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Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs · 1925-01-15 · 10 (15.1.1925) · p. Seite 192

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Journal
Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
Volume
I (1924-1925)
Issue
10 (15.1.1925)
Date
1925-01-15
Page
Seite 192 (sequence 2)
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Eigengewißheit der Religion und das christliche Gnadenerlebnis. Aber nicht allein darum verdient Ellwoods Buch eine besondere Beachtung. Es muß viel- . mehr deshalb hier erwähnt werden, weil es eine der zahlreichen Bucherscheinungen ist, die auf die fernsten religiösen Regungen dankbar Hinweisen, aber an der Mutterreligion des ethischen Monotheismus, am Judentum fast verständnislos vorübergehen. Es ist Ellwood scheinbar völlig unbekannt, daß das Judentum die vernunftgemäße Begründung für sein ganzes System erfordert. Im Judentum ist die Religion von der ersten Äußerung einer jüdischen Theologie bei Philon dem Alexandriner ein Teil der Weltweisheit. Religion ist in der Bibelsprache: Erkenntnis. Sie ist der Inbegriff des letzten höchsten Denkens, das über die Erfclhrungsgrenze hinaus denkgesetzlich erfaßt werden soll. Im Christentum hat die Religion als Glauben eigene Denkgesetze. Im Judentum gelten die allgemeingiltigen Denkgesetze auch in der Religion. Der Begriff des „Irrationalen", des Unvernünftigen, ist dem Judentum unbekannt. Dafür betont es denBegriffdes„Suprarationalen", des Übervernünftigen, der Weiterführung der Gedankenarbeit über die Grenzen des Natürlichen hinaus. Sein Gottbegriff geht — man lese die Schöpfungsgeschichte! — aus dem ursächlichen Denken hervor und bleibt im logischen Gedankengefügenoch in seinen geistigsten Fassungen. Daß das Judentum auch soziologisch den höchsten Anforderungen entspricht, ist auch Ellwood bekannt. „Der Judaismus hatte sich streng an die Entfaltung und Vergeistigung sozialer Ideale und Werte gehalten. Der Judaismus war, psychologisch genommen, eine Idealisierung und Verbreitung von Werten des Familienlebens; alle seine religiösen und sittlichen Begriffe fußten auf der Familie; die ganze Phraseologie der späteren Propheten war dem häuslichen und Familienleben entlehnt. Die antikenJuden hielten an einem unverdorbenen Familienleben als dem Kern des gesellschaftlichen Lebens fest, und aus der Brüderlichkeit, aus dem Idealismus dieser primären Gruppe entsprangen ihre/eligiösen und sittlichen Gedanken und Ideale (S.93)".Aber das Wesen jüdischer Sittlichkeit ist ihm dennoch eine unbekannte Welt. Er spricht von dem Ziel und Zweck der Religion: „die ideale, die.'ganze Menschheit umfassende Gesellschaft" (S. 76). Daß dieses mosaische Programm vom „Priesterreich und der heiligen Menschheit" (2. Mose 19,6) die Keimzelle des prophetischen Meffianismus, der Idee der im ewigen Frieden zu lauterer Gerechtigkeit in geläuterter Gotteserkenntnis geeinten Menschheit, das Leitmotiv jüdischer Nächstenliebe ist, weiß Ellwood nicht. Es ist bedauerlich, daß er das urechtjüdische Prinzip (5. Mose 6, 25; 10,12. ff., Micha 6, 8), „daß man Gott dient, indem man der Menschheit dient" christlich nennt (S. 114). Daß alle 192 - Sünde Selbstsucht, Mangel an Verständnis für unsere Mitgeschöpfe ist, ist weder positives Christentum noch „die einfache Lehre Jesu" (S. 155), sondern biblische Sittlichkeit, die alle Sünde als Vergehen gegen das Grundgesetz der allumfassenden Nächstenliebe (3. Mose 19) kennzeichnet. Es wirkt peinlich, wenn Ellwood S. 99 sagt: „Jesus sagte: Der Mensch lebt nicht von Brot allein usw.", während dieser ganze erhabene Gedankengang der alten mosaischen Urkunde (5. Mose 8, 3) entstammt. Kurz, die neue Religion muß nicht erst gesucht und geschaffen werden, sie ist im Judentum in voller Klarheit gegeben. Das spricht Ellwood wenigstens einmal in seinem Buche (S. 299) aus: „Keine Sekte, keine kirchliche Organisation dürfte ausgeschlossen sein. Katholiken und Protestanten, Juden und Christen müßten an dieser Universalkirche Mitarbeiten können; endlich darf nicht vergessen werden, daß die jüdische Synagoge die Mutter der christlichen Kirche, und die Religion der späteren Propheten des A!ten Testamentes im Wesen die Religion Christi ist. Es gibt Juden! genug, die christlicher sind als solche, die sich Christen nennen, und viele.Christen, deren Glaube dem Alten Testament nähersteht als dem Neuen". Ellwoods Buch heißt nicht wie Frank es ungenau übersetzt „Zur Erneuerung der Religion", sondern Reconstruction of religion „Wiederaufbau der Religion". Dieser Titel verlangt aber die Ergänzung: Wiederaufbau der Religion auf dem Grunde der Religion Israels. Aus dem Schriftsätze Israels. Psalm 34. 1. Ich preise Dich in Freud und Leid Und singe Lieder Dir. Ihr Frommen, kommt von weit und breit Erhebt den Herrn mit mir. Ich suche Gott — er ist bewährt; Wer ihm traut, ist geborgen Wie hat er mich so oft erhört In meines Lebens Sorgen! 2. Wer in dem Schutze Gottes ruht. Hat fest sein Haus gebaut Ich hab's erfahren: Gott ist gut, Heil dem, der ihm vertraut. Drum hört auf mich: die Löwenbrut Mag darben und verderben. Wer aber ruht in Gottes Hut, Wird nicht im Elend sterben. 3. Und willst du sein in reinen. Glück, Sei wahr und lüge nicht. Und scheu vor jeder Schuld zurück. Tu freudig deine Pflicht! Gott sieht auf dich, hört dein Gebet, Streng straft er alle Bösen — Wer rein vor seinem Gotte steht. Den wird der Herr erlösen.

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