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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-08-01 · 9 (1.8.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
9 (1.8.1926)
Date
1926-08-01
Page
[Seite] (sequence 4)
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Rabbiner glaubt an Gott, nicht an das Ghetto. Fortschrittliches Judentum müsse den logischen Schluß aus dem Wort des Propheten ziehen. Das liberale Judentum in Amerika legt Gewicht auf eine demokratische Form de» jüdischen Gedankens. Im Judentum war das Zeremoniell niemals endgültig oder sakramental. Am Sonntag vormittag crösfnete Rabbi Simon, Washington, als der Vorsitzende die Sitzung mit einer Ansprache, in der er ausführte, das liberale Judentum müsse aus der Vergangenheit lernen und in die Zukunst schauen, und so wird es sich vor Erstarrung hüten. Es gäbe aber keine Zukunft für das liberale Judentum, wenn es nicht die Massen und die Rinder berühren würde. Ties würde es aber nie tun, wenn sein Ausdruck nur Intellektualismus wäre. Tas liberale Judentum sollte nicht davor zurückscheuen, sich sein Zeremonial zu schaffen und sogar seinen eigenen Mystizismus. Ter heutige Tag, schloß er, ist der Erörterung der Zusammenhänge des liberalen Judentums mit dem modernen Leben gewidmet. Rabbi Tr. Samuel Schulmau, Newyork, bielt daraus einen Vortrag über „Tie Synagoge im modernen Leben." Es gälte zu ergründe», sagte er, was der moderne jüdische Mensch, der inmitten einer nichtjüdischen Umgebung lebt, braucht. Tas Judentum m eine Religion für moderne Menschen. Seine Formen waren niemals erstarrt. Tie jüdische Religion ist die Autobiographie der jüdischen Seele. Tie Synagoge gibt dem modernen Menschen drei Tinge: die Idee eines transzendenten rein geistigen Gottes: ein ethisches Lebenszesetz; eine unzerstörbare Hosfnung aus den Fortschritt der Menschheit. In diesem Sinne ist Israel eine Ratio», ein historisches Volk, vereinigt durch eine gemeinsame Mission. Wir lehnen alle Begriffe einer Nationalität ab, die auf Blut basiert. Wir sehen die jüdische Individualität nicht im Blute. Tic jüdische Individualität besteht in ihrem Ideengehalt. Wir nehmen teil an dem nationalen Leben des Volkes, unter welchem wir leben. Tie Ideen können Völker vereinigen, Blut ist keine Brücke. Tas Judentum kann niemals mit der W issenfchaft in Rouslikt geraten; es heißt jede Wahrheit willkommen, stamme sie aus welcher Quelle immer. Es wurde gesagt, daß Israels Mission erfüllt sei. Tics behaupteten sowohl die Vertreter der herrschenden Religionen, als auch der Juden, die das Judentum nur national interpretiere». Rein, wir haben immer noch die Aufgabe, die Welt zu Gott zu führen und auch uns selbst zu bekehren. Tie westliche Welt hat die jüdische Auffassung von Gott noch niemals begriffen. In ihrem innemen Herzen verehrte sie den Menschen, nicht Gott. Tas ist die große Ketzerei der westlichen Zivilisation, daß sic Mensch und Gott identifiziert. Tas Gottesgesetz ist die Methode Gottes, um den Menschen zu werben; Pflicht ist die Methode des Menschen, 182 — Gott zu finden. Die Synagoge hat die Idee eines konkreten, eines persönlichen Messias verworfen. Sie sieht nicht endliche Erfüllung in irgend einem Geschehen oder in irgend einem Menschm. Tie Quintessenz messianischer Hoffnung ist eben die Hosfnung selbst. Erfüllung zerstört das Ideal. Die Synagoge ist dem ewigen Bräutigam selbst angetraut. Das Alte Testament ist umfassend, es braucht kein Supplement. Das Judentum sieht in der Natur keinen Dualismus. Es sieht nicht Gott in den geliebten Dingen und das blinde Fatum in den bösen Dingen, die es nicht gibt. Das Judentum sieht Gott in allen Dingen, im Guten und im scheinbar Bösen. Gott will die guten wie die bösen Gefühle zu einem höchsten Zwecke. Die Spekulation auf Unsterblichkeit ist nicht jüdisch. „Wenn Du mich auch schlägst, ich wfll Dir dennoch vertrauen." Tas ist jüdischer Geist. Wir danken Gott für das Leben, seine Schönheiten und Wunder und sind zufrieden, den Rest in seine Hände zu legen. Anmaßung ist es, gleich Gott ewig sein zu wollen. Gäbe es eine Unsterblichkeit, es wäre eine große Sache; aber es ist nicht an uns, dies zu verlangen, als etwas, das uns gebührt. Rabbiner Tr. Max Wiener, Berlin, behandelte das Thema „Der Glaube au die Inspiration der Bibel im Lichte der Bibelkritik." Jehuda Hallevi sagte, es sei unter der Würde Gottes, sich den Menschen als eine Gewißheit zu offenbaren. Gewißheit ist nicht mehr Religion. Religiol, ist Glaube. Die Verwerfung von Traditionen nimmt ihrem Inhalt nicht den Wert. Man kann Formen abstreifen und doch ein guter religiöser Mensch sein. Der Begriff Religion ist noch nicht erschöpft. Religion ist mehr als Ethik. Tas Judentum heischt Bekennen. Das Judentum hat das jüdische Volk erhalten. Tie Juden säen lebendigen Samen. Wir sind keiner Richtung feindlich gesinnt, wir sind nur Freunde der Wahrheit, um der Heiligkeit der jüdischen Wahrheit willen. lieber „Gebrauch der Bibel in Gottesdienst und Erziehung" referierte Rabbiner Tr. Matmck, London. Er berührte die Zusammenhänge und Unterschiede zwischen Bibel und Talmud. Die liberalen Juden der ersten Generation räumten der Bibel den ersten Platz im Leben ein. Die Bibel ist in vielen Sprachen den jüdischen Gläubigen zugänglich gemacht worden; keine Uebersetzung aber könne an die Größe und Hoheit des Originals heranreichen. Der Weg zur Erkenntnis jüdischen Geistes führt durch die Bibel. Durch sie haben die Juden den Glauben an Gott und Israel sich erhalten. Gleichzeitig aber stehe man vor ^der Taffache, daß die Allein-Autorität der Bibel effchüttert sei. Viele Erzählungen der Bibel werden nur als Legenden genommen. Allerdings gehen auch unter den liberalen Juden in dieser Hinsicht die Meinungen auseinander. Man kann nicht glauben, Gott hätte sein Herz verschlossen L

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