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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-12-01 · 17 (1.12.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
17 (1.12.1926)
Date
1926-12-01
Page
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— 381 — so hallt es aus den Kirchenkreisen zurück: „Wir fordern den evangelischen oder kacholischen Staatsbürger." Hören wir, was die Parteien fordern! Die Kommunisten verlangen in chrer Entschließung vom Jcchre 1925 „die weltliche Einheits- und Produktionsschule und das Verbot alle* Privalschulen. Der Grundtypus der Schulanstalt ist das Schulheim, nicht die Unterrichtsanstalt" (Vom 3. bis 18. Lebensjcchre). „Jede religiöse Unterweisung innerhalb der Unterrichtszeit und der Schulräume ist verboten." Die Sozialdemokraten erstreben im Heidelberger Programm vom September 1925 ebenfalls die rein weltliche Schule. „Icke öffentlich-rechtliche Einflußnahme von Kirchen, Religions- und Weltanschauungsgemeinschasten auf diese Einrichtungen ist zu bekämpfen." Schon gedämpfter klingt das Hohelied der weltlichen Schule aus dem Munde der Demokraten. Das Schulprogramm führt aus: „Unser Volk leidet an sozialer, politischer und religiSser Zerklüftung. Seine gefährdete Einheit sichert die all« Glicker der Nation umfassende simultane Einheitsschule. Außer dem durch die Konfession bestimmten Religionsunterrichte ist in der Schule «in allgemeiner religionskundlicher Unterricht zu erteilen; an einem von beiden muß jckes Kind teilnchmen. Die deutsche Volkspartei sockert« auf chrem Parteitage in Leipzig, Oktober 1919, und in ihrem Wahlaufruf 1921: „Bei der Einrichtung der Volksschule ist auf die geschichtliche Entwicklung und auf den Willen der Erziehungsberechtigten Rücksicht zu nehmen. 'Je nachdem diese es fordern, ist sie simultan oder konfessionell zu gestalten." — „Dabei ist der Zusammenhang mit den Grundlagen deutscher Kultur, insbesondere dem Christentum zu bewahren. Die deutsche Bolkspartei fordert deshalb auch die Beibehaltung des Religionsunterrichts in den öffentlichen Schulen." DieZeytrum spartet verlangte auf chrem Reichspartestage zu Berlin am 19. Januar 1922 für das kath. Kind die kath. Bekenntnisschule. „Sic muß dem Heranwachsenden Geschlechte die feste Grundlage für eine Lckensführung im Sinne des christlichen und deutschen Bildungsideals geben." Selbstverständlich ruft die bayerische Volkspartei noch laizjer nach der „Erziehung der Jugend im Geists der christlichen Religion" und nach „Bekenntnisschulen der christlichen Glaubensgemeinschaften." (Reichstagshandb. 1921, S. 150). Die Deutschnationale Polks- Partei legte sich auf ihrem Parteitag am 8. Mai 1926 zu Berlin auf das Tivoliprogramm vom 8. Dezember 1892 fest, in dem ausgeführt ist: „Die konfessionelle christliche Volksschule erachten wir für die Grundlage der Volkserziehung und für die wichtigste Bürgschaft gegen die zunchmende Verwilderung der Massen." In dem Wahlaufruf zur Reichstagswahl am 7.12.1921 wird ganz kurz ,chie Sicherstellung der christlichen Schule" gefordert und dazu „ein christliches Schulgesetz". Die Deutsch-Völkischen vollends machen Anspruch auf die völkisch-soziale Weltanschauungsschule, in deren Mittelpunkt das gesamt« deutsch« Kulturgut — auch das religiöse Glaubenstum — steht, unter Ausschluß jüdischer Lehrer und Schüler. Für die jüdische Schule hat die jjckifche Gemeinde -zu sorgen. Oeffentliche Mittel dürfen für sie nicht verwilligt werden. Und nun frage ich: „Und wir? — Sonderbarerweise schweigen die Mischen Führer sich über die brennende Frage des Schulgesetzes gründlich aus. Nur die jüdischen Lehrer nehmen Stellung .Einmütig treten sie für die deutsche Gemeinschaftsschule (nicht gleichbckeutend mit der üblichen christl. Simultanschule!!) ein, verlangen aber auch bei Ablchnung der deutschen Gemeinschaftsschule für jüdische Kinder die j ü - discheBekenntnisschule. Mft Rücksicht auf das jüdisch« Kind, ist seine Einschulung in ein« auf christliche Grundlage gestellt« Bekenntnis¬ oder Simultanschule abzuweisen. Warum aber schweigt die jüdische Oeffentlichkeit? Der Antisemitismus hat es fertig gebracht, den Juden die Beschäftigung mit der Politik, insbesondere mit innerpolitischen Fragen zu verekeln. Andererseits kennen die gckildeten Jftaeliten di« Volksschule, um die es sich handelt, ja gar nicht. Das Schulgesetz befaßt sich mit den Schulzwangschulen. Unsere Gckildeten, die städtischen Juden zu 90 Prozent, besuchten aber di« freiwilligen Schulen: Elementarschule, Realschule und Gymnasium, höhere Töchterschule ufw. Sie waren alle nicht konfessionell gestaltet, wenigstens hinsichttich der Schüler. Im Mittelpunkte ihres Interesses stand auch nicht die Religion, sondern die technische Kultur bei den Realschulen, der llafsische Humanismus bei den Gymnasien. Nun ^projizieren unsere Gckildeten einfach die Verhältnisse ihrer freiwilligen Schulen auf die Grundschule, diese für alle nun eingerichtete, aber in dem größten Teil Deutschlands konfessionell getrennte Zwangsschule. Nur so ist die Indifferenz unserer Führer und Gebildeten verstärcklich. Ein Blick in die Lehrpläne und Schulbücher unserer Grund- und Volksschulen, auch der ,-christlichen" simullanen Volksschulen in Baden und Hessen, belehrt uns, wie schr der christliche Geist, das christliche Milieu des Elternhauses, der Gemeinde urck des Staates die Schule beeinflußt. Wir sind durchaus nicht so ängstlich und nicht so engherzig, daß wir Befürchtungen für unser Judentum hegen würden. Was von außen her an die Kinder herangckracht wick, ohne innere Kräfte frei zu machen, das bleibt nur an der Oberfläche hasten. Aber das ist es gerade, was uns veranlaßt, um des jüdischen Kindes willen die Zwitterstellung zu bekämpfen. Je mehr die Arbeüsschule, im Gegensatz zur alten Lernschule, die die Ding« von außen her an das Kind heran brachte, darauf. auSgeht, die schöpferischen Kräfte im Kinde freizumachen, desto ge-

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