Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 21 (1.2.1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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- MIWl. 'U ) ll W jtiP»n.pi,1.1, W.ljtn - 489 - ' Getöse des Sinai, sondern in dem, was in der Seele des Propheten vor sich ging (S- 282)." Er widerlegt also im Nachsatz, was er im Vordersatz behauptet Hat-So wertvoll seine zusammenfassende Darstellung ist — sie hat die biblische Auffassung nicht erschüttert: Die Bibel ist vom ersten bis zum letzten Wort die Urkunde der reinen vollkommenen Gottesidee. Sie ist die Geschichte des Gottesglaubens, seiner Läugnung und Lästerung, seines Krieges und Sieges in der Menschheit. Es ist ein Irrtum, aus den angeblich wechselnden Bezeichnungen der Gottheit Schlüsse auf die Höhe der Gottesüberzeugung der einzelnen biblischen Schriften zu ziehen. Die Bibel kennt als Urkunde des vollkommenen Gottesglaubens nur den einen hochheiligen Gottesnamen, während die anderen Bezeichnungen Gottesbegriffe sind, die auch für die heidnischen Gottheiten verwertet werden. Die Wurzel der Gemeinschaft. Vom inneren Sinn des jüdischen Lehrhauses. Als wir vSr fast einem Jahr uns zusammenfan-, den, um das Lehrhaus ins LÄben zu rufen, da war es ein hoffender Glaube an die werdende Gemeinschaft, der uns damals in einer schönen und seltenen Einmütigkeit vereinte. Das Judentum als Wurzel der Gemeinschaft wäre es weniger, wozu wären wir noch Jude>n'? Unser Leben ist Sehnsucht und Suchen nach Gemeinschaft, und nur im Blick auf die mögliche, erwartete Gemeinschaft knüpfen sich echte Beziehungen von Mensch zu Mensch; nur als Wurzel der Gemeinschaft erhalten sich naturgegebene Bindungen, so die Familie, so das Volk, so die unter keine gebräuchliche Kategorie ganz einzureihende Beziehung - das Judentum. Wäre aber das Judentum mehr als nur Wurzel der Gemeinschaft, wäre es so, wie cs ist, lebendig« Gemeinschaft, so wäre vieles anders unter uns. Wir hätten das Lehrhaus nicht M gründen gebraucht. Wir brauchten überhaupt nichts zu gründen, weil alles fest genug in sich gegründet wäre. Es ginge alles von selber, wie in jeder lebendigen wirklichen Gemeinschaft alles sich von selbst versteht. Um nicht mißdeutet zu werden, muß ich so klar wie nröglich zu machen versuchen, was ich unter Gemeinschaft verstehe. Ich will es nicht mit Definitionen verdeutlichen, sondern am lebendigen Beispiel und Gegenbeispiel: Gemeinschaft ist Beziehung zwischen Mensch und Mensch, die wirklich und ohne Vorbehalt aufgebaut ist, auf dem Gottesgebot des 3. Mosebuches, auf die Liebe zum Genossen, der w i e D u, der Dir a l s D e i n Du gegenübergestellt ist, als das Dir Antwortende, Dich Ergänzende, das Andere, dessen Dasein Dir .die Gegenwart Gottes zu Bewußtsein bringt. Ohne die Liebe und ohne das Du wäre für uns Gott nicht zu erfassen, also in Wirklichkeit nicht für uns vorhanden. Wenn wir dagegen von Interessengemeinschaft, von Arbeitsgemeinschaft (ein jetzt auch im politischen Leben oft gebrauchtes Wort), auch von Volksgemeinschaft sprechen, so sind das alles an dere als wirklich« Gemeinschaften. Man hat gemeinschaftliche Interessen wirtschaftlicher, politischer, auch kirchlicher, also religionsp o l i t i s ch e r, oder auch Interessen wissenschaftlicher Natur und schließt sich zu deren Verfolgung zu sammen. Mit dem Geheimnis, unter dem sich alles wirkliche Leben vollzieht, hat ein solcher Zusammenschluß nicht das Geringste zu tun. Auch manches was sich Freundschaft nennt, auch viele Ehen sind nichts als solche Interessengemeinschaften. Aber dennoch, wer diese zwei Worte, „Ehe", „Freundschaft, ausspricht, der hat dabei, sei es, daß er sie erlebt hat, sei es, daß er sie ersehnt, das Bild echter Gemeinschaft in der Seele. Mit dem Wort „Jude" ist cs nicht anders. Was bindet Juden a n Juden? Wenn wir uns mit dem Verstand darauf besinnen, so werden wir Dutzende von mehr oder weniger klugen Antworten auf diese Frage finden, wir werden auch da von kulturellen, von religions- oder staatspolitischen Interessen sprechen, von Abwehr und Aufbau, von NotgenieinschaslundTraditionSocrbiiudenheit.aber keine dieser ausgeklügelten Antworten wird uns befriedigen. Und doch — irgend einmal in seinem Dasein hat jederdie wahre Antwort erlebt. Erlebt - nicht erdacht hat er sie. Das Leben hat sie ihn gelehrt. Also noch einmal—: Gemeinschaft ist Leben und Mitleben, Beziehung zwischen Mensch und Mitmensch im Angesicht des Ewigen. Und Gemeinschaft ist im Ersten wie im Letzten heute wie von je der ganze Sinn und die ganze Aufgabe des Judentums. Und der Weg des jüdischen Leh rhau s e s ist Suchen nach Gemeinschaft, eben weil er jüdisch ist. Suchen nach Gemeinschaft auch im Namen direr, die ihn nicht mitgehen und dennoch mit irgend einer Faser ihres Her zens am Judentum hängen: Suchen nach Gemein schaft für jene, die anderes, die etwa nur Be lehrung auf ihm zu finden gedenken: einmal wird auch ihnen der Sinn des jüdischen Wissens als Zugang zur Wurzel der Gemeinschaft aufgehen. Sind wir diesem unserem Ziel in dem ver flossenen Jahr einen Schritt näher gekommen oder nicht? Es ist nicht leicht auf dies« Frage zu antworten. Denn die Antwort heißt ja und nein. Zwei Schritte vor und einen Schritt zurück, möchte man sagen. Also doch immerhin vorwätts — das ist genug, um uns zur Weiterarbeit zu ermutigen, wenn auch das Ziel noch fern genug liegt und wir mit Jahren und Jahrzehnten