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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-05-16 · 4 (16.5.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
4 (16.5.1926)
Date
1926-05-16
Page
[Seite] (sequence 2)
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langweilige und uninteressante Art des Elends erfu^iden hat. Wer unter uns Juden kennt das Elend nicht? Es ist ja unser treuer Weggenosse seit Jahrhunderten. O, wir kennen das Elend! Das schreiende, blutende, das seine Lumpen zeigt, das um Hilfe ruft, das seinen Hunger und seine Wunden auf die Gasse trägt. Wir kennen es. Wir hatten reichlichen Anschauungsunterricht. Und niemand kann von uns sagen, daß wir Juden unser Herz verleugneten, wenn wir auf solches Elend trafen. Wir wurden immer gerührt, immer an unsere Pflicht gemahnt zu retten und zu helfen; wo uns das Elend in solcher Form anrief, waren wir bereit. Heute aber — heute hat das Elend andere Formen angenommen. Es liegt nicht mehr auf den Straßen in langen Reihen, frierend, hohläugig. Es steht nicht mehr in.-schwarzen Klumpen obdachlos in den Gassen, den gottergebenen Blick zum Himmel gerichtet. Der Flüchtling ist ein Mitbürger geworden, alltäglich und darum uninteressant wie das Elend, das unsere Straßen erfüllt und darüber hinaus das halbe Europa. Dieses Elend liegt nicht mehr auf der Straße. Es verkriecht sich in den Häusern. Es zeigt nicht mehr seine Lumpen; es trägt den letzten guten Rock, den es schont und pflegt wie das letzte Fünkchen Lebenshoffnung und Hoffnung auf eine bessere Existenz. Diese Menschen klagen nicht und schreien nicht um Hilfe. Sie lächeln. Sie dürfen ja ihre Not nicht so bloß und blank zeigen, damit sie nicht selbst den letzten Kreditfaden zerreißen, an denen ihr Leben noch hängt. Sie lächeln, wenn sie sich mit tätlicher Angst im Herzen in den Laden schleichen, in dem sie ihr trockenes Brot auf Schuld nehmen dürfen. Heute noch. Wird dem Mann morgen nicht die Geduld reißen? Was dann? Verhungern? Und sie lächeln, um den Gläubiger milde zu stimmen, um vielleicht dem Schicksal auch ein freundlicheres Gesicht abzuringen. Sie lächeln, wenn sie in den Versatzämtern stehn» und die letzte Habe vor den Augen des Schätzmeist-rs ausbreiten. Und auch der kl ine Geschäftsmann lächelt. Seit Tagen hat sich keine Kundschaft in seinen Laden verirrt. Seit Tagen steht seine Frau mahnend vor ihm, die Hand ausgestreckt — nur ein bißchen Geld möchte sie, nur für heute. Aber seine Kasse ist leer, die Waren, die er liegen hat, sind geborgt — er sieht ins Graue, in eine Zukunft, die für die Möglichkeit des Lebens keinen Platz mehr hat. Aus einer Gegenwart, die keinen Platz für die Hoffnung hat. Wenn die Türklingel geht, läch l: er, es könnte ja doch ein Kunde rt'.v, tm sein Lächeln vorspiegeln soll, daß er sorglos u. weitblickend die besten Waren anbietet, es könnte auch der Gläubiger sein, der eine längst fällige Ratenzahlung holen kommt, der Gaskassier, der den letzten Wärmespender erbarmungslos verschließ». wenn die Rechnung nicht bezahlt wird. Und eS lächeln die vielen, die auf Stellungssuche sind. Kein Chef liebt weinende, verzweifelnde Ange stellte. Wer traut ihnen die Ruhe zu, die Ehrlichkeit, die Kraft, die die Arbeit erfordert? Und wenn ihm auch die Angst, daß auch dieser Gang wieder vergeblich sein könnte, die Kehle zuschnürt wenn er am liebsten herausbrüllen möchte: „Gib, gib mir diese Arbeit, du rettest Leben damit" — er lächelt, er heuchelt Gleichmut und Ruhe. Und an diesem lächelnden, scheuen, geduckten Elend gehen die Menschen vorbei. Es scheint ihnen nicht interessant genug, um ihnen einen Augen blick des Nachdenkens abzulocken. Sie sehen es nicht, weil sie es nicht sehen wollen. O dieses fürchterliche Wort: Man muß doch leben. Jede Faser, jeder Nerv schreit nach Leben und Lebenwollen. Aber das Lebenkönnen ist ein Problem geworden, mit dem sie nicht fertig werden können. O die Marter, mit wundem Gehirn nachzugrübeln um Möglichkeiten; irgend wo in dieser großen Stadt muß doch das Geld liegen, diese erbärmlichen paar Mark, die man braucht, um zu leben, um die kranke Frau ins Spital zu schassen, um das hustende ' Kind in Licht und Sonne zu bringen. Irgendwo — wenn man doch arbeiten will und mit den Nägeln die Pflastersteine aufreißen möchte, wüßte man, daß da das Geld verborgen liegt. Ost und. oft kommen Frauen zu uns, weinend und wehklagend, und erzählen, daß ihre Männer Ware oder Geld veruntreuten und jetzt dafür verhaftet wurden. Und wir, die das Leben und unsere Arbeit tief zu sehen gelehrt hat in die Zusammenhänge dieses Geschehens, wir wissen, daß diese Unglücklichen nach fürchterlichsten und qualvollen Kämpfen zu Verbrechern wurden. da sie den Hunger von Weib und Kind nicht mehr mitansehen konnten, und deß auf die Anklage bank neben, nein, an Stelle dieses Mannes alle jene gehören, die hätten Helsen und retten können und die es nicht getan haben. Wenige haben sich die Mühe genommen, diesem verschwiegenen Elend nachzusehen, wenige haben die Liebe gehabt, hinter dem verkrampften Lächeln aus dcm Gesicht dieser Männer das Elend und die Verzweiflung zu sehen. Denn ihr Elend ist still, ist alltäglich, ist uninteressant geworden. Der Spender will sehen, wofür sein Geld ausgegeben wird. Er möchte lange Bänke voll Hungernder sehen und Kinderheime und gerettete Jugendliche — man muß ihm etwas präsentieren können. Kann man ihn in die Wohnungen der Hungrigen schicken? In den kleinen Laden des tief verschuldeten Kaufmanns? An das Krankenbett des Unglücklichen, dem man die Spitalkosten zahlen mußte, weil er sonst ohne Operation und Behandlung auf der Straße gestorben wäre? Für die uninteressanten Fälle gibt es keine Spenden mehr, sie sind zu still, zu alltäglich, zu wenig krank, zu wenig greifbar. Diese Menschen sterben,

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