Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 2 (1938 - 1939)
- Issue
- 1 (1.9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz Organ des Verbandes der israeli- Herausgebcr: Verband der israel. Kultusgemeinden der Pfalz, Landau/Pfalz. Verlag: Heinrich Wildmann, Philippsburg. Verantwortlich f. d. Inhalt: Kurt Metzger, Landau, Glacisstr.9 $ tischen Kultusgemeinden der Pfalz Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda betr. Uebcrwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet Erscheint monatlich 1. September 1938 / mm TDK H DT1 2. Jahrgang / Nr. 1 i Wege und Bedingungen der Vereinigten Staaten Dem neuen, sehr empfehlenswerten Korrespondenz,* blatt des Hilfsvereins der Juden in Deutschland entnehmen wir im Auszug den folgenden Aufsatz über eine der wichtigsten Seiten der uns alle beschäftigenden Probleme der Auswanderung nach Amerika: Es wird wohl jeden über die unmittelbaren Notwendig» keiten des Tages hinaus gedenkenden Menschen, der nach den Vereinigten Staaten auswandert, dazu drängen, sich auch .vom Geist seiner neuen Heimat ein Bild zu machen. Sich auf ihn vorzu» bereiten, geben wir in den folgenden* Ausführungen wieder, die wir im wesentlichen einem aus Deutschland stammenden und seit etwa vier Jahren in Kalifornien tätigen Universitätsprofessor ver» danken. Der Verfasser betont mit allem Nachdruck, daß er eigent» lieh nur die amerikanische Westküste genauer kenne, und zwar auch diese nur insoweit, als sie unter dem Einfluß San Franziskos stehe: „Ich würde es schon nicht wagen, über Menschen und Dinge in Los Angeles ohne sehr starke Einschränkung zu sprechen, denn die. Atmosphäre in dieser rapide gewachsenen Stadt, mit der ver* glichen auch das absolut noch sehr junge San Franzisko traditionell gebunden, ausgeglichen und stabil erscheint, ist trotz aller regen Beziehungen zwischen den beiden kalifornischen Großstädten hier nur in Ausläufern spürbar." Dennoch glaubt der Verfasser, dem seine berufliche Schulung als Soziologe besonders zugute kommt, gerade von Kalifornien aus noch am enesten ein Urteil über gewisse Grundtatsachen des ame» rikanischen Lebens gewinnen zu können. Und wir geben seine An« sichten trotz ihrer stellenweise unverkennbar subjektiven Färbung fast unverändert wieder, weil sie zumindest Anhaltspunkte und Anregungen für den Einwanderer bieten. Demjenigen, der sich tiefer in die Frage des amerikanischen Geistes und Kulturlebens versenken will, weist der Literaturanhang die Wege; insbesondere möchten wir an dieser Stelle auf das meister» hafte Werk von Andre Siegfried über die Vereinigten Staaten auf» merksam machen. Ich habe nun vier, Jahre an einer amerikanischen Universität gelehrt und dabei jedes Semester Hunderte von Studenten gesehen und mit ihnen gesprochen; ich bin mit vielen Dutzenden meiner Kollegen und mit mindestens ebenso vielen Gymnasiallehrern und »lehrerinnen, katholischen und evangelischen Geistlichen, Acrzten und Rechtsanwälten zusammen gewesen; ich habe mit Rabbinern aller Richtungen (außer den streng orthodoxen, die an der West» küstc selten sind), mit den Leitern der jüdischen Wohlfahrtsor* ganisationen, und mit jüdischen und nichtjüdischen Geschäfts« leuten gesprochen. Trotzdem kann auch ich das Bekenntnis, von einem vollen Verständnis Amerikas noch weit, entfernt zu sein, mit vollster Ueberzeugung ablegen. Aber immerhin kann man sich von Kalifornien aus noch am ehesten ein Urteil über manche Grund» tatsachen des amerikanischen Lebens bilden. i Kaliforniens moderne Geschichte begann mit der Entdeckung der Goldlager im Jahre 1848. Der „gold rush" brachte die Ein» wanderer aus allen Teilen der Union an die pazifische Küste, una ihre Nachkommen, vermehrt durch neue Wandcrungswcllen, sind im wesentlichen die Kalifornicr von heute; nur ein vunbe» deutender Bruchteil stammt von alten spanischen Familien oder von den wenigen amerikanischen, russischen und britischen Einwan* derern, die vor der Goldentdeckung da warein. Daher bildet Kali* fornien ein verhältnismäßig zuverlässiges Bild aller politischen und gesellschaftlichen Kräfte, die in den Vereinigten Staaten lebendig sind, eine Art soziologischen Querschnitts durch die Union. Freilich, ganz zuverlässig ist das Bild nicht, weil die Menschen, die anderswoher kamen, von dem Einfluß des Landes und der Mischung selbst nicht unberührt blieben. Besonders die Formenstrenge Neil» Englands fand im fernen Westen keinen guten Boden, und wenig» stens San Franzisco selbst ist vom neu»englischcn Puritanismus nie erobert