Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 14 (16.10.1926)
- Date
- 1926-10-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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streit des Marcion gegen das Alte Testament aus der Anfangszeit der christlichen Kirche neu entfesseln. Im Grund« sind beide Strömungen in ihren Auswirkungen fast die gleichen. Sie gehen von der Anschauung aus, daß deutsche und altbiblische Weltanschauung unvereinbare Gegensätze sind. Sie stimmen in der Verurteilung der alt biblischen Sittlichkeit und Frömmigkeit überein, nur daß die zweite naiverweise vor dem Neuen Testamente halt macht. Es ist daher oft schwer, die Aeußerungen der Wortführer der beiden Strömungen streng auseinander zu halten. Eine Konsequenz beider Strömungen in die Konstruktion einer neuen Jesusgestalt, die in der einen antijüdisch, in der andern sogar antisemi tisch-arisch erscheint. Der arische Jesus gehört eben zu einer deutschen Religion, einem germanischen Glauben, einem völkischen Gotte. Chamberlain (Mensch und Gott, Betrachtungen über Religion und Christentum, München 1921) und Friedrich Töllinger (Baldur und Bibel, Nürnberg 1920) predigen den arischen Jesus. Jesus ist für Cham berlain nicht die Vollendung, sondern die Wider legung der jüdischen Religion (Grundlagen 1227, 229). Ter Satz Johannes 4,22 „weil das Heil von den Juden kommt" ist nach seiner Meinung (Mensch und Gott S. 111) „auf unerklärlichen Schleichwegen in das Gespräch mit der Sama ritanerin eingeschmuggelt worden." Tenn Jesus ist trotz seines zweifachen neutestamentlichen Stammbaumes Arier. Der eigentliche Schöpfer dieses arischen Jesusbildes ist allerdings Paul de Lagarde (Deutsche Schriften S. 226, 319). Er hat einen gelchrigen Schüler in dem im Jahre 1919 verstorbenen Kieler Philosophen Teussen gesunden. Teussens jüngster Verteidiger Reinhart Biernatzki rechnet es ihm in seinem Buche „Kant und die höchste» Güter der Religion nach Paul Teussen" hoch an, daß er, „für ein von allen herausfordernden Aus wüchsen freies Deutsch-Christentum eingetreten ist" (S. 55). Lagarde und Teussen bilden mir dem neueste» „Philosophen" der völkischen Weltanschauung Her mann Meyer ein edles Triumvirat. Ter Pols damer Oberstudiendirektor Tr. K. Müller kenn zeichnet diesen dritten Großen in einem soeben erschienenen, flott und temperamentvoll geschrie denen überaus lesenswerten Schriftchen *) in seiner ganzen Oberflächlichkeit und drastischen Unwissen schaftlichkeit. Tie Religion des „weltbeherrschen den Judentums" und seine Grundidee, die Mes siasvorstellung ist nach Meyer rein völkisch „blut gebunden." Erst der übervölkische Christus hat diese Enge überwunden, und Luther hat dann deutsches Wesen und Christentum zu einer unlös *) K. Müller, Völkische Weltanschauung, Eine Au» einandrrsetzung. Philo-Brrlag und Buchbandlung G.m. b. H. Berlin. 1926. liehen Einheit verbunden. Er hat ,chas Christentum der inneren Stimme" und damit die Form deutscher Religiosität geschaffen, welche das Alte Testament als Glaubensgrundlage ausschließt. „Wir haben mit dem Gotte der Juden und mit der jüdischen Ethik, wir haben mit dem alten Bunde nichts zu tun (Müller S. 26)." Das ganze System dieser völkischen Religion ist, so beschämend das klingt, allein eine Ausgeburt des Judenhasses. In dem ohnmächtigen herostratischen Begehren, das mit dem Deutschtum unauflösbar verbundene Christentum zu germanisieren, ist die Spottgeburt antisemitischer Wissenschaft erzeugt worden: der Arier Jesus als Träger der völkischen Haßreligion. Diesem völkischen Zerrbilde tritt R. Seeberg, wahchaft kein Judenfreund, im vierten Jahrgang von „Deutschlands Erneuerung" (1920 S. 542) in frommer Entrüstung entgegen: „Das Alte Testament ist das Buch, aus dem Jesus Religion gelernt hat. An seine Worte klammert er sich, knüpft er seine Predigt an, in seiner Bildersprache denkt er, aus ihm hört er Gottes Stimme, mit seinen Worten haucht er seine Seele aus: der Schriftbeweis ist das Kernstück seines Selbstbewußtseins." Mit diesem einen Satze hat er das ganze Wahngebilde einer angeblichen völkischen Religion in seiner ganzen verlogenen Erbärmlichkeit gekennzeichnet und verurteilt. Die Aussprache des Hebräischen in Württemberg. Ein Briefwechsel. Verehrt. Schriftl. der Jsr. Gemeindezeitunq Stuttgart. Der Aussay „Tischri" in Nr. 12 behandelt die Feier des „Rausch-Haschonoh, Jaum-Kippur und Suikaus." Ich gestatte mir darauf hinzuweisen, daß in Württemberg seit jeher die Aussprache und Schreibweise Roschhaschonoh, JomKippur u. Sukkos war und daß diese Schreibweise und Aus spräche die offizielle und im amtlichen Verkehr der Oberkirchenbehörde eingeführt ist (siehe die amtliche Ausgabe der Judengesetze, die Sammlung von Gunzenhauser z. B. Roschhabajis — und alle amtlichen Erlasse und Schriftstücke). Er füllt es mich mit einem gewissen Schauder, diese Schreibweise in norddeutschen Zeitungen z. B. C.V. Zeitung, Zeitschrift des Liberalen Juden tums lesen zu müssen, so möchte ich doch wenig nens uns Württemberger vor diesem norddeutschen oder ostjüdischen Rausch bewahrt sehen, und nehme an, daß die Gemeindezeitung, die doch einen gewissen offiziellen Charakter trägt, sich der offiziellen württembergischen Schreibweise anbequemt und ihre Spalten künftig von solchen importierten