Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Journal
- Gemeinde-Zeitung für die israelitischen Gemeinden Württembergs
- Volume
- I (1924-1925)
- Issue
- 1 (15.4.1924)
- Date
- 1924-04-15
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Belongs to
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WM der zahlreich erschienenen Mitglieder und Freunde deS VereniS. 'r Der israelitische Kranken, und Un^erstützungsverein Bikkur»Cholim, der sich seit vielen Jahren der Armenfürsorge widmet, veranstaltete am 23. März als eine nachträgliche Purimfeier einen Wohltätigkeitsabend im Oberen 1 Museum. Die Festrede hielt der Stadtrabbiner. Wertvolle musikalische Vorträge und ein lustiges Purimspiel unter der Leitung E. M. Potoks trugen wesentlich zum Gelingen des Abends bei. Der Zentralverein deutscher Staats» bürgerjüdischenGlaubens hatte für Samstag, 29. März, zu Vorträgen von Dr. Rieger- Stuttgart und dem Vorsitzenden des Verbandes in Württemberg, Dr. Feld mann, eingeladen über das Thema: „Die Vorwürfe gegen die i Juden". Den Vorsitz in der Versammlung führte Dr. Ludwig Weil. Der erste Redner, Dr. Rieger, ging der geschichtlichen Entwicklung des deutschen Judentums nach und beklagte bitter die Unkenntnis christlicher Kreise gegenüber deutsch-jüdischen Dingen. Dabei werden die herrschenden Vorurteile gegen das Judentum durch bewußte Falschdarstellungen noch genährt. Eine Wochenschrift in Stuttgart habe neuerdings 13 „Zitate" veröffentlicht, die sämtlich böswillige Fälschungen sind, aber eine Richtigstellung sei, trotz Zusendung nicht erfolgt. Der Redner ging dann dem jüdischen Schrifttum und der Bedeutung des Talmuds nach, um den hohen geistigen und sittlichen Gehalt desselben nachzuweisen. Der Talmud sei ein in vielen Jahrhunderten entstandenes Sammelwerk, in dem sehr Verschiedenartiges und Verschiedenwertiges enthalten, ist. Das müsse bei Berufungen auf den Talmud berücksichtigt werden. Es gebe überhaupt keine > jüdische Geheimliteratur. Die Juden begrüßen es, daß immer wieder ernste christliche Gelehrte sich kritisch-wiffenschaftlich mit der jüdischen Literatur beschäftigen, sie haben das Ergebnis nicht zu fürchten. Die sittliche Reinheit und Hoheit des Talmuds sei unbestreitbar, einzelne Stellen herauszureißen und als „den Talmud" zu werten sei unzulässig. Der Redner ging dann eingehend dem Vorwurf eines besonderen „jüdischen Materialismus" nach und zeigte,daß dieserVorwurf durchaus unberechtigt sei. Der Jude sei durch brutale Gewalt (Verdrängung vom Lande usw.) und häufig gegen seinen Willen auf die Handels- _ tätigtest verwiesen worden. Der Grundzug Mischen Wesens sei durchaus religiös-idealistisch. Das beweise gerade die traditionelle Treue gegenüber dem Judentum, beweise der tiesinnerlicheFamiliensinn, die tätige Nächstenliebe auch gegenüber christlicher Not. Gerade über dies letztere Gebiet gab der Redner sehr feinsinnige, warmherzige Ausführungen. Kein Jude wolle beschönigen, was Juden verfehlen, aber Gerechtigkeit verlange, anzuerkenuen. daß auch bei anderen Religions- .- gemeinschaften viele den ethischen und fittlicheit Idealen ihrer Religionen nicht gerecht werden. Dr. Feldmann wies an Hand überzeugender Zahlen nach, wie ungerechtfertigt der Vorwurf der Drückebergerei während des Krieges gegenüber den Juden ist. Von 550000 deutschen Juden waren 85000 Juden Kriegsteilnehmer, von denen 12000 gefallen sind. Die Anklage gegen die Juden, sie seien an der Niederlage Deutschlands schuld, die auch Ludendorff erhob, stütze sich hauptsächlich auf die „Weisen von Zion", ein Machwerk, das in der Hauptsache auf einen in den sechziger Jahren erschienenen Kolportageroman zurückgeht. Daß in der literarisch-politischen Bekämpfung mit gemeinen Fälschungen gearbeitet wird, dafür gab der Redner eine Reihe treffender Beispiele. Der Redner beschäftigte sich mit der Berufsgliederung der Juden, die historisch zu begreifen sei. Bezüglich der Ostjuden schilderte er, wie man im Kriege die Ostjuden auftief für Deutschland und zwangsweise z. T. hereinholte. 90 Prozent davon seien bereits wieder abgewandert. Wo die Ostjuden sich verfehlen, solle,man sie bestrafen, aber man solle christliche Verfehlungen gleich behandeln. Zum Schluß setzte fich Dr. Feldmann mit der Raffentheorie als Grundlage des Antisemitismus äuseinander. An Hand einer stolzen Reihe jüdischer Namen widerlegte er den Vorwurf, die Juden seien nicht schöpferisch. Die antisemitische Rassentheorie sei nach Zeugnissen anthropologischer Wissenschaft durchaus unhaltbar. Die beiden Reden machten starken Eindruck in der sehr gut besuchten Versammlung. Die Diskussion brachte die etwas verworrene Rede eines Nationalsozialisten, das Bekenntnis eines Bahaianhängers, ein lebhaftes Echo auf die beiden Hauptreden von Johannes Fischer und eine kräftige Abfuhr der Antisemiten durch Landesgerichtsdirektor Stern. Mit einem wirkungsvollen Schlußwort der beiden Hauptredner schloß die Versammlung. Stuttgarter Neues Tagblatt vom 1. April. Bereits im Oktober 1923 waren es dreißig Jahre, daß der um die hiesige Wohlfahrtspflege hochverdiente Oberkirchenvorsteher Louis Hirsch im Ausschuß d/s hiesigen Jsr. Krankenunterstützungsvereins tätig ist, und fünfundzwanzig Jahre, daß er diesen Verein als Vorsitzender lettet. Am 12. April fand eine vom Vereinsausschuß veranstaltete freundschaftliche Feier dieses doppelten Jubiläums statte an der auch Delegierte der übrigen hiesigen wohltätigen Vereine — teilnahmen. Am 13. April wurde dem Jubilar beim Beginn der Generalversammlung des Vereins nach einer eindrucksvollen Ansprache des VereinskasfierS Friedr. L. Kiefe eine Ehrenurkunde überreicht, die das Werk des jungen Stuttgarter Künstlers Hermann Kahn ist. In gleicher Weise wurde Herr SanitätSrat vr. S. Weil geehrt, der sich seit einem Vierteljahrhundert selbstlos den Aufgaben des Vereins widmet. ~ ÜÜMÜMHUi