Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 2 (1938 - 1939)
- Issue
- 1 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 1 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Wünschen Genüge tun könnte. Warum der Einwanderer nach Amerika kam, ist unwichtig; aber unendlich wichtig ist für ihn, seinem Dasein in Amerika einen Sinn zu geben, der nicht nur darin beruht, daß er hier sein Leben verdienen kann. Dazu braucht en nicht dicke Bücher zu lesen, obwohl etwas amerikanische Geschichte sehr nützlich ist. Aber er soll vor allem seine Augen aufmachen, in jedem Sinn. Kein Mensch verdenkt ihm die Sehnsucht zurück, jeder oder doch fast jeder Amerikaner versteht sie, viele haben sie selbst erlebt. Aber wenn Sehnsucht zur Bitterkeit wird, und das Herz nicht mehr frei genug ist, um das Neue in sich aufzunehmen, dann wird sie zur tödlichen Gefahr. Dann lernt nämlich der Ein» wanderer niemals amerikanische Menschen behandeln, und dann , ist er hier verloren.- Um in Amerika zu leben, muß man sich an Amerika freuen können; um sich daran freuen zu können, muß man Amerika studieren. 4. Wie macht man das, wenn man frisch hereinkommt? Es gibt hundert Wege. Man rede mit Menschen, so viel als nur irgend möglich. Wenn man es sich leisten kann, gehe man in ein summer camp (Sommerlager); die billigsten sind nicht nur wegen der Gcldersparnis die besten. Wenn man Kinder hat, suche man viel Kontakt mit der Schule. Die meisten Volksschulen, wenigstens in Westamerika, haben es gern, wenn Eltern in die''Klasse kommen, um zuzuhören. Jede Schule hat eine parentteachers Association (Vereinigung von Lehrern und Eltern), die Teilnahme ist sehr empfehlenswert. Für Frauen ist die Teilnahme an einem Klub sehr in Erwägung zu ziehen; das geistige 'Niveau ist natürlich seh* verschieden, die Lebendigkeit des Interesses aber fast : 'mer groß. (Männerklubs bieten weniger.) Ein anderer Weg ist Teilnahme an - den Veranstaltungen des sehr umfassenden Volksbildungswesens; in vielen Teilen Amerikas gibt es „Forums" mit ausgezeichneten Rednern und interessanten Diskussionen. Die „night school", die, meist einer öffentlichen höheren Schule angegliedert, Klassen spe* ziell für Neueinwanderer .enthält (Englisch und Bürgerkunde), kann auch oft auf dem Weg über die Lehrerin oder den Lehrer zu wertvollen Berührungen mit amerikanischem Leben führen. In ■ einer Reihe von Städten ist das Jewish CeuTimunity Center ein Ort, von dem viele Anregungen ausgehen und wo der jüdische Ein* wanderer besondere Fürsorge und Wärme findet. Selbstverständlich ist es, daß der Einwanderer Zeitung lesen muß; aber auch das Lesen einer Zeitschrift ist sehr nützlich. Es gibt ausgezeichnete Zeitschriften mit allgemein kulturellem, Pro» gramm in Amerika, z. B.. Harper's Magazine und Atlantic Monthlv. Es ist fast unnötig-"zu sagen, daß der Einwanderer nicht alle diese Wege gleichzeitig gehen kann; er muß sich heraussuchen, was für ih.n paßt. Ebenso selbstverständlich ist, daß alle Wege energisches Betreiben von Sprachstudien voraussetzen. Englisch» lernen kann, wie oft hervorgehoben worden ist, gar nicht ernst genug betrieben werden. Radio und Sprechfilm sind wertvolle Hilfsmittel, aber sogar zusammen mit der night school sind sehr häufig unzureichend. In Universitätsstädten kann man meist einen \ Studenten oder eine Studentin gegen sehr bescheidenes Honorar Konscrvationsstunden, Korrektur von Briefen und Manuskripten bekommen (jede Universität hat ein studentisches Arbeitsamt). Das ist nicht nur für die sprachliche Vervollkommnung wertvoll, son» dem besonders auch deshalb, weil ein intelligenter Student einem sehr viel über die Gepflogenheiten des Landes sagen kann. 5. Wie soll der Neuankömmling den Amerikanern gegenüber» Wohl keine andere Beziehung, neben