Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 11 (1.9.1926)
- Date
- 1926-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4904101-5441798-5442928--0648-4904677- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
mm schuldigen würde. Sie sind wirklich! alle so lange gerecht, bis ein Jude vor ihnen stehk. Tann wirkt die Parteibrille, das Parteidogma — und das Schicksal des Juden ist besiegelt. Tie christliche Welt Deutschlands kennt diese Rassenidiosynkrasie nur aus dem russischen Schrifttum, das diese Einstellung oftmals satirisch behandelt hat. Daß diese Polizeiorgane, diese Richter, diese Staatsanwälte in ihrer nächsten Nähe leben, daß die Ministerialsekretäre in ihrem Bekanntenkreise diesem russischen Typus aus ein Härchen genau gleichen, hat die christliche Mitwelt Deutschlands bisher nicht gewußt, oder besser: nicht für wahr halten wollen. Als der Treysußfall Frankreich aufwühlte, war ganz Deutschland davon überzeugt, daß ein solcher Justizskandal hier unmöglich ist. Ter Fall Haas hat dem christlichen Deutschland die Augen geöffnet. Er ist ein Schulfall, eine Probe auf das Exempel, was die Erziehung zum Nationalismus in den Burschenschaften, Korps und in den wissenschaftlichen und sportlichen Vereinen gewirkt hat: sie hat das gerade Empfinden und das gerechte Denken in Tausenden verkrüppelt, die heute Vertreter des Rechtes, der Staatsordnung, der Bildung usw. sind. Tie Unbefangenheit und Unparteilichkeit, die Voraussetzung aller Ordnung und Gerechtigkeit ist dem Juden gegenüber nicht mehr vorhanden. Man sehe sich diese deutschen Akademiker an, wie sie aus dem Bonner Studententag gesprochen und gestimmt sie sind unsere kommenden deutschen Richter, Lehrer und Beamte! Was jüdisch ist, gilt ihnen von vornherein als schlecht. Tie „jüdische" Relativitätstheorie Einsteins, die „jüdische" Psychoanalyse Freuds,, der „jüdische" Neukantianismus Cohens gchören zum feststehenden Wortschatz völkischer Kultur. Sogar ein Professor von der Leyen kann sich diesem Banne nicht entziehen, wenn er den dichterischen Expressionismus „jüdische Dichtung aus deutschem Boden" nennt. Ter Fall Haas ist keine Ausnahmeerscheinung in der deutschen Justiz, nicht etwa die Entgleisung eines Einzelnen. Hat sich doch di: Magdeburger Richterschast und der dortige Bezirksverband des Preußischen Richtervcreins geschlossen hinter Kölling gestellt. Hat doch die über diesen Fall schreibende Rechtspresse säst einmütig, unbekümmert um ihre sittliche Pflicht, Millionen deutscher Menschen ihre Hetzartikel monatelang als Wahrheit ausgctischt. Ter Fall Haas ist also ein Symptom! Er müßte jeden anständigen Christen recht nachdenklich stimmen und zu einer Revision seiner Einstellung zum jüdischen Mitmenschen mahnen. Er ist geradezu eine Gewissensmahnung. Das Fundament aller Sittlichkeit ist Gerechtigkeit; dieses Fundament ist brüchig geworden; der Bestand der Gerechtigkeit ist gefährdet: das Heiligste, das Recht, das im Namen Gottes gesprochen wird, steht aus dem Spiel. Das ist die ernste Mahnung, die der Fall Haas predigt. Hassen wir, daß er unsere christlichen Mitmenschen zur Einkehr veranlaßt! Der sittliche Adel unserer Gebete. Bon Bezirksrabbiner Dr. Beermann-Heilbronn. Ein Philosoph aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts hat einmal geäußert; „Es gibt für den Menschen eigentlich nur eine einzige Sünde und das ist die Unterlassung des Gebetes." Ralf Waldo Emerson hat Recht: „Nichts bringt uns so reichen Lohn, als wenn wir jeden Tag unseres Lebens für eine kurze Zeit in die Stille gehen." Selbst ein Weltkind wie Goethe kann sich der Segensmacht echten Gebetes nicht verschließen: „Ich möchte beten", schreibt er an Herder, „wie Moses im Koran: Herr, mache mir Raum in meiner engen Brust", und in seinen Wanderjahren spricht er sich über den Inhalt wahren Betens also aus: „Groeß Gedanken und ein reines Herz, das ist, was wir von Gott erbitten sollen." Damit hat der Dichter nur den Psalmvers umschrieben: „Ein reines Herz schasse in mir, o Gott, und einen festen Geist verjünge in meinem Innern" (Ps. 51,12). Das Gebet ist das Herzstück jeder Religion. In ihrem Gebetbuch legt eine Bekennergemeinde das Feinste und Reinste, das Höchste und Tiefste nieder, was ihr die Gottesnähe beschiedcn hat. Unsere überlieferten Gebete spiegeln die Empfindung des eben angeführten Tchristwortes mannigfach wieder und es gelingt ihnen so, Herzensreinheit und den in großen Gedanke i festen Geist dem Beter zu vermitteln. Die in unserem Siddur aufgenommenen Psalmen bleiben hier unberücksichtigt. Der Psalter hat sich die Herzen der gottsuchenden Kulturmenschen erobert und ist einhellig als der klassische' Ausdruck religiöser Sehnsucht anerkannt. Daß aber auch unsere spätere Liturgie die Lichtfülle der Psalmen wiederstrahlt, kann an einer knappen Auswahl charakteristischer Siddurworte dargetan werde». Metatro», so dichtet fromme Sage, windet aus den Gebeten Kränze für den Weltengott. Dieser Engel steht in der Nähe des göttlichen Thrones. Die Gebete steigen empor. Ta drängt sich mit keckem Ungestüm ein wilder Haufe heran, Gebete, die Mcnschcnhaß und Feindseligkeit atmen. Und wie sie anstürme», eines das andere verdrängend, spricht der strahlende Gebctgenius: „Hinweg, erst versöhnt Euch, dann kommt wieder!" Unh ein anders Gewoge wälzt sich heran, Gebete aus Selbstsucht und Eigennutz geboren, Gebete um Genuh und Gewinn in den kleine» dunklen Erdendingen. Auch sie weist der Engel zurück: „Geht zuvor und läutert Euch vom Erdenschmutz l Dann betretet wieder die Räume himmlischer Reinheit!" Ta nahen die dritten, lauter und leuchtend. Ge-