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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-09-01 · 11 (1.9.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
11 (1.9.1926)
Date
1926-09-01
Page
[Seite] (sequence 2)
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— 224 — bcbeutenbfle Sachverständige auf diesem Gebiete als Leiter des Septuagintaunternehmens der Gesellschaft der Wissenschaften in Göttingen in diesem Bande geleistet hat. Aber gerade die jüdische Gemeinschaft hat chm für diese selbstlose Arbeit zu danken. Ist doch die Septuaginta von Juden ursprünglich für Juden geschaffen worden und bis heute die wichtigste Uebertragung des biblischen Schrifttums geblicken. Nach der hübschen Erzählung des Aristeasbriefes soll der ägyptische König Ptolomäus Philadelphus (285—247) in Alexandria die Uebersetzung des Fünfbuches der Thora durch 70 Gelehrte veranlaßt haben. Tatsächlichlag b.re ts dem Sirach am Ende des zweiten vorchristlichen Jahrhunderts die ganze heilige Schrift in griechischer Sprache vor. Sie ist also in dem Jahrhundert zwischen 2ö0 und 150 entstanden. Ucker die griechische Uebersetzung der Bibel gibt es im Talmud einander widersprechende Berichte. Während im babylonischen Talmud (Megilla 9;i) und im jerusalemischen (das. I 71 d) von 72 Gelehrten erzählt wird, die König Ptolomäus in 72 Zjmmer brachte, ohne ihnen den Zweck ihrer Berufung anzugeben, und denen er dann einzeln den Auftrag erteilte, die Thora griechisch zu übersetzen, berichtet der Traktat Soserim I 8: „Einst übersetzten fünf Aeltesre dem König Ptolomäus die Thora ins Griechische; dieser Tag war sür Israel so verhängnisvoll wie der Tag des goldenen Kalbes, denn die Thora konnte nicht nach ihrem vollen Inhalt übersetzt werden." Eigentümlicherweise behauptet der jerusalemische Talmud das gerade Gegenteil: „Nach eingehender Untersuchung fand man, daß die Thora nach ihrem vollen Inhalt nur in die griechische Sprache übersetzt werden konnte." Dieser widerspruchsvolle Bericht spiegelt den Wechsel der Einstellung der Juden gegenüber der griechischen Uebersetzung der Thora wieder. Sie wurde ursprünglich freudig begrüßt und war eine Notwendigkeit sür die griechisch sprechenden Juden. Als aber im Judentum sich die Idee durchgesetzt, im Bibelwort, der schriftlichen Uckerlieserung, die Gebote und Forderungen der mündlichen Ueberlieferung zu suchen und zu finden, betrachtete man den griechischen Text als die Gefährdung dieses Systems, bis eS Aquila, ein Schüler Rabbi Akibas, übernahm, die mündliche Uckerlieferung in seiner neuen griechischen Bibelübersetzung überall anzudcuten und damit die Richtigkeit der jüdischen Tcutungsmethodc auch dem des Hebräischen nicht kundigen Juden zu erschließen. Seine Uebersetzung war nicht etwa buchstäblich pckantisch, sondern sollte im griechischen Gewände alle jene Hinweisungen bieten, welche der hebräische Text angcklich in sich barg. Tie griechische Uckersetzung der Bibel ist der erste Dolmetsch der biblischen Wahrheit für die nichtjüdische Menschheit gewesen. Sie hat allerdings ursprünglich nur die Aufgabe gehabt, die des Hckräischen nicht mehr kundigen Juden außerhalb Palästinas mit dem heiligen Bätergut vertraut zu machen. Sie wurde aber gleichzeitig der Missionar des Judentums an das Heidentum und die Wegbahnerin der späteren christlichen Mission, der sie den Eingang in die heidnisch« Welt erschlossen hat. Für die Wissenschaft ist sie als die erste Auslegung der heiligen Schrift in einer abenländischen Sprache von bleibender Bedeutung. Noch heute ist sie für das Verständnis der Bibel unentbehrlich. Darum ist das Werk der Württembergischen Bibelanstalt im Interesse des biblischen Schrifttums freudig zu begrüßen. Ter erschienene erste Band läßt ein nach jeder Richtung hin abschließendes klassisches Werk erwarten. Der Zude vor dem deutschen Richter. In einem ernsten Nachwort behandelt der Berliner Rechtsanwalt Emil Roth in der Zentralvereinszeitung vom 13. August die Lehren des Falles Haas in Magdeburg. Das Ergcknis seines Gedankenganges ist: „Ta hilft nun kein Verschleiern: der deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens, vom ausländischen Juden ganz zu schweigen, ist in weiten Bezirken deutschen Landes und deutschen Lebens fast rechtlos geworden, sicherlich in seinem Rechte stark gemindert." Das ist eine bittere Wahrheit ,die in einem Punkte noch der Korrektur bedarf: Ter Fall Haas zeigt nicht, „wohin wir treiben", sondern wohin wir getrieben sind. Ter Fall Haas hat inzwischen in den wichtigsten Teilen seine Aufklärung gesunden. Für die deutschen Juden ist er leider nur ein Fall neben anderen, daS zwangsläufige Ergcknis einer zehnjährigen systematischen Verhetzung. Für die deutschen Christen ist er mchr: er zeigt an einem Musterbeispiel, was ihnen in ihrer Mehrzahl bisher sicher unbekannt gcklieben: die deutsche Rechtsprechung im Banne völkisch-parteilicher Verblendung. Tiefer Magdeburger Richter ist sicher ein Ehrenmann, dem die Absicht einer Rechtsbeugung unerträglich erscheint. Aber sein Augenlicht ist getrübt. Er hat jahrelang durch die falsch geschlissenen Gläser seiner Partcibrille gesehen, bis er das Augenmaß verloren, bis er das Gerade krumm und das Helle dunkel sah. Sein Denken und sein Rechtsempfinden waren ursprünglich normal, bis sich die Idiosynkrasie des nationalsozialistischen Togmas in sein Gehirn eingenistet. Wehe dem Juden, der vor ihn trat! Er sah in ihm den Veckrecher von Rasse wegen, und sein Urteil war gesprochen. . Wir Juden kennen diese Köllings im Richterkollegium, in den Büros der Fremdenpolizei, in den Wohnungsämtern, in den Ministerien, im Schulkonvent — alles ehrenwerte, höchst ehrenwerte Menschen. Sie würden alle zum Kadi lausen, wenn man sie einer Rechtsbeugung be-

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