Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 12 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/4903956-4931894-4931986--118-4904063- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 12 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ •> ' \ Seite 3 Aus den Fragebogen des Hilfsvereins., Die brennendste Frage für jeden einzelnen Juden in Deutsch« land lautet wohl heute: „Wann und wohin werde ich auswandern können? Wie erhalte ich das Visum usw.?" Gleich danach aber drängen sich andere Fragen auf, vor allem das Problem: „Wie wird sich mein Leben nach der Auswanderung gestalten? Wird es mir ge« lingcn eine wirkliche neue Heimat zu finden, oder wird es ein Umherziehen ohne festen Halt geben?" Der Hilfsverein der Juden in Deutschland, dessen große und schwere Aufgabe in der Betreuung der gesamten nichtpalästinen« sischen Auswanderung besteht, hat über das Schicksal der schon Ausgewanderten eine Fülle von Material gesammelt, das ab Grund« läge für die weitere Beratung der Auswandernden dient. Als eines der besten Mittel, die Ausgewanderten wirklich zum Reden über ihre wesentlichsten Erlebnisse in Uebcrsee zu bringen, haben sich die sogenannten „grünen Fragebogen" erwiesen, die der Hilfsverein in Tausenden von Exemplaren verschickt und in Hunderten be« reits sorgfältig beantwortet zurückerhalten hat. Hier werden dem Auswanderer ganz präzise Fragen gestellt: „Welches war Ihr ursprünglicher Beruf* — welches ist Ihr jetziger? Wie lang ist Ihre Arbeitszeit? Wie hoch ist Ihr Verdienst? Wie verteilen sich Ihre Ausgaben auf die verschiedenen Hauptposten, wie Nahrung, Klei« dung, Wohnung usw.? Wie sind die Schul Verhältnisse? Mit wem verkehren Sie (Deutschen Juden, Ostjuden, Landesbevölkerung) usw.? Ucberblickt man das eingegangene Material, so ergibt sich eine ungeheuere Buntheit der Schicksale — und im großen und ganzen, die beruhigende Gewißheit, daß die meisten der Antwortenden eine produktive Einordnung in Uebersee allmählich gefunden haben. Greifen wir einige dieser Schicksale heraus, um auch der jüdischen Ocffentlichkeit einen Einblick in das Leben unserer Auswanderer zu verschaffen. Geändert sind im folgenden nichts als die Namen. Da ist Hans Bloch, ehemals Angestellter aus der Teppich« und Gardinenbranche. 1906 geboren, unverheiratet. Seit Januar 1937 in Buenos Aires; hier zuerst zweiwöchige Arbeitssuche. Dann Stel» lung als Spuler in einer Seidenfabrik. Stundenlohn 50 Centavos. Arbeitszeit 8 Stunden täglich. — „Mit welchen Schichten verkehren Sie vorwiegend?", will der Fragebogen wissen. „Ich verkehre mit keinem und habe keine Zeit, da ich spanisch lerne", lautet die Antwort. — Anders Herr Wertheimer, ebenfalls in Buenos Aires „In gesellschaftlicher Hinsicht", so schreibt er, „habe ich gar keine Schwierigkeiten. Wir verkehren in allen Kreisen ohne Unterschied". Trotzdem kann Herr W. von sich sagen, daß sein Leben nicht gerade leicht ist. Fünf Monate eifrigen Studiums waren notwendig, um die Landessprache notdürftig zu erlernen. Durch die klimatischen Verhältnisse", konstatiert der jetzt Achtundvierzigjährige, „lernt man hier, besonders in fortgeschrittenem Alter, viel viel schwerer als drüben." Aber die Anfangsschwierigkeiten scheinen über« wunden zu sein. Herr W. sucht sich und seine Familie jetzt durch Vertretungen zu ernähren. Das Monatseinkommen ist jedoch natur» gemäß „noch ganz unbestimmt". Fritz Bergmann, 58 Jahre alt, betrieb in Deutschland ein Hcrrenartikel« und Pelzgeschäft. Etwas Kapital stand ihm zur Ver« fügung. Damit ist er 1937 nach Neu Seeland gegangen, wo er sich eine Kuhfarm