worden. Die Lcichtlebigkeit, der Optimismus, die Toleranz sind hier größer als im Osten, wobei man vielleicht in mancher Hin» sieht New York vom Osten ausnehmen muß. Den Unterschied der Westküste vom Mittelwesten, dem Kerngebiet Amerikas, zu definieren, traue ich mir nicht zu; nur das eine ist klar, daß der geistigen Einordnung in den von Nordamerika. Mittelwcsten weniger internationale Intercssen> (wirtschaftliche wie geistige) hat als die beiden Küsten. Der Süden, wirtschaftlich rück» ständig — trotz starker Entwicklung seit Kriegsende —, kulturell und politisch höchst konservativ, an der ungelösten- Negerfrage leidend, noch schwerer geplagt von der Erinnerung an die Nieder» läge im Bürgerkrieg und ihre politischen und wirtschaftlichen Folgen, ist von der Westküste ebenso verschieden wie von Chicago, New York oder Boston;'höchstens die größere Leichtigkeit des Lebens, die sich in Städten wie New Orleans trotz aller ungelösten Prob* lerne und allen Resentiments zeigen soll, mag manche Verwandt» schaff mit dem Fernen Westen haben. Bedingungen der geistigen Einordnung. Aus alledem ergibt sich für den Einwanderer nach Amerika, daß er auch in geistigen Dingen — für praktische sollte es selbst» verständlich sein, — mit sehr verschiedenen Bedingungen zu rech» nen hat, je nach dem Teil der Union, in den er kommt. Aber es gibt ein paar allgemeine Feststellungen, die für manchen Teil der Union richtiger als für den anderen, aber für keinen falsch sind. 1. Der Geist Amerikas wird vom Mittelstand bestimmt, zu dem, materiell wie psvchologisch, ein erheblicher Teil der ge» lernten Arbeiter gehört. Schon zahlenmäßig ist dieser Mittelstand größer als in den meisten anderen Ländern; aii Einfluß uhcrtrifh er bei weitem die reiche wie die proletarische Schicht. 2. Trotz aller Verschiedenheit der Herkunft ist dieser Mittel» stand in seiner Lebensauffassung wesentlich englisch; die Assi» milationskraft des Angclsachsentums auf dein amerikanischen Kon» tinent, verstärkt durch ein dichtmaschiges Netz von Schulen, Volks» bibliotheken und F-inrichtungen der Erwachsenenbildung, hat iWundcr getan. Gewiß will man die Unabhängigkeit von England deutlich unterstreichen, und Mißtrauen gegen England ist durchaus häufig, aber das wird mehr als Meinungsverschiedenheit zwischen Familienmitgliedern empfunden. Im Grunde betrachtet man die eng» lische Geschichte als einen Teil der Eigenen, die englische Kultur als die Grundlage der eigenen, und sieht Europa wesentlich durch englische Augen. Das gilt für die Nachkommen polnischer Juden nicht weniger als für die von Deutschen, Skandinaviern und Fran» zosen. Im Westen fängt es sogar an, für die zweite Generation von Japanern und Chinesen zu gelten. 3. Englisch ist am Amerikaner vor allein die Bereitschaft zum Kompromiß, in privaten wie in öffentlichen Dingen. Dieser englischen Tendenz zum Kompromiß wirkt entgegen, daß der Amerikaner eine starke Neigung hat, Dinge zu E>nde zu denken, dabei die Voraussetzungen entgegen der Wirklichkeit zu vereinfachen, und dann ohne vie rungen zu ziehen. Die amerikanisch bietet viele Beispiele. Rückschläge entmutigen ihn nicht leicht; der Mensch kann sein Schicksal gestalten, also versucht man es eben mit einem anderen Weg, wenn der eine nicht zum Ziele geführt hat. Dieser Optimismus der Tat bedingt nicht notwendig eine individualistische Einstellung; mehr und mehr bricht die Auffassung durch, daß viele Probleme vom Einzeihen nicht lösbar sind; aber dann kann eben die Gruppe oder die Nation sie lösen. 4. Wenn sich politische oder soziale Schwierigkeiten zeigen, so ist der Amerikaner geneigt, sie in der „wickedness" von Per sonen zu suchen. > Wickedness ist unübersetzbar, es bedeutet mehr als Schuld und weniger als Verworfenheit. Diese Tendenz, Indi» viduen für soziale Uebcl zur Rechenschaft zu ziehen, auch wo diese Uebel aus geschichtlichen Verhaltnissen herausgewachsen sind, steht irn Widerspruch zu dem humanitären Optimismus des Amerikaners: dem Glauben, daß der Mensch von Natur aus Wut ist, daß er durch vernünftige Belehrung und fairness der Behandlung auf den rechten Weg zurückgeführt werden kann. 5. Der Amerikaner hat einen tiefen Glauben an die Wirksam» keit des Lernens und Lchrcns. Er fühlt nicht den Verdacht, daß Lernen tote Wissenschaftsanhäufung sein könnte; die amerikanische Schule leidet darunter, daß er dieses Mißtrauen zu wenig kennt. Er fürchtet auch nicht, daß er seine Lebenskraft durch einen Uebcr» iek Bedenken praktische Folge» C Politik der letzten Jahrzehnte