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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-06-16 · 6 (16.6.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
6 (16.6.1926)
Date
1926-06-16
Page
[Seite] (sequence 4)
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in bkr das Materiell« zum Staube wird. Ich glaube an eine Gottheit, der wir alle mit gleichen Kräften zustreben . . . An Wilhelm Schwaner. Berlin, 23. 1. 1916. Pestalozzi gegen den Judenhaß. Eine Borerinnerung an die Pestalozzi-Gedenkfeier 1927. Die Stellung der deutsch-schweizerischen Dichter und Denker des 19. Jahrhunderts zum Judentum ist nicht einheitlich gewesen. Eine unfreundliche Stellung zum Judentum nahm z. B. Heinrich Zschokke ein. Ganz anders Heinrich Pestalozzi, dessen wahre Nächstenliebe auch den Juden gegenüber, gerade gemessen an der' Rückständigkeit Zschokkes, leuchtend hervortritt. Er war es, der als damaliger Direktor des helvetischen Schul Wesens an den vorurteilsfreien Volkserzieher Pestalozzi, den Waisenvater in Stans, das Ersuchen stellte, keine Judenkindcr aufzunehmen, es" sei denn, daß er sie vorher dem Christentum zugeführt. Im Falle, daß Pestalozzi diesem Ersuchen nicht entspräche, müßte er der Beiträge seitens der Regierung verlustig gehen! Hierauf gab Pestalozzi folgende Antwort in einem Briefe, der es verdient, gerade jetzt überall verbreitet zu werden: „Lieber Heinrich, meinem Geiste gemäß bemühe ich mich mit aller Kraft meines Herzens seit zwei Jahren, in den verzweifelten Kindern das Ge fühl der Menschenliebe und Sittlichkeit zu wecken und anzufachen. Ich bin bestrebt, daß die Kinder schon zur Zeit ihrer ersten Geistesentwicklung sich gegenseitig als Geschwister betrachten, um mein Haus als einen einfachen Haushalt zu verschmel zen. Dies ist der Grund, daß ich den Religionsunterschied außer acht lasse. Ich will in die Seele der bei mir sich befindlichen wenigen Juden kinder, dieser lieben armen Waisen, für den Glauben ihrer Eltern Liebe träufeln und sie durch die Beftiedigung ihrer alltäglichen Bedürfnisse und Angewöhnlichkeit empfänglich ma chen. Ist dies doch meiner Ansicht nach die reinste Religion. Ach, lieber Heinrich! vor kurzem fiel mir ein kleiner Judenknabe, der in Kra kau geboren und seine Eltern verloren hatte, um den Hals und rief: Mein lieber Vater! Mein Heinrich, mein Heinrich! Wenn du so unedel sein kannst, von mir zu verlangen, daß ich diese armen Waisen zum Christentum zwinge, dann gebricht es dir an der nötigen Einsicht. Die Meinungen sinken zur Gemeinheit und Schmach herab und das Sinnen der Menschen verliert an Hoheit und Reinheit, an Kraft und Menschenliebe, wenn der Judenhaß nicht unterdrückt wick». Religionshaß entsittet und verwildert den Menschen. Mein einziges Bestreben ist dahin gerichtet, die wahre vollkommene Menschenliebe zu betätigen. .Wenn du mir hiezu be- 114 — hilflich sein willst, so stelle mir kein« widrigen Bedingungen und ersticke in dir dieses verabscheuungswürdige Gefühl, den Judenhaß. Heinrich, mein sanftmütiger, edler Freund, folge mir! Ich verbleibe dein treuer, willfähriger Freund, Stans, den 7. April 1799. ' Pestalozzi." Zschokke ließ sich von seinem Freunde Pestalozzi eines Besseren belehren, er änderte seine Meinung über die Juden, wie aus seinen Worten hervorgeht: „Die Geschichte des Schicksals der Anhänger des mosaischen Glaubens ist die Geschichte von der Schmach des Menschengeschlechtes, wer sie gründlich studieren und schreiben wollte, der müßte darob zum Menschenfeind werden." „Am 17 .Februar 1927 werden es hundert Jahre her sein," so schreibt das von der Schweizer Gemeinnützigen Gesellschaft bestellle Aktionskomitee zur Pestalozzi-Gedächnisfeier 1927 in seinem Auftuf, „seit Heinrich Pestalozzi sein Auge geschlossen hat für immer. Ein Leben hatte seinen Abschluß gefunden, reich und tief an Inhalt, groß an edlem Tatendrang, beseelt von der Erkenntnis göttlichen Elends, erfüllt von der Macht des Wirkens für die Mitmenschen bis zur Aufopferung seiner selbst und getragen von dem Ewigkeitsgedanken, wie er in der inneren Erkenntnis göttlichen Willens liegt." Diese Feier, schreibt Emil Dreifus-Genf im Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz, soll, nicht etwa eine Totenfeier sein, es soll mit ihr vielmehr ein Verbrüderungsfest begangen werden, das im Geist des Menschenfreundes Pestalozzi für Gerechtigkeit, Menschenrechte und Frieden wirken soll, wie es heute ganz besonders nötig ist zur Veredlung der menschlichen Gesinnung. Die Gedenkfeier am 17. Februar 1927 soll nicht der Person Pestalozzis allein gelten, was nicht im Sinne des bescheidenen selbstlosen Verewigten wäre, sondern dem Werk, das der Persönlichkeit, dem tiefen feinen Gemüt, dem befruchtenden Geist edler Menschlichkeit entsproß und fortarbeitet an den Kulturgütern der Menschheit- Wohlfahrtspflege. Tie Jüdische Kinderhilfe, Berlin, Auguststraße 17, macht darauf aufmerksam, daß sie seit 3 Jahren eine heilpädagogische Poliklinik für schwer erziehbare und psychopathisch« Kinder hat. Tie Untersuchungen werden von dem Psychiater und Heilpädagogen Professor Dr. med. Schneerson unter Assistenz einer sozialen Fürsorgerin vorgenommen. Behandelt werden nicht nur ausgesprochen psychisch- und nervöskranke, sondern auch schwer erziehbare Kinder, bei denen infolge des ungünstigen Milieus ErziehungssHvierigkeiten entstanden sind. Für Untersuchungen wird vorherige Anmeldung und Rücksprache erbeten.

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