Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 2 (1938 - 1939)
- Issue
- 1 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 JUDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ "Nr. 1 Der Auswanderer im Hilfsverein. Der Hilfsverein will möglichst vielen Juclen zur Aus» Wanderung verhelfen. Soll er hierzu trotz aller Schwierig« keiten imstande sein, so müssen ihn alle Auswandcrungs* willigen durch Disziplinx und zweckmäßiges Verhalten unterstützen. Insbesondere ist folgendes nötig: 1. Vor der Beratung. Hei dem großen Andrang steht für die Beratung jedes Einzelnen.nur eincjbeschränkte Zeit zTJr Verfügung. Des» halb mußt Du Dich selbst auf die Beratung vorbereiten, wenn Du Deine Zeit gut ausnützen willst. * Lies hierzu die vom Hilfsverein herausgegebenen Hefte „Jüdische Auswanderung"; Du erfährst hieraus alles Wich» tige über die Verhältnisse in den hauptsächlichen Einwan* derungsländern. Lies auch d'c Merkblätter, die der Hilfs» verein herausgibt, und die schon bei der Anmeldung gratis abgegeben werden. Ueberlege Dir an Hand solcher L'nter* lagen und bei genauer Berücksichtigung Deiner persön* liehen Verhältnisse, in welches Land Du am ehesten glaubst einwandern, und wo Du meinst, eine neue Existenz finden zu können. Fülle dann auf Grund dieser Ueberlegungen den gelben Fragebogen, den Du schon bei der Anmeldung mitbekommst, mit Schreibmaschine in zweifacher Ausfertigung genau aus. Beachte hierbei besonders die Fragen nach Deinen Verwand» ten im Ausland; verschaffe Dir ihre genauen Adressen und alle sonstigen Angaben über sie. 2. Während der Beratung unterstütze den Berater durch kurze, klare und absolut wahrheitsgemäße Angaben. Der Berater ist Dein Freund, zu dem Du, wie zu einem Arzt, ab« solutes \ ertrauen haben darfst und mußt. Bleibe insbe* sondere streng bei der Wahrheit bei Deinen Auskünften über Deinen Beruf und Deine Vermögensverhältnisse. Je* de l'ngeniutgkeit kann Dir selbst zum schwersten Schaden gereichen. Verlange vom Berater nichts Unmögliches, sondern bc< denke, daß der I liltsverein nur im Rahmen der hier und im Einwanderungsland geltenden gesetzlichen Bestimmungen helfen kann, und daß hiervon abgesehen auch die finan* stellen Mittel des Hilfsvereins sehr beschränkt sind. Halte Dir voi Augen, daß jeder Fall anders liegt und nur indivi* duell bearbeitet werden kann,11 d. h. unter genauer Berück* sichtigurig seiner beruflichen, gesundheitlichen, finanziellen und sonstigem, Besonderheiten. Auch die Transfer* und Ein* Wanderungsbestimmungen wechseln häufig. Berufe Dich also nicht darauf, daß ein anderer angeblich vor Dir bevor* zugt worden sei; niemand im Hilfsverein will Dich benach* teiligen, sondern man will Dir nur helfen. 3. Nach der ersten Beratung halte Dich an folgende Regeln: Telefonische Anfragen sind strengstens zu vermeiden, denn der Berater, der gerade einem anderen Rat erteilt, wird darin gestört, und Dir kann der Berater ohne Vorlage der Akten oft keine richtige Auskunft geben, sodaß durch Te)e< fongespräche oft Mißverständnisse entstehen. Richte deshalb alle Anfragen schriftlich an den Hilfsverein. I sclligkcit zu erzählen — obwohl eine scherzhafte, in den Grenzen des Takts sich haltende, gelegentliche Bemerkung gar nicht übel genommen wird — lade man Leute ein, die gut zusammen passen, und gebe sich Muhe, ein vernünftiges