gekauft hat. Hier arbeiten er und sein achtund« zwanzigjähriger Sohn „oft zwölf Stunden täglich". An Sparen ist noch nicht zu denken. Aber in zwei Jahren hofft er soweit zu sein. Hans Hamburger, 38 Jahre alt, wanderte mit Frau und drei Kindern nach den Vereinigten Staaten aus. Da ihm ein nicht unbe« trächtliches Kapital zur Verfügung stand, beteiligte er sich dort an einer Transportgesellschaft und zwar in Kansas City. Sein Monats* * cinkommen ist verhältnismäßig sehr hoch — 450 Dollar! Aber das ist, wie Herr H. schreibt, „natürlich kein Maßstab", da er ja an dem Unternehmen beteiligt ist. Auf die Frage: „Vor welchen Fehlern möchten Sie besonders warnen?", antwortet H.: „Trotz der voni mir begangenen Fehler ist es falsch, nichts zu riskieren und zu keinem Entschluß zu kommen. Viele Einwanderer tun das". Und Elend und schwerem Dienst, es weilt unter den Völkern, findet keine Ruhe; alle seine Verfolger holten es ein in der Bedrängnis. Und dieses Leid wiederholte sich im Jahre 1492 am 9. Aw, da die Juden, welche in Spanien eine neue Heimat gefunden zu haben glaubten, dieses Land verlassen mußten. Selten in der Vergangenheit wurden die Worte der Klage« lieder mit solcher Wehmut gesprochen, wie wir sie in der Gegen« wart, ja in diesem Jahr empfinden. Wir fühlen bei ihrem Spre» chen das Leid des Klagedichters. Wir denken bei ihnen daran, daß die Judenheit noch immer zum größten Teil in der Golah weilen muß, unter den Völkern keine Ruhe findet, in der Be« drängnis lebt und keiner ihr hilft; daß die Wege Zions trauern, weil die Einwanderung so sehr beschränkt ist. Wir denken an den Terror, der nun schon Jahre in dem Land herrscht, durch den Männer und Greise hingemordet werden. Wir fühlen aber auch das Leid der von der Vertreibung aus Spanien betroffenen Juden; denn auch uns blieb nichts anderes übrig als die Auswanderung, die ja von uns geradezu gefordert wird, sodaß wir es nicht anders als eine Vertreibung aus dem Lande empfinden, in welchem wir geglaubt hatten, eine Heimat zu besitzen. Ob wir uns nicht vielleicht mit dem Dichter selbst anklagen müssen? Schwer gesündigt hat die Judenheit, darum wurde sie zum Gebet Im Monat Aw! Im Leid nur diese Kraft laß mich bewahren. Vom Salz der Träne frei den Blick zu halten. Bis die Gesichte klar sich offenbaren, Die Du gesandt, und die Gewalten, Die mich umdrängen. Deinen Sinn erhalten. Denn nicht warum dies Alles will ich wissen! \ Nur ob es eingetan in Deinem Willen, Nur ob es klar vernehmbar das Gewissen Aufruft zu Antwort und Erfüllen. Vermag mein Weh zu dämmen und zu stillen. GOTT ruft uns auf! — Wir sind emporgeschreckt Und jähen Tages Angst will uns befallen. Hältst Du die Hand zu Drohung ausgestreckt, Oder weist Du den Weg uns? Uns vor allen?! Wir tasten Deiner Hand Geheiß. Wir wallen, fallen, wallen. x Davin Schönberger. dann gibt er einen Rat, den der Hilfsverein allen von ihm Betreuten Nordamerikafahrern immer und immer wieder, aber leider oft ver» geblich erteilt. „Ich halte",-so~heißt es auf dem Fragebogen, „die Anhäufung größerer Mengen oft berufsloser Juden aus Deutschland in den Riesenstädten des Ostens für gefährlich und bedenklich, sowohl für die Einwanderer, als auch für die Einwanderung." — Ein Umschichtlcr: Franz Alexander, jetzt in Cali (Columbien), war ehemals Vertreter. Dann lernte er schweißen. Seit Mitte 1937 betreibt er in Cali selbständig eine Schweißerei. Seine Familie — er ist verheiratet und hat 2 Kinder — blieb vorerst in Deutschland. Der Verdienst in Cali ist noch gering, 50 Doli. (col. Pesos) im Mo» nat. Davon müssen die Kosten für die Werkstatt