Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 13 (1.10.1926)
- Date
- 1926-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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gensatz zu Schopenhauers „Welt als Wille und Vorstellung" gewählt. Der Ausgang seiner Weltanschauung ist die Thdra als das Dokument des sprechenden Schöpfers. Damit ist sie als jüdisch gekennzeichnet. Mer Breuer verwechselt Philosophie mit Schriftauslegung. Tatsächlich ist sein Buch nicht wesentlich mehr als ein philosophierender Kommentar zur Urgeschichte der Bibel. Breuer teilt die Schöpfung in Schöpfung und Natur. Die Welt ist als freie Schöpfung Gottes entstanden. Am siebenten Tage wurde Gott zum ruhenden Schöpfer, indem er den ihn unsichtbar machenden Schleier der Natur um die Schöpfung breitete. Mit dem siebenten Tage wurde die Schöpfung zur Natur. Es begann das Naturgesetz, das Gesetz „der Schöpfung, aus der der Schöpfer geschwunden," und die Naturgeschichte. Schöpfung und Natur sind Gegensätze, aber keine Widersprüche, da sie nacheinander geworden sind. Sie verhalten sich zueinander wie die Freiheit Gottes zur Selbstbeschränkung Gottes. Die Schöpfung ist das Ding an sich, die Natur ist die Welt als Erscheinung, die Thora das offenbarte Verfassungsrecht des Gottesreiches der Schöpfung. Der Verstand vermag nur die Natur als Erscheinungsform der Schöpfung zu erkennen. Die Schöpfung erkennt er nicht. Er nimmt sie nur mit der Seele, die durch Gottes Gebot geschaffen worden und Gottes Gebot im Menschen ist, als lebendige Schöpfung wahr. Die Seele begreift Gott, nicht aber der Verstand. Es gibt aber noch eine zweite lebendige Schöpfung Gottes: die Schaffung von Israels Volkstum. Die Heraufführung Israels aus Aegypten und das zehnmalige „Du sollst" vom Sinai war Schöpfungstat und Schöpsungswort. Israels Geschichte muß Schöpfungsgeschichte, Geschichte der Verwirklichung göttlicher Schöpsungsziele bleiben. Hört sie auf, das zu sein, so stürzt Israel ins Nichts zurück und erlebt die Katastrophe der in der Sintflutzeit von der Schöpfung abgefallenen Menschheit. Israel hat sich nicht nur nach den Gesetzen der Natur zu richten. Ihm gilt das ewige Gesetz des Dekalogs „Tu sollst" und das „Es wird sein." Weder der Verstand noch die Seele können die Gesetze dieses Sollens und seinen Endzweck erkennen. Sie sind bei Gott und führen Israel zu dem Gott allein bekannten Schöpfungsziel. Seine Aufgabe ist, aus der Welt der Natur als Schöpfungsvolk das Reich der Schöpfung zu erbauen. Es ist als sollende Schöpfungsgemeinschaft Träger dieser Vergangenheit und zugleich dieser Zukunft. Seine Zukunft aber ist: Zurück zur Welt als Schöpfung. Darf Breuers Werk als jüdische Philosophie bezeichnet werden? Das ist unbezw.eifelbar! Es ist der interessante Versuch eines Grüblers, sein Judentum weltanschaulich einzuordnen. Aber eine Philosophie des Judentums ist es nicht. Nirgends in diesem System wird der j Versuch | gemacht, es denknotwendig zu erweisen, eS gedanklich zu entwickeln. Es ist ein« spielerische Scheidung der Leihen Worte Schöpfung und Natur, denen willkürliche Begriffswerte unterlegt werden. Diese Begriffsscheidung wird aber nicht einmal biblisch belegt. Sic ist also auch als Schriftauslegung abzulehncn. Ein fast dogmatisch anmutendes stat pro ratione voluntas (Willkür anstelle der vernunftgemäßen Begründung), ein sic volo sic jubeo (so will ichs, so befehle ichs) wird statt der gedanklichen Entwicklung geboten. Das Buch ist keine Systematik, sondern eine persönliche Meinung, die ohne vernunftgemäße Begründung dargeboten wird. Es mag die Philosophie Jsaac Breuers sein, die Philosophie der Bibel und des Judentums ist es nicht. Zsaak Heß. - Zu seinem 60. Todestage (8. Oktober 1866). Bon Rabbiner D^. Tänzer, Göppingen. Es ist uralte jüdische Weisheit, daß das Gedenken an wahrhaft Fromme zum Segen wird. Das Lebcnsbiü» frommer Vorfahren wirkt erhebend und anregend auf die Nachkommen und läßt die Vcrgangeicheit der Gegenwart, den Tod dem Leben zur Quelle des Segens werden. Als wahchaft fromm preist die jüdisch« Nachwelt aber vornehmlich den, dessen Leben chr geweiht gewesen, der unermüdlich Zeit und Kraft eingesetzt .hat für Recht und Anerkennung seiner Glaubensgemeinschaft. Solche Persönlichkeiten haben vollen Anspruch nicht nur auf die verehrungsvolle Dankbarkeit späterer Generationen, sondern auch darauf, daß sie als Vorbilder fortwirken. Eine solche um das Judentum und die württembergische Judenschaft hochverdiente Persönlichkeit ist Jsak Heß gewesen, dessen Name mit den Emanzipationskampfen der württembergischen Juden von der Periode der Verordnungen bis zum Jahre 1864 untrennbar verknüpft ist. Ein sclsmade-man in des Wortes bester Bedeutung, bildeten Energie und unbeugsamer Wille die hervorragendsten Züge seines Wesens. Er ist 1780 in Lauchheim geboren, das damals noch zum Deutsch- Ordensgebiet gehörte. Frühzeitig verlor er seinen Vater. Obwohl seine Mutter mittellos war und noch für zwei weitere Kinder zu sorgen hatte, bestimmte sie doch den begabten Knaben „im Vertrauen auf Gott und fromme Leute" für den Rabbinerberuf. Noch im Elternhaus erwarb der Knabe einige Borkenntnisse im Talmud. Den Dreizehnjährigen bracht« die fromme Mutter nach Fürth, wo damals eine berühmte Rabbinerschule bestand. Wenig befriedigt von der Einseitigkeit der ihm hier gebotenen Geistesnahrung, strebte er bald, sich allgemeine Bildung anzueignen und vornehmlich fremde Sprachen zu erlernen. Das war ihm aber bei dem dort herrschenden Geiste und bei der strengen Ueberwachung nur im Ge-