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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-07-16 · 8 (16.7.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
8 (16.7.1926)
Date
1926-07-16
Page
[Seite] (sequence 3)
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- 1# - naiver Romantik Feld und Flur durchstreifte, da war die Struktur unseres Lebens eine andere als heute; Deutschland war reich, beherrscht von seiner hochentwickelten Technik. Heute ist Deutschland arm. Allenthalben aber zeigt sich neues Werden. Die einseitige Entwicklung des 19. Jahrhunderts war in dem Maße geeignet, den jungen Menschen in Opposition zu bringen, als das heute sich zeigende Neuentstehen und Wachsen seiner Eigenart entgegenkommt. Er muß nur die Menschen suchen, denen er seiner Herkunst und Anlage nach am nächsten iteht, und er findet das sprudelnde Leben, das er sucht. Eine einheitliche Jugendbewegung gibt es darum heute nicht mehr; sie ist zersplittert in Bünde, in denen jugendlicher Geist lebendig ist, die aber ihre Richtung und ihr Ziel aus der Alterskultur erhalten. Wollte ich nun den Versuch machen, die Eigenart der jüdischen Jugendbewegung lediglich an ihren heutigen Erschcinungssormen klarzulegen, so würde ich Schifsbruch erleiden. Unserer jüdischen Jugendbewegung Lebensrhythmus hat sich ebenso verlangsamt wie in allen anderen Bünde». Wenn ich aber daran denke, welcher Inhalt die Seele des jüdischen jungen Menschen füllt, in welcher geistigen -Atmosphäre er überhaupt atmen kann, auf welche Fragen er eingeht und wie er auf sie reagiert, dann tritt mir sein Bilo unter den beiden Menschentypen entgegen, die Goethe in seinem „Grenzen der Menschheit" kennzeichnet: den von Sehnsucht nach Höherentwicklung der Menschen erfüll:en, unruhvoll au'wärtsstrcbenden Menschen und den Willensstärken, erdnahen, mutigen Kämpfern. Dics:Menschentyxen sind Aeste, die dem gemeinsamen Stamm der Jugendbewegung in Deutschland entsproßt sind. Sic kennzeichnen die beiden Erscheinungsformen der jungen Juden. Wir jungen Juden mögen an unserem unruhigem Inneren leiden und sehnsuchtsvoll nach der ungebrochenen Kraft der andern blicken, wir mögen stolz auf den kühnen Flug unseres Geistes sein und über die Schwerfälligkeit der andern lächeln — die Tatsache müssen wir anerkenne», daß unsere Jugendbewegung wurzelloser ist, als die der anderen. Wir können uns auch Gedanken machen über den Grund dieser Tatsache. Die Tatsache selbst bleibt bestehen. Wir müssen hinnehmen. Mögen die andern uns verstehen. Der Sinn des Lebens nach den Lehren des Judentums. Die Frage nach dem Sinn .und Wert des menschlichen Daseins ist das tiefste Problem der Geistesgeschichte. Mit dieser Frage entwächst der Mensch der Naivität, die in der Wirklichkeit ihr gedankenloses Genügen findet. Mit ihr überschreitet er die Engen der Endlichkeit und sucht einen Sinn im scheinbar Sinnlosen. Mit ihr beginnt die Philosophie ihre Geschichte. Ist die Frage zu verneinen, daß das Dasein einen Sinn in sich oder einen Ewigkeitswert hat, dann ist der Gedanke an den allweisen Schöpfer zum Zweifel an ihm geworden. Darum ist sie eine Grundfrage aller Religion. In einer gedankenreichen Abhandlung, die dem letzten Jahresberichte des jüdisch-theologischen Seminars in Breslau beigegeben ist, behandelt Dozent Dp. I. Heinemann die Lehre von der Zweckbestimmung des Menschen im griechisch-römischen Altertum und im jüdischen Mittelalter. Seine Zusammenstellung deckt Zusammenhänge 'des Geisteslebens auf, die für die Geistesgeschichte der Menschheit von großer Bedeutung sind. Die Kräfte der Antike wirken im mittelalterlichen Judentum fort und erfahren in ihm ihre eigenartige Neugestaltung. Für Pythagoras (geb. 580) und AnaxagoraS (500—524) besteht der Zweck des Menschen darin, den Himmel zu betrachten d. h. die Natur zu erkennen. Das ist auch die Meinung des Stoikers Chrysippos (282—208), daß der Mensch zur Betrachtung und Nachahmung der vollendeten Ordnung des Weltalls da ist. Poseidonios (135—52) gibt ihr die Fassung: „Die Natur hat (durch den aufrechten Gang) unseren Blick zum Himmel emporgcrichtet und gewollt, daß wir die Herrlichkeit ihrer Wunderwerke von unseren Niederungen aus betrachten." Der Zweckbestimmung des Aristoteles (384— 324), daß der Mensch zum Schauen, also zu geistiger Betätigung da ist und seinen Daseinszweck im Denken findet, gibt Cicero (106—43) religiöse Fassung, indem er die unermeßliche Freude schildert, die dem Geiste aus der Erkenntnis seiner selbst und dem Gefühl seines Verwachsenseins mit dem Gottesgeiste erwächst. Dagegen klingt es wie christlicher Pessimismus, wenn Seneca (54 vor bis 39 nach) dem Menschen die Bestimmung zuspricht, „sich vom Leben zu lösen", da unser Körper kein Heim, sondern ein Gasthaus ist, das wir verlassen müssen. Allerdings ging er nicht so weit wie Platon (429— 348) im Phaidon, der im Tode geradezu das Ziel des Lebens erkennen wollte. Dagegen hat Gott nach Epiktet den Menschen „zu stetigem seligem Leben bestimmt." In Gegensatz zu ihm sieht Kaiser Mark Aurel (121—180) die Aufgabe des Lebens in der zu leistenden Arbeit: der Denier findet das echte Glück allein in der Tat. War für Aristoteles das Leben ein Schauen, für Poseidonios ein Kämpfen, so ist es für Plorin (205—270) trotz seines Ernstes ein Spiel. Porphyrios (233—303) findet den Rückweg zu Aristoteles, wenn er ausspricht: „Für uns ist das Lebensziel die Betrachtung des wahrhaft Seienden zu erreichen, weil dieses Ziel uns zur Verwachsung des Betrachtenden mit dem Betrachteten verhilft: uns?r Ziel ist also das Leben ge-

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