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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1926-04-01 · 1 (1.4.1926) · p. [Seite]

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
III (1926-1927)
Issue
1 (1.4.1926)
Date
1926-04-01
Page
[Seite] (sequence 6)
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kisch-antisemitischen Verhetzung steht. Verbände, die kleine Kinder Lieder singen lassen, in denen ihnen vorgesagt wird, daß ihr Heimatland dock ist, „wo der Jordan rauscht", wecken eine innere Ent zweiung in jungen Menschen. Jeder sei, herangc reist, Partei, soviel er will und er vor sich verant Worten kann, aber er hüte sich, Kinderseelen par teipolitisch zu vergiften! Die Bibel enthält eine in diesem Sinne bedeutsame Erzählung: Josua liegt mit Israel vor . Jericho. Er hebt die Augen — ein seltsamer Mann mit dem gezückten Schwert in der Hand steht vor ihm. Josua fragt: Gehör« du zu uns oder zu unseren Feinden? Ter Fremde aber anwortet: Nicht doch — keines von beiden sondern ich bin ein Fürst des Heeres des Herrn und bin gekom men, dir zu künden, daß du aus heiligem Boden stehst (Josua 5, 13 sf.). Das-ist die Antwort, die denkende Eltern und vernünftige Lehrer den Werbern um die Seelen der reisenden Jugend geben müssen: Hände von diesen Seelen! Sie gehören noch keiner Partei, sie gehören noch Gott nnd der Gesamcheit solange, bis sie selbst sich politisch entscheiden und entschließen. Tie parteipolitische Zerklüftung der Juden wäre nie so verhängnisvoll geworden, wenn man diesen allein sittlich zu rechtfertigenden Grundsatz festgehalten hätte. ES in hohe Zeit, daß wir uns wiü>er daran erinnern, daß wir vor Gott und Menschen zueinander gehören. Einigkeit festigt auch Minderheiten. Partcizerrissenheit war stets Israels Unglück. Nicht Zwischenxarteilichkeit, aber noch weniger Parteilichkeit, .sondern Ueberpartei lichkeit sei unsere Losung bei per Erziehung der Jugend. Tan» siebt es mit uns gut. Funde nnd Forschungen. Die Darinstädter Peßach-Haggadah. Bon Rabbiner Tr. Bruno Italiener Tarnistadl. Tas Peßachfest, das durch die häusliche Feier der beiden Sederabende seine besondere Weihe empfängt, lenkt den Blick auf das kleine Buch, das im Mittelpunkt des häuslichen Gottesdienstes steht, die Haggadah. Während die Illustrierung der Haggadah seit Aufkommen des T r u ck e s so gut wie erstarrt ist und erst in neuester Zeit eine gewisse Belebung erfahren har, zeigen die noch er halten gÄiliebenen H a n d s ch r i s t e n der Hag gadah in ihrer Mannigfaltigkeit, wie viel Liebe und religiöses Empfinden man im Mittelalter auf die künstlerische Ausge"allung der Haggadah ver wandt hat. Eine best ers wertvolle, in ihren leuchtenden Farben prächtig erhaltene Haggadah Handschrift des deutschen Ritus ist die der T a rin städter Landesbibliothek (Codex orien taliS 8)'. Tie bis jetzt leider viel zu wenig bekannte Handschrift soll demnächst auf Veranlassung des verdienstvollen langjährigen Leiters der Landes bibliothek in Darmstadt, Direktst Adolf Schmidt, als Band ll des Sammelwerkes „Bilderhandschriften der Landesbibliothek zu Darmstadt" erscheinen. Adolf Schmidt hat außer dem Schreiber dieser Zeilen Professor A. Freimänn-Frankfurt a.M. und Professor August L. Mayer München zur Mitarbeit herangezogen. Im Folgenden sei einiges von den wissenschaftlichen Ergebnissen mitgeteilt. Der Beschreibung der eigentlichen Handschrift geht eine größere Einleitung voran, in der ich die Entwicklung der Haggadah-J.lustration v. 13. Jahrhundert ab schildere, aus dem die ältesten erhaltenen illustrierten Haggadahhandschriftcn stammen, bis zum 16. Jahrhundert, der Zeit der ersten Drucklegung der Haggadah. Während in manchen Codices sich eine zusammen hä n gende Bilderfolge findet, die als selbstän digcs Ganze dem Text der Haggadah entweder vorangeht oder folgt, sehen wir andere, in denen die Bilder als R a n d i l l u st r a t i o n e n oder als Vollbilder den Text begleiten. Müller und v. Schlosse r, die bekannten Herausgeber des bedeutendsten Werkes auf dem Gebiete der Haggadahforschung „Tie Haggadah von Sa r a j e v o" siiw irrtümlich der Meinung, daß für die Handschriften des spanischen Ritus die dem Text voranfgehende zusammenhängende Bilder folge, sowie ein gewisser aristokratischer Zug in der Art der künstlerischen Ausschmückung typisch ist, während die deutschen Hairdschristen meist flüchtig hingeworsene Randillustrationen volkstüin licher Art aufweisen. Tiefe Annahme ist nicht haltbar. Bor allem der Tarmstädter Codex zeich net sich aus durch die Pracht der Ausstattung! Format, Schrift, Einband), sowie die Vornehm heit in der Anlage und Ausmalung der Vollbilder und übrigen Miniaturen, so daß der Codex den Vergleich mit den be ü'mten spanisch n Handschriften auszunehmcn vermag. Seltsamerweise schien in dem Tarmstädter Codex die historischen Bil der, die aus Berichte der Bibel, vor allem den Auszug aus Aegypten Bezug nehmen. Besonders ins Auge fallend sind die mit großer Schönheit ausgestatteten Vollbilder, die abgesehen von dem Sedermahl eine große Anzahl in kapellenartiger Umrahmung sitzender betender Männer und Frauengestalten zeigen. Die eigentliche Würdigung der Handschrift wird durch eine Abhandlung von Professor A. Freim a n n eröffnet. Tiefer ist wohl z. Z. der be dcurendste Kenner jüdischer Handschriften. Er hat den Codex vom paläographischen Standpunkte aus untersucht und ist aus Grund des Schriftcha rakters zu dem Ergebnis gelangt, das er in der l. Hälfte des 14. Jahrhunderts entstanden ist. AdolfSchmidt gibt über die Geschichte und den Einband der Handschrift wertvolle Aufschlüsse. Ter Codex, der wohl um 140O wahrscheinlich von einem jüdischen Buchbinder sein jetziges Kleid, einen kostbaren Einband in Lederschnitt ^vergl. die

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