Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- III (1926-1927)
- Issue
- 1 (1.4.1926)
- Date
- 1926-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
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Diese vier Bibelstellen offenbaren die rechte Einstellung des Erziehers zur Belchrung des Kindes über religiöse und politische Fragen. Nicht Parteilichkeit, die einseitig eine Ansicht auf Kosten der anderen herabsetzt, nicht Zwischenparteilichkeit oder Neutralität, die es aus Ueberängstlichkeit mit keiner Partei verderben will, sondern Ueberparteilichkeit, die das Große, das Ewige, das Heilige im Ereignis dem Kinde erschließt, ist der Erziehungsgrundsatz der heiligen Schrift. Er ist gerade im vorliegenden Falle von entscheidender Bedeutsamkeit, weil kein jüdisches Fest so reiche Gelegenheit zu nationalpolitischen und religiösen Auseinandersetzungen bietet, wie das Fest der Volkswerdüng Israels. Der Gegenwartspolitiker hätte sicher nicht verfehlt, die Fragen des Kindes nach dem tieferen Sinn des Peßach zu einer politischen Belehrung zu verwerten. Tie heilige Schrift, die an anderen Stellen ihr Verdammungsurteil über den beispiellosen Trotz des Pharao unverblümt zum Ausdruck bringt, hält dem fragenden Kinde gegenüber mit jedem schlossen Worte zurück. „Deshalb ist alles das, weil Gott mir Gutes getan bei meinem Auszug auS Aegypten (2. Mose 13,8)." Von den unermeßlichen Gefahren einer Politisierung der unmündigen Jugend und von dem Maße der Unsittlichkeit in solcher Politisierung spricht soeben einer der besten deutschen Erzieher, Karl Wyneken, im Februarheft der Monatsschrift „Tie Tat". Er kennzeichnet und brandmarkt den Seelensang der Parteien in ihrem Wettrennen um die Gunst der politischen Unmündigen. Es geht nicht etwa dabei um die Liebe zur Jug^sd>5sondern um das reine Partciinteresse, den halbreifen Nachwuchs des Volkes in die eigene Parteirichtung zu locken und dann die Ueberlisteten aus ein Parteiprogramm vorzeitig festzulegen. Angeblich geschieht dieser klägliche Stimmenfang der Kinder aus Begeisterung für die eigene Ueberzeugung. In Wirklichkeit aber ist dieses Verfahren eine Feigheit sondergleichen, indem es die halbwüchsigen einfängt — weil es sich ohnmächtig fühlt, die Reifen zu gewinnen. Besonders verwerflich erscheint es Wyneken, daß sich die Parteien die Schule zum Tummelplatz ihrer Werbearbeit erwählt haben. Die unfertige Jugend ist hier geradezu Freiwild, das der Parteileidenschaft wehrlos preisgegeben ist. Sie wird mit Redensarten gefüttert, die über die Unmöglichkeit der Urteilsbildung hinwegtäuschen sollen. Aber die unverstandene und im besten Falle halbbegriffene Redensart ist Scelengift für den jungen Menschen, der durch sie zur Unwahrhastigkeit erzogen wird. Zum Verständnis eines Parteiprogramms gehört politisches Urteil und ein gutes Maß Abgeklärtheit. Es ist schon bedenklich genug, daß der Gegenwartsstaat der Jugend im Alter des Werdens das Stimmrecht zugesprochen hat. Wer dieses Unrecht wird zur Sünde gegen den heiligen Geist der Wahrhaftigkeit, wenn bereits Schulkinder parteipolitisch iii einer bestimmten Richtung hin beeinflußt werde it. „Die Jugend hat ihren Eigenwert", sie soll ui bekümmert um den Nutzwert der Dinge sie „ nach den bei ihr noch relativ unverdorbenen Wahrhei sgesühl beurteilen". Sie soll versuchen, in ethischen Angelegenheiten den geraden eigenen Weg zu geh« n. Umgehungen der, Wahrheit oder ihren Ersatz durch Redensarten soll I sie ablehnen. Es ist die Aufg rbe der Schule und 1 einer vernünftigen Erziehung, der Jugend diesen^ Idealismus mit allen Mittel! zu erhalten. Poli tik ist aber „die Kunst des Er:eichbar-Möglichen", also der Kompromisse, die eine Korruption der Gesinnung, ein bewußtes Verlusten der Wahrheit bedeuten. Tatsächlich hat es die vorzeitige Politi sierung der Jugend bereits verschuldet, daß der Lehrer zu seinem tiefen Schmerze die Erfahrung machen muß, „daß das klare Urteil der Jugend über Recht und Unrecht, Wahrheit und Lüge getrübt ist. Ter Schüler versuch! es, sich mit diplo matischem Herumreden um die Wahrheit herumzudrücken. Unendlich oft tön! dem Lehrer eine parteipolitische Phrase entgegen, wo er das sittliche Urteil des Schülers selbst! verlangt. Die sittliche Korruption ist auf dem Anmarsch gegen die Schule. Schule und Partei vertragen einander nicht". Vielleicht darf in diesem Zusammenhang an das Wort Röusseaus erinnert werden: Das Gute und Böse zu unterscheiden, den! Grund der menschlichen Pflichten zu erkennen, übersteigt die Fähigkeit eines Kindes. Was Wyneken vom Eindringen der Parteipolitik in die höhere Schule sagt, gilt in vollem Um fange für das seelische Zerstörungswerk der jüdischen Parteien unter der Schuljugend. So lange sich diese auf die körperliche Ertüchtigung der Jugend, aus Spiel und Sport beschränken, ohne diese zu parteipolitischen Zwecken zu mißbrauchen, ist ihre Arbeit an der Jugeüd dankbar zu begrüßen. Sobald aber durch halbslügge Menschen jungen und jüngsten Kichern — selbstver- -ständlich ohne eine Ahnung von der Sündhaftig keit ihres Tuns — das Gift der Phrase einge flößt wird, müssen Eltern und Erzieher ernstesten Einspruch erheben. Wenn k eine Buben und Mädels sich als Wissende geb irden und sich in unkindlicher Dünkelhaftigkeit v»n ihren jüdischen Mitschülern entfremden, die i «re Glauben- und Schicksalsgenossen sind, entsteht eine Sachlage, die nach Abhilfe schreit. Die Verhc >ung der jüdischen Kinder gegeneinander ist eine Sünde gegen die gemeinsame Mutter, das Juientum. Jüdische Buben und Mädels, die eine,; sonst makellosen Mitschüler aus ihrem Freunde svcrkehr und aus ihrem Spiclkreis ausschalten, ti »eit nicht er, aber seine Eltern jenseits der schn arz-weiß-roten — Verzeihung! — der schwarz-rot goldenen Grenzen geboren sind, üben — sicher kin »sich unbewußt — eine Tat, die durchaus aus dev. Niveau der vöse