Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 21 (1.2.1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/4904101-5441798-5442948--0923-4904943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rechnen müssen, bis wir — oder wenn nicht mehr wir, dann doch die nach uns kommen — hassen dürfen, es einmal zu erreichen. Wo es um das Un» wägbare, das Ewige geht, da wiegen Jahre wie Sekunden. Die zwei Schritte vorwärts sind der innere und der äußere Gewinn, den alle davon getragen haben, die den Kursen als Hörer regelmäßig gefolgt sind- Jeder von diesen wird gleich mir, bei a ller Betrübnis über das Viele, was uns noch fehlt, sagen müssen, daß er, wo nicht in ein ganz neues, doch in ein viel innigeres, lebendigeres Verhältnis zum Judentum ge kommen ist, sei es durch die hebräische Sprache, sei es auf andere Weise im Lehrhaus mit ihm beschäftigt; von der sehr wichtigen und wertvollen Wissens Vermehrung und Vertiefung ganz abgesehen. Das ist der Gewinn, den ich den äußeren oder besser den sachlichen nennen möchte.Ter andere inne re, das sink» die Beziehungen von Mensch zu Mensch, die sich schon in den wenigen Monaten anzuknüpfen begannen. Das Lehrhaus ist der einzige Ort^ wo Juden aller Schichten, aller Richtungen, aller Gruppen auf gleichem Fuß und in gleichem Streben einander begegnen. Wenn wir einige vermißten, (und davon wird imchher noch ein Wort zu reden sein) so lagen besondere Gründe vor, die außerhalb des Lehrhauses ihre Wurzel haben. Aber die sich trafen, so fremd sie vorher einander gewesen sein mögen, haben im Lehrhaus einander kennen und schätzen gelernt. Drei große und zahlose kleine Spaltungen ver uneinigen das Volk, dem die Einheit Lebens quell ist und Lebensaufgabe sein soll: West und Ost — Teutschgläubige und 'Zionsgläubige — Gesetzesstrcnge und Liberale. Zwischen ihuen allen soll und will das Lehrhaus Brücken schlagen: eine Brücke, die erste der drei wichtigsten, die zwischen Ost und West ist im Bau; eine, die dritte, bereitet sich vor, aber noch stehen, auf der Seite des Gesetzes, die Bauleute wartend beiseite. Sie, die die Orthodoxen, die Rechtgläubig e nhcißkn, und die doch an unser Werk noch nicht den rechten Glauben haben. Es wird unserse Aufgabe sein, ihn ihnen einzuflößen, und es sei hier von neuem ausgesprochen, daß wir immer und offenen Armen ihrer warten. Schwieriger, und damit komme ich auf den „einen Schritt zurück" zu sprechen, den wir zu verzeichnen haben, scheint es mir, die zweite Brücke aufzurichten. Die Bausteine der Brücke sind guter Wille und Vertrauen, und daran, so füreAe ich, fehlt es hier auf beiden Seiten. Es mag mir, der ich in der Mitte und beiden Seiten etwa gleich nahe stche, in manchen Einzelfragen mehr der «inen, in anderen mehr der andern zugeneigt, der ich hier wie dort den brüderlichen Juden und den Menschenbruder sehen möchte, — es mag mir, sage ich, gestattet sein, ein Wort darüber an beide Seiten zu richten. Vorher aber ein Wort über die M i t t e, in der ich selber stehen möchte, und in der zu stehen dem Lehchaus Beruf und Bestimmung ist. Es ist nicht die Mittel straßederEntscheidungslosigkeit, auf der man jedem Recht gibt, nie Stellung nimmt; es ist der, der Dienst am Altar der Einheit, die aller Spaltung, Sonderung, Entweihung und Parteiung immer wieder als Maß und Spiegel vorgehaften werden muß. Für uns Juden müßte es v iel leichter sein, uns der Einheit zu erinnern, als all den andern Menschenbrüdern um uns herum. Sind wir doch dabei aller philosophischen und theologischen Kreuz-, Irr- und Ämwege enthoben. Ist uns nicht seit Urzeiten geboten, uns die Einheit täglich, stündlich vor Augen zu halten, als Wirklichkeit, nicht als Gedankenspiel oder Gefühlsüberschwang: wenn wir uns nickerlegen, wenn wir aufstehen, wenn wir im Hause sitzen und wenn wir unseres Weges wandeln? Wir haben cs so leicht und machen es einander so schwer. Wir wissen von der Einheit, bekennen uns freudig zum Judentum und damit z u i h r und streiten uns herum, nicht wie Brüder, die in ernstem Bemühen ihre Meinungen gegeneinander verfechten, bestrebt einander kennen und verstehen zu lernen, sondern oft genug wie Feinde und gehässige Konkurrenten. Immer wieder, wenn ich daran denke, tritt mir das Bild des in Trümmern rauchenden Tempels vor Augen, von dem es heißt, nicht die Macht der äußeren Feinde, sondern die Bruderzwietracht im. Inneren habe das furchtbare Unheil in seiner ganzen Größe verschuldet. Immer wicker zerstören wir den Tempel. Von dieser Mitte also, von der Milte des Lehrhauses, möchte ich allen sich Bestreitenden in Israel zurufen: vergesset das Sck'ma im Kampfe nicht, seid eingedenk, daß wir alle Juden und Brüder sind, lernt einander verstehen, achten — lieben endlich, und zu diesem Beruf — kommet ins Lehrhaus. Es bckarf Eurer, wie ihr seiner bckürftig seid. Und mit diesem Wunsch und Zuruf wollen wir glaubend und vertrauend an die Arbeit des dritten Jahresabschnittes treten. Leopold Marx. Aus den Gemeinden Württembergs. Stuttgart. Die erste Sitzung des israelitischen Gemeindevorsteheramte« im neuen Jahre fand am 19. Januar statt. Der bisherige Vorsitzende Arthur Efsinger eröfftiete die Sitzung mit der Mitteilung, daß Kommerzienrat Wolff verreist und Dr. Hommel beruflich verhindert ist, an der Sitzung teilzunehmen. Der Vorfitzende verpflichtete die beiden neugewählten Vorsteher Karl Levi und Max Meyer Er leitete als älteste« Mitglied des Kollegiumdie Wahl de« Vorsitzenden und seines Stellvertreter«. Auf Vorschlag Friedrich Kiese« wurden Efsinger uud O<- kar Rothschild erneut zum Vorsitzenden und strllvettre-