Mannheim
Compact Memory

Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-11-01 · 15 (1.11.1926) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
15 (1.11.1926)
Date
1926-11-01
Page
[Seite] (sequence 2)
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/4904101-5441798-5442936--0751-4904776
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

— 324 — Krim vor der russischen Regierung als die letzten Reste deS Zehnstämmereiches bezeichnen, ist nicht viel besser begründet als die gleiche Behauptung der Bergjuden von Taghestan. Noch kurioser ist die allen Ernstes von Mc Leod behaup tete und mit umsassender Gelehrsamkeit 1879 ge schichtlich und anthropologisch begründete Behauptung, daß die heilige Klasse der Japaner, die Anhänger des Schintoglaubens, von den zehn Stämmen herrührt. Taß unmittelbar nach der Entdeckung Amerikas die Meinung austauchte, daß die Bewohner des neuen Erdteils die gejuchten zehn Stämme wären, darf kaum noch Wunder nehmen. Ging doch damals ein großes Rätselraten durch alle Gelehrten stuben Europas, von woher die Bewohner Amcri kaS stammten. Es war dabei selbstverständlich, das; man schließlich bei den zehn Stämmen angelangte. ^Bereits Garcia kannte 1607 ihren Weg nach Amerika. Er schilderte mit glühender Phantasie ihre Wanderung über die Beringslraße nach Mexiko und Südamerika und wollte sogar die Sprachverwandtschast zwischen dem Hebräischen und indianischen Dialekten Nachweisen. 1644 erklärte Antonio Montezinos unter seinem Eide, daß er in Peru Juden vom Stamme Rüben angetrossen. Manasse Ben Israel war deslialb seit überzeugt, daß die Mexikaner Nachkommen der Israeliten sind.. Seine Angabe wurde Jahrhunderte lang ge glaubt, nur daß man die Wohnsitze dieser Js raeliten später nach Nordamerika verlegte. Ter bekannte Major Mordecai M. Noah widmete dieser Anschauung eine eigene Schrist Als man gar 1817» und 1860 hebräische Inschriften in Amerika sand, schien der Kreis des Beweises geschlossen zu sei». Sein letzter Berrrelcr in der Mormonenapostel Smith, der den Nachweis erbrachte, daß die Nord amerikaner aus einer Mischung zwischen Einwn» derer» nach dem Turmbau zu Babel und solchen nach der Zerstörung Jerusalems heroorgegangen sind. Alle diese Meinungen verdrängte die noch heute unglaublich weit verbreitete Anschauung, welche in den Engländern und zugleich in der ganzen germanischen Rasse die zehn Stämme wieder finden will. Ter. Schöpfer dieser Angelsachsen theorie ist Richard Brothers (1757 1821), dessen 1822 erschienenes Werk nichts geringeres beweisen wollte, als daß die Angelsachsen die verlorenen Israeliten sind. Er sand eine lange Reihe gläubi ger Nachfolger, an deren Spitze der Gelebrte Edward Hine (1871 ■ stand, der zur Verbreitung seiner Ueberzeugung ein eigenes Wochenblatt gr in dete. Tie in der Prophezeihung (4. Buch A ose 24,8 s.) genannten Löwe und Eichhorn waren ja die englischen Wapppentiere. Tie Inseln im Aor den, wohin Israel verbannt werden sollte, ko in ten nur England sein, dessen rauhes Klima in den Prophetenworten Jesaja 49,10 wieder erka rnt wurde. Ein genauer Stammbaum des Tavps sprossen, der 580 v. Ehr. in Irland gelandet, wurde ausgestellt und sand unzählige Gläubige. Zu den Genealogen fanden sich die Philologen, bis Govel tatsächlich das Englische aus dem Hebräischen ableitete. Tas 1878 in Berlin erschienene Buch von S. Backhaus „Tie Germanen ein semitischer Volksstamm" muß allen Antisemiten angelegentlichst zum Studium empfohlen werden. Es findet eine erneute Bestätigung in dem jüngsten,. aber sicher nicht dem letzten Beitrag zu der Forschung nach den Resten der zehn Stämme. Es ist ein in Berlin im Verlage von Johs. E. Keller erschienenes Buch „Tas Zwölf-Stämmc-Volk Israel". Es beschreibt dessen Gang durch die Geschichte bis zur Gegenwart. In den heutigen Juden sjeht der Verfasser die Nachkommen des Stammes Juda. Ihre Brüder, die restlichen elf Stämme, müssen etwa 15 bis 20 mal sovicle Seelen als sie zählen. Tiefe elf Stämme können nach den Angaben der biblischen Verheißungen nur im Nordwesten Europas wohnen. Hier unterscheiden sich gegenwärtig drei große Menschengruppen: die germanisch«, die slawische und die romanische. Ta von den 14,3 Millionen Juden der Gegenwart 13 Millionen deutsch sprechen, so ist anzunehmen, daß die deutsche Sprache ihnen naturgemäß ist, daß sie also mit dem Deutschtum eine Naturgemeinschaft bilden, auch wenn sie in außerdeutschen Ländern wohnen. Nun weisen die biblischen Verheißungen für das Zehnstämmereich auf ein Nordland, auf Deutschland und England. Nur in diesen beiden Ländern offenbart sich ein bibelgemäßes religiöses Leben, welches im Protestantismus seinen klassischen Ausdruck gefunden hat. Kurz, die Deutschen und die Engländer sind mit einem hohen Grad der Wahrscheinlichkeit die Nachkommen der verlorenen Stämme Israels. Tas neue Buch ist ein Beitrag zu der Kuriositätensammlung, welche die Beantwortung der Frage nach dem gegenwärtigen Wohnort der zehn Stämme veranlaßt hat. Es wird Rasscnschnüsflern und Judenfeinden allerdings eine Gänsehaut verursachen. Es ist aber nicht törichter als die berühmten Nachweise für die germanische Rassenreinheit der Deutschen. Das Proselyt aus Vaihingen/Enz. Von Rabbiner Tr. Tänzer, Göppingen. Es sind zuweilen höchst erstaunliche Vorkommnisse, auf die man beim Studium alter Akten stößt. Taß im Württemberg der Reaktionszeit 1851 ein Nichtjude im Alter von 48 Jahren ausschließlich aus eigener freier Ueberzeugung zum Judentume übergetreten, wird man füglich als erstaunliches Vorkommnis gelten lassen können. Und der Mann, namens Karl Knohtel, stammte weder von Juden, noch lebte er in einer Umgebung von solchen. Tenn an seinem Wohn- und Heimatsorte Vaihingen a. d. Enz gab es damals

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.