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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-09-01 · 1 (1.9.1938) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
2 (1938 - 1939)
Issue
1 (1.9.1938)
Date
1938-09-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 1 Intellektualismus gefährden könnte; vielleicht kommt es daher, daß er sehr viel Lehenskraft in sich fühlt. Der Widerspruch zwischen Religion und Wissenschaft ist zwar bekannt, führt aber (trotz des berühmten Affenprozesses in Davton) zu verhältnismäßig wenig Konflikten, weil der Schwerpunkt Ues Religiösen von den führenden kirchlichen Kreisen nicht mehr auf Dogmatik, sondern auf Sozial' ethik gelegt wird. $ Der Amerikaner ist kein Materialist, wenn man darunter einen Menschen \erstcht, dem es vor allem ums Geld zu tun ist. Materielle Motive werden vielleicht mehr zugestanden als anderswo, was aber nicht heißt, daß sie stärker sind. Der amerikanische Snob lebt in seinen eigenen Kreisen; dem Multimillionär gibt die Vielzahl seiner Millionen eine Ucbcrlegcnhcit unter Millionären; bei den Massen trayt sie ihm mehr 1 laß als Ansehen ein, wenn er das nicht durch besondere persönliche Ligenschaftcn oder durch besonders ge« schicktes Auftreten auszugleichen weiß. Die Summen, die für Zwecke eines „unpraktischen" Idealismus ausgegeben werden, sowohl von von privaten wie von öffentl. Kassen unter Billigung der Steuerzah« ler, sind auch im Verhältnis zum Reichtum.des Landes ungeheuer. 7. Der Amerikaner liebt das quantitative Denken; darin mag man eine Verwandtschaft zum Materialismus entdecken. Er schließt manchmal die Augen vor Dingen, die sich nicht quantitativ aus« drücken lassen. Das bewirkt, daß im typischen Weltbild des Ameri» kaners sehr wesentliche Züge fehlen. Auf der anderen Seite gibt es seinem Denken ein hohes Maß von Klarheit und Ehrlichkeit, weil eben der Verzicht auf den Ausdruck des nicht quantitativ Erfaßbaren auch viele Schlupfwinkel geistiger Unehrlichkeit ver* schließt. 8. Der Amerikaner isi äußerlich formlos, aber er ist sehr darauf bedacht, die Gefühle seiner Mitmenschen zu achten. Er respektiert die Lebensspharc des anderen. Er will ihn nicht mit seinen eigenen Sorgen belasten, soweit es nicht unbedingt erforderlich ist, und hat auch eine Abneigung, tiefe Gefühle zu zeigen. Das wirkt oft sehr wohltuend, aber macht es schwierig, menschliche Beziehungen zu vertiefen. Zusammen mit dem geringen Verbreitungsgrad einer Kultur des Gesprächs führt die Zurückhaltung oft zu einer Ober« Oachlichkcit des geselligen Lebens, die der Qualität der, Menschen nicht entspricht. Die Folgen sind teils grobe Veräußerlichung der Geselligkeit (Verbreitung der Gesellschaftsspiele' unter Erwacht senen), teils übermäßige Intellektualisicrung (Klubvorträge, oft schweren Kalibers, statt wirklichen Gesprächs). 9. Man kann diese Dinge vielleicht am besten so zusammen« fassen: Der Amerikaner lebt in der geistigen Welt des 19. Jahrhun« derts, obwohl er über die Maschinen und technischen Beuuem« lichkeiten des 20. in vollständigerer Weise verfügt als der Bürger irgendeines anderen Landes. Der Amerikaner ist unter der Decke von Technik, Konvention und Wettbewerb ein sehr naturlicher Mensch, mit starken Instinkten der Hilfsbereitschaft. \Er ist in jedem Sinn jünger als der Europäer, d. h. er hat größere geistige Stoßkratt, aber seine Haltung zu vielen Lebensproblemen erscheint dem Europier als ein Ausdruck von Uncrfahrenheir. Dem ele« mentaren willen zur Bildung fehlt vielfach noch das Wissen um die richtigen Zugänge. Wege zur geistigen Einordnung. 