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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-11-16 · 16 (16.11.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
16 (16.11.1926)
Date
1926-11-16
Page
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' '"'"Vchristliche Legende berufen, die er i llerdings selbst (S. 186) als „wider die Vernunft" bezeichnet (Clemens Romanus Recogn. 1,71) In Pifa werden ja sogar die Gebeine der heil Gamaliel gezeigt. Mer diese Legende ist nicht I esser begründet als die seltsame Mitteilung, daß Gamaliel und der Arzt Galenus dieselbe Pcrsm gewesen ist (Steinschneider, Uebersetzungen 40 L). Auch in seinen weiteren geschichtlichen Angaben ist Werfel nicht weniger unglücklich. Der erste Träger des Namens Rabbi Huna ist 297 nach' Chr. gestorben. Der Name Rabbi Meir ist urtümlich für dessen ersten Träger, der 160 nach Chr. gestorben ist. Rabbi Zaddok ist ein Zeitgenosse des 135 nach Chr. gefallenen Bar Kochba. Der Gruß Maran Atha (S. 46) heißt nicht „Der Herr wird kommen," sondern entweder „unser Herr ist gekommen" oder „unser Herr komme." Die Schemone Es re, das tägliche Gebet der Judey, ist auf Seite i5 völlig falsch zitiert — ein Bljck in irgend ein Gebetbuch hätte Werfel vor diesem Mißgriff bewahren können. Eine Entgleisung ist es, wenn er S- 83 den heilig- . sten Namen Gottes in der falschen Form aussprechen läßt, die das 19. Jahrhundert für ihn erfunden hat! Zu den sachlichen und geschichtlichen Unmöglichkeiten in Werfels Dichtung kommen die religiösen. Halbwissen macht die Liebe zu der angeblich neuen Offenbarung des Christentums. In Werfels Dichtung sagt Paulus: „Das Gesetz ist erfüllt und die Liebe gekommen", worauf Gamaliel antwortet: „Die Liebe wird kommen." Und hoch ist die Liebe als Grundzug in Gottes Wesen in Israels Lehre stets anerkannt worden. Der Psalmist sieht überalb in der Geschichte diese allmächtige Gottesliebe und preist für alles und jedes: „Denn ewig währet seine Liebe." Im rabbinischen Schrifttum wird die Liebe des Menschen zu Gott als höchste Menschentugend gepriesen. „Hiob hat Gott nur aus Liebe gedient, wenn er 13,15 sagt: Selbst wenn er mich tüten will, vertraue ich ihm." „Handle aus Liebe, denn, wenn du hassen wolltest, so wisse, daß du lieben sollst (j. Sota 5 zu 5. Mose 6,5). Den Höhepunkt der religiösen Unmöglichkeiten erreicht Werfels Dichtung in den letzten Szenen, die im Tempel zu Jerusalem am heiligsten Tag des Jahres, am Versöhnungstage spielen. Wir sind Zeugen der Aussprache zwischen Paulus und Gamaliel, der die Berichte (!) über Jesus den Ketzer studiert hat (S. 142). Er will für Jesum zeugen, er will das „Fehlurteil" über Jesum revidieren und mit Hilfe des Paulus „den Rabbi von Nazareth zu Israel zurücksühren" (S. 165), er will am Tage der Versöhnung Versöhnung schassen. Aber er verehrt den Menschen, Paulus den Gottessohn Jesu, und, da er Paulus nicht überzeugen kann, greift er zum Messer, um Paulus zu töten. Aber Gamaliel wagt den Mord nicht ohne Gottesgebot, und nun kommt das Ungeheuerliche: ein trotziges Gebet zu Gott, durch ein Wunder für oder gegen Jesus zu zeugen. Gamaliel, aufstampfend, herrisch: „Antworte!'^ Gott schweigt, und Gamaliel läßt das Messer fallen. Er segnet Paulus mit dem Priestcrsegen, dann stürmt er mit dem Schreckensschrei davon: „Die Zerstörung über uns! Die Zerstörung . ." Sein Leichnam wird aus die Bühne gebracht und ver hindert den Römer Marullus an der Entwei hung des! Tempels. Gamaliel zum Morde am Versöhnungsjtage im Tempel entschlossen, Gamaliel ausstampfend, herrisch vor Gott — das mag dramatisch, faustisch, dionysisch sein, jüdisch ist es in keinem Zuge! Werfel schließt sein Argument mit den Worten: „Ein losgelassenes Fabulieren in solch reiner. Sphäre!hasse ich als eine Unzucht, und jede poetische! Freiheit ohne strenge Begründung erschiene mir als unkünstlerischer und verletzender Leichtsinn. Denn um was für Menschen geht cs, um welchen Ernst, um welche ewige Tragkraft des Geschehens! Wo, wenn nicht in dieser Welt, müßte Dichtung versuchen „Wahrtraumdeuterei" zu sein!?" Werfel ist an dieser. Klippe gescheitert. Seine dramatische Legende ist eine Dichtung, Wahrtrqumdeuterei wahrhaftig nicht. Sie mag ihre dichterischen künstlerischen Qualitäten haben, das will ich nicht bestreiten. Als „weltgeschichtliche Seelen- und Menschentragödie" ist sie völlig verfehlt. — Der Gott Israels. Also doch der Gott Israels? Also ist der Judengott doch ein Nation algott? Und erst die Propheten haben sich dazu aufgeschwungen den Weltengott zu lehren, den das Christentum nachher in den Mit? telpunkt seines Glaubens stellte und zu dem sich dann auch die Juden — notgedrungen (!) — bekannten? Und wenn dann ein antisemitischer Schriftsteller unserer Tage den Judengott schmäht und mit den schändlichsten abscheulichsten Eigenschaften „schmückt," dann darf ein gelehrter christlicher Gutachter ihm zu Hilfe kommen und einen Unterschied des altjüdischen Gottes und des heute von den Juden verehrten Gottes konstruieren, einen Unterschied, der hinreicht, um die Freisprechung jenes Schriftstellers vor dem Gerichte zu erreichen. Mer dieser Unterschied besteht gar nicht und es soll aus den fünf Büchern Mosis (der Thora) selbst kurz nachgewiesen werden, daß der jüdische Gott von Anfang an und immer als der Gott gedacht war, außer welchem es keinen gibt. Als Nationalgott könnte man ihn nur insofern gelten lassen, als er zuerst und aälein von Israel anerkannt und verehrt wurde, als Israel dazu berufen und auserwählt wurde, der Träger dieser Gottesidee, der Priester, der Heilsverkünder zu sein, der die göttliche Botschaft zu allen Böl-

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