Gcspräcn in Gang zu bringen; man wird über den Erfolg überrascht sein. Wer beruflich Dinge gelernt hat, die man in Amerika nicht so lernt, sehe zu, wie er diese Dinge mit dem kombinieren kann, was man in Amerika tut; er wird-mehr neidlose Anerkennung finden als in Europa. Wer versucht ist, sich darüber aufzuregen, daß der Durchschnitt* Amerikaner nicht allzuviel von europäischer Geschichte und Geo* graphic weiß, suche erst einmal seine eigene Fähigkeit zu enzyklo» pidischem Wissen durch Kenntnis der amerikanischen Geschichte und Gcographieou beweisen. (Hand aufs Herz, lieber Einwanderer, weißt du, in welchem Staat Richmond liegt? Es ist geschichtlich und geographisch für Amerika beinahe so bedeutend wie Stuttgart für Deutschland. Oder könntest du erklären, inwiefern Texas in der amerikanischen Geschichte eine teilweise ähnliche Rolle spielte wie Schleswig*!lolstcin in der deutschen?) 8. Lieber Einwanderer: Angenommen, du hast Gluck und kommst herüber, so kannst du sicher sein, daß dir schon im ersten Jahr t^in halbes Dutzend Bekannter schreiben, du möchtest ihnen doch mitteilen, welche Möglichkeiten es für sie gibt. Dann bitte gehöre nicht zu jenen, die die Frager mit ein paar unverbindlichen Redensarten abspeisen. Aber sei auch vorsichtig mit den Aus» künften; verallgemeinere weder dein Glück, noch dein Pech. Schreibe den Fragern nicht, daß „in Amerika jeder, der hart ar< beiten will, seinen Platz findet", nur weil du einen Platz gefunden hast, sei es auf Grund deiner Spezialkenntnisse oder freund« lichcr Fürsprache. Wenn dein Stipendium oder dein „appoint* ment" nicht erneuert wurde, schreibe nicht, daß die Amerikaner „mit einer in Europa nicht gekannten Rücksichtslosigkeit" Leute auf die Straße setzen und daß man deshalb lieber nicht herüber* kommen sollte; auch in Europa soll es schon einmal vorgekommen sein, daß jemand entlassen wurde. Schreibe deinen Freunden wahr* heitsgemäß, daß die Berufschancen des einzelnen im voraus über* aus schwer abzuschätzen sind, und daß niemand dem Einwanderer die Mühe, die Kosten und das Risiko des Suchens abnehmen kann; daß die Uebcrgangszeit immer schwer ist, und daß heute für nie* mand, allenfalls mit Ausnahme von sehr haushalterfahrenen und körperlich kräftigen jüngeren Frauen, Stellungen bereit stehen; daß aber begabte, tüchtige, energische und sprachlich vorgeschulte Menschen, wenn sie nicht ausgesprochene Pechvögel sind. Aus* sieht haben, nach kürzerer oder längerer Zeit etwas zu finden, wenn vielleicht auch für ein sehr bescheidenes Gehalt und, was noch wichtiger ist, ohne Garantie der Beständigkeit. Daß es auch besser gehen kann, versteht sich am Rande. Zum Punkt „bescheidenes Gehalt" ist noch eines zu bedenken. Hundert Dollar sind, glatt umgerechnet, gar nicht so wenig; selbst 70 Dollar sind viel viel mehr, als manch einer. zu Hause hatte. Das Bild scheint noch günstiger zu werden, wenn der Einwanderer erfährt, daß an vielen Orten die Lebensmittelpreise sehr niedrig und die Preise für Kleidung, wenn man geschickt zu wählen ver* steht, nicht allzu hoch sind. Aber eine große Schwierigkeit für den Einwanderer nach Arne* rika besteht darin, daß er in einem reichen Land lebt. In diesem Land, in dem der gelernte Arbeiter, wenn er das Glück hat, stän* dig beschäftigt zu sein, es leicht auf über 2 000 Dollar Jahres* cinkommen