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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1925-02-15 · 11 (15.2.1925) · p. Seite 228

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
I (1924-1925)
Issue
11 (15.2.1925)
Date
1925-02-15
Page
Seite 228 (sequence 2)
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weckt das ethische Wollen, das sittliche Urteil, daS soziale Gewissen. Er leitet zum Selbstdenken an und befruchtet die Gemütswelt des Kindes. Er schärst den Blick für das kulturhistorische Begreifen. Er erschließt den Sinn für das Ewige, das Gute und Göttliche. Er erzieht zu einer richttgen Bewertung der vergänglichen Güter des Lebens. Er schafft die sichere Grundlegung der Lebensanschauung, die er auf die Ewigkeitswerte der heiligen Schrift gründet. Er vermittelt ein Weltbild, stei von Schwarmgeisterei, und doch voll Idealismus. Er bildet sittliche Charaktere, gefestigte Persönlichkeiten, lebenstüchtigeMenschen. Für das jüdische Kind aber bedeutet der Religionsunterricht noch mehr. Er ist der einzige Unterricht, in dem es von dem Eigenwerte seines Bekenntniffes, von deffen Bedeutung für die Menschheitskultur erfährt, während sein Judentum in der Schule sonst zumeist verunglimpft, inp besten Falle totgeschwiegen wird. Der jüdische Religionsunterricht bede-tet heute, wo das religiöse Leben der Familien fast völlig verblaßt ist, die Sicherung der inneren Zugehörigkeit des jüdischen Kindes zu der Gemeinschaft, der es durch den Geburtszufall angehört, die Schulung zur Abwehr der Ehrenkränkungen, denen es leider überall preisgegeben ist, die Erziehung zum Selbstbewußtsein in der Erkenntnis des EwigkeitSgehaltes-seiner Religion. j Aus allen diesen und vielen anderen Gründen müßten deshalb jüdische Eltern dem Religionsunterrichte ihrer Kinder das allerstärkste Jntereffe entgegenbringen. Es müßte ihnen ein Herzensbedürfnis sein, in stetem Zusammenhangs mit den Lehrern zu bleiben, denen ein so wichtiger Teil der Erziehung ihrer Kinder anvertraut ist. Alle ernsten Wahrnehmungen des Elternhauses, die das Innenleben der Kindes betreffen, müßten sogleich dem Religionslehrer mitgeteilt werden. Fragen der Fortbildung, des Verkehrs und der Berufswahl sollten ohne Rücksprache mit ihm nicht erledigt werden. Um so ttefer ist es — im Interesse der jüdischen Kinder — zu beklagen, daß diese Zusammenarbeit, dieser Gedankenaustausch zwischen Schule und Haus völlig fehlt. Auf diese Zusammenarbeit kann aber die jüdische Religionsschule schon deshalb nicht verzichten, weil ihr Unterricht dem! Kinde nur die Theorie der Religion vermittelt, während ihm das Elternhaus deren lebendige Betätigung vermitteln soll. Allerdings hat diese Praxis der Religion in unseren Familien nicht mehr die alte Lebenskraft. Nur noch ein kleiner Teil der jüdischen Familien übt diese Praxis noch aus; ein wesentlich größerer Teil hat selbstherrlich'eine Auslese aus ihr getroffen; die größere Hälfte hat die religiöse Praxis im Hause völlig beseitigt. Es hieße Vogelstraußpolitik treiben, wenn die Schule an dieser ernsten Tatsache gleichgiltig vorübergehen wollte. Um so unentbehrlicher ist aber der Gedanken- 228 — austausch zwischen Religiouslehrer und Elternhaus, damit hier nicht Spannungen entstehen, die eine Gefahr für beide Teile bedeuten. Aus solchen Gedankengängen hat sich die Notwendigkeit von Veranstaltungen ergeben, welche dem Gedankenaustausch zwischen Eltern und Religionslehrern gewidmet sein sollen und die entbehrte Zusammenarbeit beider^anzuregen imstande sind. Regelmäßig wiederkehrende Elternabende können das Bindeglied zwischen Schule und Haus werden. Solche Abende sollen die Eltern über die Methoden, Einrichtungen und Ziele der religiösen Unterweisung unterrichten. In ihnen sollen Wünsche und Anregungen aus Elternkreisen der Schule vermittelt werden. Eine gegenseitige freie Aussprache — auch Eltern stehen nicht über der Kritik! — soll das gegenseitige Vertrauen fördern. Beiden Teilen soll dabei bewußt bleiben, daß sie die verantwortlichen Diener an einem heiligen Werke find! Mögen diese Elternabende, die eine feste Einrichtung unserer Gemeinde werden sollen, überall verständnisvolle Aufnahme finden! * > * * Wundt: „Der verbreitete Ruf.nach Abschaffung des Religionsunterrichtes in der Schule verbirgt unter diesem Namen nach meiner Meinung eine der größten Kulturbarbareien der Gegenwart." Moritz Lazarus: „Die Religion ist das Herz im Organismus des Volksgeistes; hört dieses Herz zu schlagen auf, so tritt Fäulnis, Verderbnis und Verwesung ein." Die Wahlen zum-preußische». LandeLver, band jüdischer Gemeinden. Nach einem maßlos erbitterten Wahlkampf haben am 1. Februar die Wahlen zum Landesverband jüdischer Gemeinden in Preußen stattgefunden. Sie bedeuteten schließlich eine schroffe Auseinandersetzung zwischen den liberalen konservativen und mittelparteilichen Juden auf der einen und den nationaljüdischen Parteien auf der Gegenseite. Eine Neuerscheinung im Wahlkampf ist die Partei der religiösen Mitte gewesen, die es ohne eine eigene Organisation vermocht hat, ein Sechstel der abgegebenen Stimmen auf ihr Programm zu Vereinen. Die Wahlbeteiligung war ziemlich lebhaft, obwohl nur 40°/» der Wahlberechtigten zur Wahlurne geschritten sind. Von diesen haben 50°/» ihre Stimmen der liberalen Wahlliste und etwa 25°/» der nationaljüdischen Liste (der „Jüdischen Volkspartei") gegeben. 50-60°/» der für die letztere abgegebenen Sttmmen entstammen nach einer Äußerung des „Israelitischen Familienblatts" den Wahlberechtigten nichtpreußischer Staatsangehörigkeit. Die 122 Mandate zur Landesversammlung verteilen sich so:

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