Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 16 (16.11.1926)
- Date
- 1926-11-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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— 352 — als eine Dichtung sein. Nach der Vorbemerkung, die der Buchausgabe (Verlag Paul Zsolnay, Wien/ vorgedruckt ist und für die der Verfasser verant wörtlich zeichnet, soll „der große Augenblick der Weltgeschichte, da das erste Christentum sich los löst von der jüdischen Religion und Mutterwelt, um die ganze Erde zu bekehren" in diesem Buche- „zur erschütternden Seelen- und. Menschentra gödie" werden. Diesen Vorspruch ergänzt Werfet durch ein Nachwort, das er Argument, also die geschichtswijsenschaftliche Begründung seines Wer kes nennt. Er will in seinem Gedicht mehr als eine Dichtung, er will in ihm Geschichte auf die Bühne bringen. Würde Weisel diesen Anspruch nicht erheben, so müßte sein Buch lediglich als Dichtung ästhetisch und künstlerisch bewertet w.r de». Werfel erhebt aber geradezu den Anspruch, hier Geschichtsschreiber zu sein, in seiner „historischen Tragödie die tiefere Rekonstruktion des Weltgeschehens" zu schreiben, „die tragische Stunsc des Judentums" zu verlebendigen. Wersel hat der angebliche Ausspruch des Ga maliel vor dem Hohen Rat zu Jerusalem, den Lukas in der Apostelgeschichte (5,34—40) ansührl: „Und nun sage ich euch: laßt ab von diesen Men scheu und laßt sie fahren. Ist der Rat oder das Werk aus de» Menschen, so wird es untergeben; ist es aber aus Gott, so köiinet ihr es nicht dämpfen" so sehr begeistert, daß er Gamalicl zu „einem furchtlosen und überlegenen Freigeist" macht (2. 186). Er verweist allerdings den Glauben der Kirche, daß Gamalicl ein heim licher Anhänger Jesu gewesen, in das Reich der Tage. Aber er vermutet die Apostelgeschichte nennt 22,3 Gamalicl ohne ein weiteres Wort einen Lehrer Pauli zwischen ihm und Paulus „einen tiefen Lehrer Schüler-Konflikt." Für diese Vermutung liegt nicht der mindeste Grund vor. Tie Aeußcrung Gamaliels ist aus dein jüdischen Sprachschatz der Vätersprüche als allgcmeinjüdisch bekannt, z. B. Aboth 5,20: „Jede umstrittene Anschauung, die um des Himmels willen ist (d. h. aus Gott ist), wird sich schließ lich durchsetzen, und die nicht um des Himmels willen ist, wird sich schließlich nicht durchsetzen." Dazu kopimt, daß der Ausspruch Gamaliels in der vorliegenden Form sicher erdichtet ist. Ten» Gamalicl bezieht sich zur Begründung seiner Meinung auf den mißglückten Ausstand des närrischen Theudas (Apostelgeschichte 5,36), der aber erst unter dem Prokurator Fadus (44- 46) statt gesunden hat. Tie Rede des' Gamalicl vor dem Hohen Rat soll jedoch nach der Apostelgeschichte unmittelbar nach der .Himmelfahrt Jesu, spätestens 37, also mindestens sieben Jahre vorher gehalten worden sein. Tie Rede des Gamalicl ist also apokryph! Für die durch das ganze Drama von Wersel - sestgehaltene Meinung, daß Gamalicl ein furchtloser und überlegener Freigeist gewesen zst, läßt sich auch nicht der bescheidenste Erweis erbringen. Sein Wahlspruch in den Bätersprüchen 1,16 kennzeichnet ihn als einen ängstlichen Mann, der vor der eigenen Meinung warnt und sich streng in den Grenzen altgläubiger Frömmigkeit hält: „Mache dir einen Lehrer, halte dich von Zwesselhaftem fern, und verzehnte nicht zu oft nach bloßem Gutdünken!" Tie von ihm überlieferten Verordnungen über die Sabbathheiligung (Rosch Haschana 2,5) über den Scheidebries (Gittin 4,2) und die Hochzeitsverschreibung der Frau (das. 4,3), über den Sauerteig in der Priesterhebe (Orlah 2,12), über den Heidenwein (Thos. Aboda Zara 4), über das Braten des Passalammes (Pessachim 7,2), über die Wiederverheiratung einer Wittfrau auf die Aussage eines Zeugen hin (Jebamoth 16,7) kennzeichnen Gamalicl als einen treuen, allerdings milden Anhänger des Gesetzes. Sein Austreten gegen die Uebersetzung des Hiobbuches in i die aramäische Volkssprache (Thos. Sabbath 18,2) ist sogar ein Zeugnis für seine Gesetzesstrenge. Gamalicl führt allerdings als Erster den Ehrentitel Rabban vollständig ungrammatisch ist die von Wersel andauernd gebrauchte Form Rabbanu statt Rabbenu (unser Meister), ebenso grammatisch falsch ist die Mehrzahlform Rabbunim statt Rabbanim (die Meister). Tie Ueberlieserung berichtet auch klagend bei seinem Scheiden: „Mit seinem Tode hörte die Erfurcht vor dem Gesetze auf und starben Reinheit und Enthaltsamkeit (Sota 9,15)." Es ist aber sicher, daß er nicht der Präsident des Hohen Rates gewesen ist, weil bis zum Sturz des Tempels der Hohepriester zugleich der Leiter der Ratsversammlung gewesen ist. Auch die Bezeichnung ,cher Alte" ist von Wersel mißverstanden. Sie ist eine spätere Hinzufügung zu seinem Namen, um ihn von seinem gleichnamigen Enkel Gamalicl II. zu unterscheiden. Ter ärgste und ärgerlichste Irrtum Werfels ist allerdings, daß er Gamalicl zur Zeit des Marullus unter der Hoheirpriesterjchaft des Theophilos, der mit dem hebräischen Namen Chananel hieß und von 37—40 das Hohepriesteramt ver waltete, sterben läßt. Eine sichere Ueberlieserung (Pessachim 88 d) macht aber Gamalicl zum Zeitgenossen des Königs Agrippa I. und seiner Gattin Kypris. Agrippa verhinderte im Jahre 41 noch von Rom aus die den Juden angedrohte Ausstellung der Kaiserstatue im Tempel. Er wurde dann von Kaiser Claudius zum König von Judäa ernannt, der während seiner Regierung (42—44) eine gesetzliche Anfrage an Gamalicl gerichtet hat. Gamalicl hat also sicher noch unter dem Nachfolger des Marullus unter Agrippa I. gelebt, wahrstheinlich diesen sogar noch beträchtlich überlebt. Werfel könnte sich, da alle seine geschichtlichen I Angaben irrig sind, für seine Anschauung der Christensreundlichkeit des Gamalicl allein auf die