Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 9 (1.8.1926)
- Date
- 1926-08-01
- Page
- [Seite] (sequence 2)
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— 180 — mentes erbracht, haben sich Bernsen« und noch mehr Unberufene in diesen Kampf gemischt. Er darf aber nicht allein vom politischen Standpunkt aus beurteilt werden. Es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wenn man die gegenwärtig starke Spannung zwischen dem Alten Testament uyd dem evangelischen Religionsunterricht nur vom Gesichtspunkte des Antisemitismus beurteilen wollte. Vor solchem Urteil warnt eine kleine Schrift des Privatdozcnten sür Altes Testament an der Universität Heidelberg Lic. theol. Arthur Weiser „Die Bedeutung des Alten Testamentes sür den Religionsunterricht"'). Sie bietet ein ausgezeichnetes Stimmungsbild der gegenwärtigen Einstellung der protestantischen Theologie zu dieser Frage. Sie istuiber auch sür jüdische Kreise, die von dieser „Spannung" nicht unterrichtet sind, ein werwolles Zeitdokument. Weiser bekennt, daß sich die angebliche Ablehnung des Alten Testaments durch die reiferen Schüler auf wenige durch Schlagworte beeinflußte Schüler der Lberllassen höherer Schulen beschränkt, daß aber jeder Lehrer sonst die Beobachtung machen darf, daß die Gestalten und Geschichten dies Alten Testaments ausnahmslos die frohe Anteilnahme der Jugend noch heute finden. Es sind älso nicht die rassenpolitischen Bedenken gegen das Alte Testament, aus denen sich diese „Spannung" erklärt. Diesen gegenüber ist der Nachweis ausreichend, daß gerade die neuere Forschung nachgewiesen hat, daß arische Gedanken die biblische Welt stärker beeinflußt haben, als man bisher vermutet hat. Nur öde Oberflächlichkeit wird -en Wert einer Religion nach dem Volkstum bestimmen, aus dem sic entstanden ist. Es ist zudem eine Gedankenlosigkeit, wenn politische Propaganda das biblische Israel mit dem Gegenwartsjudentum gleichsetzt. Der tiefere Grund der „Spannung" ist vielmehr in der Tatsache zu suchen, daß der Religionsunterricht bis vor kurzem nicht mehr als die gedächtnismäßige Einprägung der kirchlichen Wahrheit gewesen ist, während er heute die Aufgabe hat, von der Geschichte der Vorzeit die Brücke zu den Fragen der Gegenwart zu schlagen, das Gegenwartsleben durch die an der Geschichte der Religion geschulte Religiosität zu deuten und zu durchdringen. Gerade von diesem Gesichtspunkte aus erscheint die Autorität des'Alten Testamentes erschüttert. Die alttestamentliche Wissenschaft hat ja Bresche in die ehemals unbestrittene Auffassung geschlagen, daß das Alte Testament die älteste Urkunde des Menschengeschlechtes und übernatürliche Offenbarung ist. Israel ist nach der Entdeckung der Kulturen Borderasiens nicht mehr das älteste Volk der Kulturgeschichte. Es ist neben und hinter die Völker Vorderasiens getreten, deren Kulturleistungen es sich angeeignet hat. 1) Verlag von Alfred Töpelmann, Gießen 1925, geh. RM. 1.20. C Gerade gegenüber dieser Taffache vertritt Weiser die Meinung, daß die Ergebnisse der alttestamentlichen Wissenschaft, weit entfernt die Wertlosigkeit des Alten Testaments nachzuweisen, vielmehr gerade im Sinne eines modernen Religionsunterrichtes dessen einzigartige Bedeutung zwingend dargetan haben. Die Kultur Israels mag entlehnt sein, die religiöse Sehnsucht in chr, das Gottsuchen seiner Großen ist es nicht. Die religiöse Jnnenkraft seines Schrifttums ist gerade durch den Vergleich mit den ausgegrabenen Herrlichkeiten Borderasiens und Aegyptens um so strahlender offenbar geworden. Als Volk der Religion und als Schöpfer einer religiösen Eigenkultur hebt es sich kraftvoll von den bunten bizarren Kultschöpfungen des neucntdeckten Orients ab. Es ist erst jetzt möglich, das religiöse Schrifttum der Bibel in seiner Einzigartigkeit im Verhältnis zu den religiösen Schöpjungen des Morgenlandes zu bewerten. Den Propheten, diesen Genies der Religiosität, den Psalmen, diesen Volksliedern der betenden Seele, dem Seelendrama der Hiobsdichtung, dem Leitgedanken der biblischen Geschichtsschreibung — Gott als Vertreter und als der Garant der Menschheitsgeschichte — hat die ganze alte und neue Welt nichts Gleichwertiges gegenüberzustellen. Das Wort Herders von der Bibel: „So unterrichtet Gott" ist erst jetzt ganz zu verstehen. Gerade die religionsgeschichtliche Betrachtung hat also den lebensvollen Eindruck und Reichtum des religiösen Lebens in der Bibel erschlossen. Sie darf heute mehr als je das Lehr- und Lesebuch der religiösen Menschheit genannt werden, der klassische Leitfaden praktischer Religiosität. Vor allem der Vergleich der biblischen Denk- und Dichtkunst mit der altnordischen Sage hat deren religiöse Dürftigkeit aufgedeckt, sodaß ein Fachmann wie Andreas Heusler (Die altgermanische Religion 1923, S. 259) urteilen darf: „Ein einzelner Psalm, ein vedischer Hymnus, ein attisches Chorlied enthalten mehr Religion als die gesamten altnordischen Fragmente." „Auch in dem reichen Schatze deutscher Märchen können wir lange suchen, bis ein religiöser oder tieferer sittlicher Zug sich zeigt; und vor allem findet sich in ihnen keine religiös begründete Sittlichkeit" (Weiser S. 18). Für den christlichen Schüler und Lehrer bietet das Alte Testament aber noch außerdem die Fülle der Uebergänge vom Alten zum Neuen Testament, das nur in der Beziehung zum Alten Testament richtig verstanden werden kann. Max Weber hat mit vollem Bewußtsein in seinem Buch über das „Antike Judentum" (1921) den Satz geprägt: „Ohne die Uebernahme des Alten Testamentes als heiligen Buches hätte es auf dem Boden des Hellenismus zwar pneumatische Sekten und Mysteriengcmeinschaften mit dem Kult des KyrioS Christas gegeben, aber nimmermehr