bringt, in dem ein Lehrer verhältnismäßig rasch auf 3000 Dollar kommt, in dem verheiratete Frauen oft berufstätig sind und damit das Familicneinkommen ergänzen, ist es weit schwie* riger, sich die vielen kleinen Dinge zu versagen, die sich der Neu» cinwanderer nicht leisten kann, als in einem Land, in dem alle einfach leben. Es ist besonders schwer, da ja der Einwanderer) amerikanischen Verkehr suchen soll und ihn natürlich im großen und ganzen doch nur im gebildeten Mittelstand findet. Natürlich' lassen sich diese Schwierigkeiten überwinden, zumal ja die Amerikaner es einem verhältnismäßig leicht machen. Aber das Uebcrwinden kostet Nervenkraft, und die Versuchung, die Grenzen dessen zu überschreiten, was man sich leisten kann, sind sehr groß. Auch aus diesem Grund ist die seelische und geistige Rüstung für die Auswanderung nach Amerika mindestens ebenso wesentlich für den Erfolg wie die materielle. Ein Jahr Jüdisches Gemeindeblatt Der Beginn des zweiten JahVgangs des Jüdischen Gemeinde* Mattes für das Gebiet der Rheinpfalz darf wohl Anlaß dazu geben, einen Rückblick auf die Entwicklung unseres Gemeindeblartes zu werfen. Man kann heute getrost sagen, daß das „Blättel", wie es ^vielfach genannt wird, ein lieber Bote in unseren jüdischein Häusern geworden ist. Denn es vermittelt in knapper Uebersicht alle Vorkommnisse innerhalb unserer jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, gibt besondere Hinweise auf Berufs* und Auswande* rungsmöglichkeiten, bringt Betrachtungen der Rabbiner in der Pfalz zu den religiösen Ereignissen des Jahres, veröffentlicht Berichte aus den Gemeinden und hält auf diese Weise die Beziehungen inner» halb der jüdischen Gemeinschaften\in der Pfalz und im Reich auf» recht. So hat sich das Gemetndeblatt in fast allen Gemeinden restlos eingeführt. Aber auch für unsere Ausgewanderten bildet es, sofern sie es nachgeschickt bekommen, ein starkes Band mit ihrer Heimat» gemeinschaft und wird freudig empfangen und gerne gelesen: Dcshalfj dart man heute nach Jahresfrist diese Einrichtung der Pfälzer Judenheit, welche, vom Vorsitzenden des Verbandes der isr. Kultusgcmeinden der Pfalz, Herrn Kommerzienrat Joseph, gefördert, auf Grund vielseitiger Anregung im vergangenen Janre aus dem Rundschreiben des Rabbinatsbezirks bzw. dem Jüdischen Gcmeindeblatt für den Rabbinatsbczirk Landau Pfalz hervorging, als wohlgclungen bezeichnen. Es sei auch darum dem Redakteur erlaubt, allen Mitarbeitern und Beratern zu danken, die seine Arbeit in uneigennütziger Weise zum Wohl des Ganzen unterstützt haben. Aber auch von seinen Sorgen und Wünschen darf der Redakteur an diesem Jahrestag erzählen. Die Frage des Leitartikels be* reitet ihm manchmal großen Kummer. Oftmals ist gerade diese Mappe leer und der glückliche Zufall will es, daß noch im letzten Augenblick die Post den ersehnten Aufsatz bringt. Unsere Gemein* schaft in der Pfalz ist doch noch so groß, daß noch viele in der Lage sind und die Fähigkeit besitzen dürften zu dieser oder jener Frage einen Aufsatz zu schreiben. Freilich soll prinzipiell vermieden werden, daß Aufsätze abgedruckt werden, die um des Schreibens willen geschrieben worden sind, oder daß irgend ein Elaborat gleich gedruckt werden muß. Aber alle Anregungen und Gedanken, die für unsere Gemeinschaft wichtig und bedeutsam sind, werden und