der mit Gott, kann uns allen heute ein so reiches Maß an seelischer Kraft vermitteln, als das Bewußtsein, geborgen zu sein in der Gesamtheit des jüdischen Volkes. Wohin sollen sich denn all di^ vielen Menschen wenden, die draußen in der Welt sich eine neue Lebensexistenz aufbauen wollen, wenn sie nicht wieder zur jüdischen Gemeinschaft finden, die ihnen Heimat, Schutz und Rat vermittelt? Wir, die wir noch hier leben, finden unseren Frieden gleichfalls nur innerhalb unserer Gemeinde, der wir angehören und deren Bestrebungen wir mit allen Kräften unterstützen müssen. | Wahrcv Heimat und wahren Frieden finden wir nicht zuletzt auch innerhalb unserer Farpilie, die uns doch nicht nur Sorge» son» dem auch Freude' bereitet. War der Jude des Mittelalters draußen verachtet, geradezu als Aussätziger betrachtet, in seiner Familie war er wieder Mensch. Auch für uns muß die Familie wieder der Mittelpunkt unseres Lebens und die Quelle unserer Lebensfreude gerade in den Tagen sein, in denen wir uns für deren Zukunft die größten Sorgen machen. Diese unerläßliche ^Forderung kann aber nur dann verwirklicht werden, wenn die Familie wieder mit dem jüdischen Geist durchdrängt wird, der leider vielfach aus ihr ent» schwunden ist, und der sie früher zu solch hohem Ansehen brachte. Wir beobachten vielfach, wie Menschen, die fern von der Heimat leben, wieder gerne die alten Gebräuche pflegen, die ihnen liebe Erinnerung an die Heimat bedeuten und darüber hinaus Stärkung in ihrem harten Kampf ums Dasein vermitteln. Darum müssen die alten und doch ewig neuen jüdischen Sitten auch wieder Ein* gang in unsere Häuser finden. Sie fordern doch so geringe materi» eile Opfer und geben dem Familienleben erst die rechte Weihe und erheben uns über das Grau des Alltags zu freicrem Bewußt» sein und reinerem Denken. Diese Kette der uralten Tradition h* racls: Ich gehöre zu meinem Gott, zu meiner Familie, und diese Gemeinschaft gehört zu mir, darf nicht reißen und zerreißen, sie muß dauern, wenn Israel dauern soll. Unseres Wortes dritter Sinn: ,,Ich gehöre meinem Freund und treten? Die Wahrung der gesellschaftlichen Formen, die in Arne» rika anders sind als in Europa, ist natürlich auf die Dauer erstre benswert. (Am wichtigsten ist vielleicht für den Anfanger. daß die neuzugezogene Familie von den eingesessenen, mit denen sie beruf» lieh oder sonst in Fühlung kommt, besucht wird, und zwar meist abends oder Sonntags: nicht der Zugezogene, sondern der Etage»1 sessene ergreift also die Initiative zum Verkehr. Doch kann man in geeigneten Fällen diese ganze Frage durch eine formlose Ein" ladung zum Tee oder dcrgl. beiseite schieben, und hinterher voll» zieht sich dann in der Regel alles weitere in angenehm ungezwun* gener Weise — vielleicht mit Ausnahme von Neu»Fngland, wo Formtragen überhaupt viel wichtiger sind.) Aber weit wichtiger als Wahrung der Formen ist allgemein menschlicher Takt. Auch sonst sehr taktvolle Menschen benehmen sich oft nicht richtig, wenn sie von Gefühlen der Verlassenheit, der Fremdheit, der Bitterkeit über» wältigt sind. Hier liegt die größte Gefahr, und erhebliches Unheil ist schon dadurch angerichtet worden, daß F.inwandcrer auch wohl» wollende amerikanische Kreise „verprellt" haben. Fs ist durchaus nicht nötig, alles amerikanische zu\loben; aber es ist notwendig zu vermeiden, daß dem Amerikaner die Frage auf die Lippen kommt: Wenn dir zu Hause alles besser gefiel als hier, warum bist du dann Meldungen aus den Gemeinden für das Gemeindeblatt. Die Gemeindevorstände werden dringend gebeten, Nachrichten aus ihren Gemeinden und vor allem Meldungen über Akts» ' Wanderungen immer rechtzeitig und sorgfältig bis zum 17. eines jeden Monats dem zuständigen Bezirksrabbinat mit> teilen zu wollen. Die Redaktion. eigentlich