mit 20 DmL bestritten werden, weitere 20 Doli, gehen für Kleidung drauf und 10 Doli, bleiben zum Leben. Bei diesem Etat muß man sich ein» richten. Herr Alexander tut das. Vor allem dadurch, daß er sich an die columbianische Kost gewöhnt, „weil deutsche Küche be» deutend teurer ist." Freilich ist diese Umstellung nicht ganz einfach. „Von allen Einwanderern", so schreibt der Befragte, „haben es nur vier Mann (ich eingeschlossen) fertig bekommen, längere Zeit columbianisch zu essen." Trotz mancher Entbehrungen ist 'Ale» xander optimistisch. .Er hofft, daß sich sein Betrieb gunstig ent« wickeln wird. Sein ganzes Streben ist naturgemäß darauf gerichtet, Frau und Kinder sobald als möglich nachkommen zu lassen. Line unverheiratete Fraut Grete Berliner, jetzt 37 Jahre alt, ist Anfang 1937 nach Johannesburg gegangen. Beruf in Deutschland und in Johannesburg Stenotypistin. Jetzige Arbeitszeit 1 _> 9 bis 1 jb Uhr. Monatseinkommen 10 Pfund. Davon kann Fraulein Berliner zwar keine Ersparnisse machen, aber doch ihren Lebens» unterhalt bestreiten. Auf die Frage, was sie falsch gemacht habe, erfolgt die Antwort: „daß ich nicht früher hierher gekommen hin." Schließlich 'eine Akademikerin: Berta Horn, 1897 'geboren, war in Deutschland Aerztin. Durch Inserat in einer medizinischen Zeitschrift tritt sie mit einem Hospital in Adelaide in Verbindung. Sic wird engagiert und fährt nach Australien. In dem dortigen Krankenhaus arbeitet sie gegen ein Gehalt von 200 Austr. Pfund (2000.— Goldmark) pro Jahr nebst freier Station — ein Einkommen, von dem sie sogar etwas zurücklegen kann. Die Position von Frl. Dr. Horn bietet freilich keine Garantie für die Zuklinkt; denn der Vertrag mit dem australischen Hospital läuft jeweils nur aut ein Jahr. Wie häufig er verlängert wird, ist ungewiß. Für welche unserer Auswanderer ist aber die Frage nach der Zukunft geklärt? All unsere Menschen, die in-der Ferne ein neues Leben beginnen, müssen täglich den Kampf um die Existenz aufs neue aufnehmen. Rückschläge und Enttäuschungen bleiben dabei nicht aus. Aber die Fragebi>gen des Hilfsvereins zeigen, daß unsere Menschen den Willen haben, das Schicksal zu meistern, daß sie eine Einsatzbereitschaft besitzen, die auch durch Mißerfolge nicht ^erschüttert wird. Abscheu. Es soll dies nicht auf die Verfehlungen einzelner Juden gehen; denn sie sind wahrlich nicht so groß oder zahlreich, daß man das Recht hätte, uns zum Abscheu zu machen, und wir wür» den dazu auch geworden sein, wenn wir frei von jedem Fehler wären. Es geht vielmehr auf die Sünde der geringen Selbstachtung und der falschen Hoffnung, das Judentum, sei es das religiöse, sei es das nationale, abstreifen zu können, auf die Sünde, daß die Judenheit kein Zion mehr hatte und darum überall als fremd und als Eindringling betrachtet wurde; darum konnte sie zum Ab» scheu werden. Deshalb sollten wir, wenn wir dadurch auch noch nicht unser Geschick innerhalb des Völkerlebens selbst lenken können, doch wenigstens, die Fehler einsehend, eine Möglichkeit zur Selbsthilfe uns schaffen; sollten uns autraffen zu sprechen: Wir wollen zu« rückkehren; erneuere unsere Tage wie in alter Zeit. Das Selbst» bewußtsein stärken, sich als Jude fühlen, das soll der positive Erfolg der Klage am 9. Aw sein, die ja sonst keinen Wert hätte, sondern nur noch mehr niederbeugen würde. Wir wollen hoffen, dalb das Wort des Propheten Secharjah (8,19) sich doch einmal erfüllen werde: „Die Fasten im 4., 5., 7. und 10. Monat werden dem Hauet Juda zu 'lagen der Freude und «es Jubels werden, zu frohen Festzeiten." Dr. B a r o n , Kaiserslautern.