Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 9 (1.8.1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 3)
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eine christliche Kirche und eine christlich« Alltagsethik." Weiser ist aufrichtig genug, auf Harnacks Urteil über den geringen Wert des Neuen Testamentes für den Unterricht hinzuweisen: „Vom Geist des Neuen Testamentes aus ist keine Wellgestaltung möglich, es führt entweder zur Askese oder zum Dualismus. Die großen Kulturprobleme, die auch das Heranwachsende Geschlecht einmal beschäftigen werden: die Stellung des religiösen Menschen zu Geschichte, Volk, Staat, Recht, Sitte, Arbeit und Beruf, die liegen für uns oft unbewußt auf der Brücke, die das Alte Testament zum Neuen Testament bildet" (S. 31). Also nicht das Neue, sondern das Alte Testament hat den großen erziehlichen charakterbildenden Wert. Allerdings muß das Alte Testament hier Don vielen erst entdeckt werden. Es bleibt für die Erziehung der Menschheit Gottes Wort. Das ist das Endergebnis der kleinen Schrift Weisers. Sie verdient überall ernste Leser, vor allem Mische Leser, die hier einmal von nichtjüdischem unbefangenem Munde hören, was unsere Bibel. bedeutet, wieviel sie der Menschheit noch heute zu sagen hat, daß sie noch heute die große Gottesurkunde ist. Tagung der ersten internationalen Konferenz des Liberalen Judentums. Am Sonnabendabend, den 10. Juli, wurde in dem Prachtbau der liberalen jüdischen Synagoge zu London die Erste internationale Konferenz des liberalen Judentums eröffnet. Anwesend waren etwa 140 Delegierte aus England, Kanada, Indien, Deutschland, Holland, Schweden, den Vereinigten Staaten und anderen Ländern. Die aus Frankreich angesagten Delegierten waren infolge besonderer Umstände am Erscheinen verhindert. Claude G. Montefiore, der Präsident der jüdischen religiösen Union, die die Konferenz anregte und vorbereitete, hielt die Eröffnungsansprache, in der er ausführte, er rechne es sich zu einer großen Ehre an, diese historisch bleibende Konferenz zu eröffnen und den Delegierten Willkomm zu bieten. Die erste Anregung zur Abhaltung einer Weltkonserenz des liberalen Judentums, setzte Montefiore fort, gaben die Führer der amerikanischen und der deutschen liberalen Juden noch im Jahre 1913. Sie wurde durch den Krieg verhindert. Zu der heutigen Konferenz habe nicht ich die Anregung gegeben, sondern das Verdienst gebührt ausschließlich der Gründerin der jüdischreligiösen Union, Fräulein Lily H. Montagu, deren Enthusiasmus und fRut über alle Hindernisse triumphierten. Den hohen Wert der Konferenz kennzeichnet die Tatsache, daß zahlreiche bedeutende Männer aus fremden Ländern zusammengekommen, um tiefe religiöse Probleme zu erörtern. Die Anwesenheit eines ManneS wie Dr. Elbogen, Professors an der Hochschule für die 181 — Wissenschaft des Judentums zu Berlin, gereicht der Konferenz zur großen Ehre. Die Konferenz bedeutet eine imposante Demonstration der Stärke und Lebenskraft deliberalen Judentums und wird zweifellos diese große Bewegung stärken. Liberales Judentum nahm in verschiedenen Ländern verschiedene Formen an, di« Verschiedenheit ist aber nur eine äußere. Denn im Grunde tragen diese Formen die Seele des Judentum- und haben gemeinsame Ideale und einen einheitlichen Geist zum Inhalt. Montefiore sprach noch den Wunsch aus, daß Auseinandersetzungen über Zionismus und jüdischen Nationalismus, über die unter den Delegierten gewiß große Meinungsverschiedenheiten bestehen, am besten vermieden werden. Er hoffe, daß diese Konferenz die erste einer Reihe wellerer Konferenzen sei, di« in verschiedenen Ländern abgehalten werdm würden, und daß sie alle jüdischen liberalen Bereinigungen zu einem Verband zusammenschließen werde. Auch wird sie den Anstoß zur Entwicklung eines liberalen Judentums in jenen Ländern geben, wo die Bewegung zur Zeit noch schwach ist oder gar noch fehlt. Rabbiner Dr. Seligmann, Präsident des Verbandes liberaler Rabbiner in Deutschland, zollte zunächst seine Ehrerbietung Herrn Montefiore und sprach gleich ihm die Hoffnung aus, daß die Konferenz die Bildung eines Verbandes des liberalen Judentums herbeiführen würde. Die deutschen Rabbiner erwarten von dieser Konferenz die Befestigung eines neuen geistigen Gewissens der Gemeinschaft, die Schaffung einer großen und allgemeinen Basis für liberales Judentum trotz individueller Idiosynkrasien in den einzelnen Gemeinden. Die Basis der liberal-jüdischen Bewegung bildet der Glaube an den stetigen Bestand und die Anwendbarkeit der historischen Formen des Judentums. Theoretisches Bekenntnis allein genügt nicht. Die Frage, die sie sich stellen müßten, wäre nicht die, ob sie noch Juden seien, sondern ob sie schon Juden seien. Die Orthodoxie zeiht uns zahlreicher - Sünden; fühlen sie sich gedemütigt oder bereuen sie? Sie glauben an die ForWauer göttlicher Offenbarung; sie glauben an Gott, den Atem chrer Seele. Sie sind Gottsucher im Sinne der Psalmisten und Propheten. Sie suchen, Gott noch einmal zu entdecken für eine Welt, die Gott entfremdet worden sei. Mit dem Glauben an den Monotheismus ist chre Religion noch nicht erfüllt. Das liberale Judentum werde eine Renaissance des Judentumherbeiführen ähnlich der Renaissance unter Esra und Nehemia. Rabbi Louis Wolsey, Präsident der Zentralkonferenz amerikanischer Rabbiner, begrüßt« die Konferenz im Namen der amerikanischen Kollegen und drückte die feste Ueberzeugung aus, daß die Lon-i ferenz der geistigen Gesundung des Judentums dienen wettre. Die Zentralkonferenz amerikanischer