herüber gekommen? Um ihn nicht auf diese Frage kom» men au lassen, muH man eben das Gefühl des Mulsamerikaners unbedingt loswerden; siehe oben. Gerade wenn der Amerikaner Europa "preist und amerikanische „shortcomings" (Unzulänglich* keiten) unterstreicht, erwartet er, etwas Freundliches 'über sein, eigenes Land zu hören, aber er hat ein feines Gefühl dafür, ob so etwas nur aus oberflächlicher Liebenswürdigkeit oder mit Ucber* zeugung' gesagt wird. 6. Schon im allgemeinen Verkehr ist es wichtig, den F.indr.icik zu vermeiden, als wisse man nichts Gutes über Amerika zu sagen; es ist noch viel wichtiger im Verkehr mit amerikanischen Berufs» kollegen. Besonders die Aerztc, die ja durch das jetzt fast überall vorgeschriebene „Praktische Jahr" in einem amerikanischen Kran» kenhaus sofort in engste Berührung mit amerikanischen Kollegen kommen, müssen sich des Findrucks bewußt sein, den ihr«; Aeuße», rungen machen. Aehnliches gilt von Universitätslehrern. Die' Behauptung, man dürfe überhaupt nichts kritisieren, wird zwar manchmal aufgestellt, aber sie ist vollkommen falsch. Wenn jemand sagt: „Das haben wir anders gemacht; ich bin mir noch nicht ganz klar darüber, welche Methode eigentlich die größere Vorteile hat", so leitet er eine sachliche Diskussion ein, auf die sich der Amerikaner in der Regel gerne einläßt; wenn er aber zu verstehen gibt, daß ihm d:e amerikanische Methode als der Verkörperte l'nsinn vorkomme, so ist er für den Amerikaner erledigt. 7. Die beste und wirksamste Form, das zur Geltung zu bringen, was man besser kann, als die Amerikaner, ist natürlich das ßesser* machen. Statt den Leuten über die Oedc der amerikanischen Ge* ^*»»»»»»»— »-*»»»*»»»»»»»»»- mein Freund gehört zu mir," findet seine eigentliche Verwirk» lichung in dem Gedanken an unseren Nebenmenschen, an die Menschheit überhaupt. Gerade an diesem Gedanken der Vereinigung aller Menschen zü einem Bunde, welchen die kommenden Festtage besonders ein» dringlich künden, mögen viele von uns zweifeln, da es uns dunkt, als ob in der Welt meterhohe Mauern zwischen Mensch und Mensch und Freund und Freund aufgerichtet werden sollen. Fs besteht kein Zweifel darüber, daß wir heute unsere jüdische Gemeinschaft notwendiger denn je gebrauchen, aber wir müssen uns darüber klar sein, daß gerade draußen in der Welt wir uns vor einem hermeti* scheu Abschluß von der Umwelt hüten nuissen. Große Ideen reifen zwar nur immer in der kleinen Gemeinschaft, wertvolles Erleben kann nur im kleinen Kreis oder im Alleinsein gewonnen werden, aber der fruchtbare Austausch der Gedanken kann nur innerhalb der gesamten Menschheit4 vor sich gehen. Das prophetische Wort: „Sind wir nicht alle Kinder eines Vaters, hat uns nicht alle ein Gott geschaffen?" hat auch heute noch nicht seinen Sinn verloren und wir dürfen es tagtäglich in der Welt erleben, wie so viele in echter und edler Freundschaft ihren bedrängten Brüdern zu helfen suchen. Diese Beweise der Freundschaft und der Nächstenliebe vermitteln uns auch die Gewißheil, daß jene ewige Wahrheit, wonach Gott alle Menschen nach .seinem Ebenbilde, und somit in ihrer Menschen» würde einander gleich, geschaffen hat, noch immer im Bewußtsein der Menschen lebt und ihr 1 landein leitet. Dieses Flulmotiv: „Ich gehöre meinem Freund und mein Freund gehört zu mir" ist der Gedanke, der uns durch diesen Monat bis zu den hohen Festtagen geleiten soll und in uns die Zuversicht erstarken lassen wird, daß jene drei Säulen, auf denen unsere Fxi* stenz beruht, nie bersten werden: Der Glaube An unseren Gott, der uns nie verlassen hat und nie verlassen wird, der Glaube an unser Volk, das trotz aller Verfolgungen lebt und der Glaube an die Menschheit, die sich trotz aller Tiefen hoher und hoher entwickelt. Kurt Metzger, Landau Pfalz. %