Industrialisierung der Wirtschaft hat den Prozeß dieser Loslösung vom Boden beschleunigt. Die Novellen Komperts sind elegische Erinnerunan die Zeit, in der die österreichischen Juden seßhafte Bauern auf eigenem Grunde gewesen sind. Die gleichen Verhältnisse aber lagen auch in Deutschland in den ersten Jahrzehnten nach der Emanzipation vor. Das Schlagwort von der Seß haftmachung der deutschen Juden durch das Mit tel der neuen Sicklung ist aber auch deshalb ver schlt, weil es nichtjüdische Menschen zu der völlig irrigen Auffassung verleiten muß, daß die Juden bisher in Deutschland noch nicht seßhaft ge wesen sind. Ebenso unglücklich ist die Vecheißung von einer Regeneration der deutschen Juden durch den neuen Sicklungsplan. Auch dieses Schlagwort gchört zu dem festen Bestand der Verteidiger aller neuen Projekte im deutschen Judentum. Nchmen wir einmal die phantastische Höchstzahl an, daß es gelingen würde, in einer solchen Sickl lung sechstausend Juden unterzubringen, so wäre durch die Verbindung mit dem Boden gerade 1 o/0 der deutschen Juden der echosften Regeneration zugeführt. Von dieser Siedlung die Regeneration der deutschen Juden zu erwarten ist also eine recht utopische Hoffnung. Das Projekt ist also zu verwerfen? Durchaus nicht! Es muß nur vollständig umgestellt werden. In der Gemeindezcitung vom 16. Jan. ist bereits auf Seite 472 von einem Freunde des Reichsbundplanes darauf hingewiesen worden, daß im fränkischen Teil Württembergs einmal viele Juden Grund und Boden besaßen, den sie selbst bebauten und bewirtschafteten. Die Preisgabe dieses landwirtschaftlichen Besitzes und die Abwanderung der Juden in die Großstadt verursachte den tragischen Zusammenbruch vieler einst blühender jüdischer Landgemeinden. Dieser Zusammenbruch bckeutete zugleich die Ausgabe der patriarchalischen Frömmigkeit der ländlichen Heimatgemeinde. Die Landflucht endete mit der Fahnenflucht aus dem Judentum! Seitdem wird im deutschen Judentum über diese verhängnisvolle Entwicklung wortreich geklagt. Aber die Klagenden haben sich bisher nicht die Mühe genommen, nach dem eigentlichen Grunde dieser Landflucht zu fragen. Sie ist mit der Sucht nach den Großstadtfreuden und mit der Hoffnung, in der Großstadt das Eldorado zu finden, nur unzureichend erklärt. - Tenn im Grunde lieben diese Abwanderer ihre ländlich« Heimat und leben in einer von ihnen selbst nicht klar empfundenen Sehnsucht nach dem verlorenen Paradiese. Sie wissen außerdem ganz genau, daß sie ein harter Lebenskampf in^der Großstadt erwartet, der nur in den. allerseltensten Fällen zu dem in der Großstadt erhofften Reichtum führt. Es ist tatsächlich die wirtschaftliche Notwendigkeit, die sie zur Landflucht zwingt: Sie können auf dem Lande nicht mehr bestehen! Sie wücken zu einem großen Teil auf dem Lande verbleiben, wenn sie hier eine E^i'tenzmöglichkdit besäßen! Tie Abwanderung ist nicht ganz zu beheben, aber sie kaum doch in gesunder Weise eingeschränkt wecken. Der Ausweg ist die Erhaltung und Arrondierung des noch in jüdischen Händen vorhandenen landwirtschaftlichen Besitzes. Nach der letzten Berufszählung gab es im Jahre 1907 in Deutschland noch 5772 Juden, welche die Landwirtschaft hauptberuflich ausübten. Ihre Zahl mag in den letzten zwei Jahrzehnten wesentlich zurückgegangen sein. Aber in Württemberg, Baden und Bayern sind noch viele Hunderte jüdischer Existenzen mit der Landwirtschaft eng verbunden. Auch in Preußen wohnt sicher noch ein Zchntel der Juden auf dem Lande. Daß es möglich ist, diese Kleinstadt- und Dorsjuden mühelos zur Landwirtschaft überzuleiten, beweist der unerwartet große Erfolg des russischen jüdischen Sicklungswerkes, das sich, in den letzten Jahren fast unmerklich vollzogen und mindestens

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