1. Geistige Einordnung ist etwas völlig anderes als krampf» hatte Amerikanisierung Gewiß ist es ein ungeheurer Vorteil für Elul. Der Uebergang vom pulsierenden Leben des Alltags zu der ernsten Einkehr der ehrfurchtgebietenden Tage bildet der Monat Elul. In ihm beginnen gleichsam die seelischen Vorbereitungen für die höchsten Tage des jüdischen Jahres. Das Schofarblascn und die S'lichothtage stimmen uns durch ihren Errtst ganz von selbst auf das Erlebnil der hohen Festtage ein. Unsere Alten aber haben auch das Wort Elul selbst zum Ge« genstand ihrer Betrachtung genommen und in die Buchstaben dieses Wortes einen Satz des hohen Liedes hineingelegt, der lautet; *!* *TT *TT~ *2N „Ich gehöre meinem Freund und mein Freund gehört zu mir." Dieser Gedanke drückt die innigsten Beziehungen aus, die zwischen zwei Menschen bestehen können und diese Idee sollte führend sein durch den ernsten Elul*Monat hindurch bis zu hohen Festtagen, i Dieses Motiv muß gerade in unseren Tagen besonders ein« dringlich an unsere Seele klingen. Denn für unsere Väter war dieses köstliche Motto ein Born der Kraft, aus dem sie ihren Lebens« mut trotz aller Entrechtung schöpften. Darum soll es ,auch uns durch den ernsten Elul'Monat hindurchgeleiten in das neue Lebens« jähr, weil es uns allen neue Kraft zum Weitertragen und Weiter* schreiten auf diesem dornenvollen Lebensweg vermitteln kann. Zunächst die Gemeinschaft mit Gott! Ich gehöre zu meinem .. Gott und mein Gott gehört zu mirl Der Glaube an diese Freund» schaft, an den Bund Israels mit Gott mag in manchem von uns er» schlittert worden sein. Viele begannen hei der Enttäuschung und dem Leid, das wir durchleben an der Gerechtigkeit und vor allem an der Güte und Barmherzigkeit unseres Gottes zu zweifeln. Wir können solche Zweifel in den schwersten Stunden des Lebens ver« stehen. Ein liiob zweifelt auch, weil er den Sinn seines Leidens den Einwanderer, daß die amerikanische Kultur ihm nicht als etwas so festgefügtes, eindeutig Gegebenes gegenübertritt wie etwa die französische, englische oder italienische. Aber trotzdem kann, zum mindesten der im reiferen Alter Auswandernde nie im glel* chen Sinn Amerikaner werden wie es der im Land geborene ist. Dabei hängt wenig davon ab, ob man mehr von deutschen oder mehr von jüdischen Voraussetzungen an das Problem herangeht. Der Einwanderer kann in Amerika engste Beziehungen zum nariona* len Leben gewinnen — und Millionen von Einwanderern haben sie gewannen, viel;, hunderte sind ZU Führern geworden Das ist mög» lieh, weil die Stellung des Einwanderers in diesem Land der Immi« gration nicht Anormales ist, — die Vereinigten Staaten sind eben eine gemeinsame Unternehmung der europäischen Völker. Aber wie der erwachsene Einwanderer niemals das Englische ohne Akzent sprechen lernt, obwohl er nicht selten einen reicheren Wortschatz u.vd einen besseren (nicht nur korrekteren) Stil besitzt als der ge»' borene Amerikaner, so wird für ihn amerikanische Lebensauffassung niemals das Selbstverständliche, unbewußt Angenommene und Ge» übte sein. Es liegt an ihm, dieses scheinbare Defizit in Reichtum zu verwandeln, in Reichtum für sich wie für die anderen; das ameri« kanische Leben wäre ohne den Zustrom von Menschen und Ideen viel ärmer. Auch staatspolitisch ist das bewußte Bekenntnis des von Amerika überzeugten Immigranten zum amerikanischen Staatsge» danken eine wertvolle Ergänzung der oft undurchdachten Hin» nähme amerikanischer Einrichtungen durch den geborenen Arne» rikaner. 2. Richtig begriffene geistige Einordnung ist für den Ein« wanderer absolut unerläßlich; selbst für die materielle Existenz« gründung ist sie wichtiger, als viele Einwanderer denken. Geistige Einordnung in Amerika bedeutet vor allem das Begreifen, daß hier eine ganz große Menschheitsaufgabe zu vollenden ist. Der Konti» nent ist erschlossen; die äußeren Bedingungen der Zivilisation sind in übereichem Maß vorhanden; aber diese Nation, in die Volks» kräftc aus allen anderen Nationen eingeströmt sind, hat geistige, und seelische Energien, die viel mehr als materiellen Reichtum schaf« fen können und auch nach viel mehr als materiellem Reichhtm streben. Nicht nur die Besiegung der äußeren Schwierigkeiten, son» dern noch viel mehr die inneren Reibungen zwischen den ursprüng» lieh fremdartigen Völkselementen haben in den vergangenen ändert» hajb Jahrhunderten amerikanischer Geschichte so viel von jenen Energien verzehrt, daß heute Amerika seinen Weg zu machen und durch manche Probleme erst finden muß, mit denen Europa schon seit Jahrzehnten ringt. Mit anderen Worten, Amerika wird' die Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert überschreiten müssen. Aber seine große Aufgabe ist es, dabei die Sackgassen zu vermeiden, in die der europäische Geist im 20. Jahrhundert geraten ist. 3. Daß der Einwanderen, etwas von dieser Aufgabe begreifen soll, heißt natürlich nicht, daß er sich zunächst kulturphiloso« phischen Studien zu widmen habe. Aber er soll die Haltung des Mußamerikaners loswerden. Gewiß, er wird in vielen Fällen einfach deshalb nach Amerika .kommen, weil seine Verwandten in. Chi» cago und nicht in Johannesburg leben, oder weil er kein Zertifikat für Palästina bekommen konnte. Darüber braucht er weder sich ni'ch anderen etwas vorzumachen. Nur sehr wenige von den Vor» fahren der 130 Millionen Amcrikaner haben Amerika gewählt, weil sie glaubten, daß es das einzige Land sei, das ihren innersten nicht mehr begreift. Aber bei allem Verständnis für solche Stirn« mungen können und dürfen wir einen solchen Zweifel niemals rechtfertigen. Sicherlich! Gott war stets ein strenger Partner in .seinem Bund mit Israel. Er hat um diese Freundschaft viel, wenn nicht alles gefordert. Aber was sind auch schon in einem.solch heiligen Bunde vergängliche Güter, Besitz, der heute gewonnen und morgen doch zerronnen sein kann. Ein Hiob, der reich mit den Gütern des Lebens gesegnet ist, verliert all sein Hab und Gut und wird bettel* arm. Aber in seiner größten Not und in seiner tiefsten Verzweif« lun$ erkennt er doch und ruft es aus; Ich weiß, daß mein Erlöser lebt! und wird später dreifach und vierfach mit dem gesegnet, was er verloren hat. v Auch Israel erlitt Verfolgungen tausendfältiger Art. Unsere Väter waren im Mittelalter keineswegs mit Glücksgütern gesegnet; wurden sie einmal reich, so wurde schon dafür gesorgt, daß sie bald wieder arm, bettelarm wurden, und unser angeblicher Reich« tum existiert auch mehr in der Phantasie als in unseren eigenen Taschen. Aber wie hätte Israel diesen Ozean des Leids und der Leiden durchschreiten können, wenn es nicht diesen festen Glauben an seinen Gott besessen hätte. Das Bewußtsein: Ich gehöre trotz allem zu meinem Gott und mein Gott gehört dann auch zu mir, gab unseren Ahnen die Lebenskraft; und dieser Glaube wird auch uns, den Lebensmut spenden« daß, wenn draußen Haß und Feind« schaft noch so sehr zusetzen mögen, wir dennoch sicher unseren Weg auch im kommenden Jahr im Schutze dieses lebendigen Gottes gehen dürfen, dessen Walten so viele von uns in Zeiten des Glücks nicht erkennen wollten und in Zeiten der Not und Bedrängnis aus Verbitterung und Verzweiflung nicht die Fähigkeit besitzen, SEINE Vorsehung zu erfühlen. Die zweite engste Beziehung, die Menschenkraft aufzubringen vermag, ist die Beziehung -zur Gemeinschaft, das Zugehörigkeits« gefuhl zum. jüdischen Volk. Ich gehöre zu meinem Volk und mein Volk gehört zu mir!

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