Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 12 (1.8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET D ER, RH EI N P F A L Z Nr. 12 durchsieht, ob sie hebräische oder deutsche handschriftliche Eintra» gütigen enthalten. Auch die Bücher mit solchen Eintragungen oder wenigstens die entsprechenden Blätter — natürlich mit genauer Herkunftsangabe — müssen erhalten, gerettet werden, weil sie vielleicht nützliche Aufschlüsse gewähren könnten. Unter den Sorgen des Tages mag die Sorge um Akten, Register, Bcschncidungshüchcr, Thorawimpeln und Bucheinträge merkwürdig und klein erscheinen, es wäre aber ein verhängnisvoller Fehler mul bewiese einen sträflichen Mangel an Voraussicht und Gemein» sinn, wollte man sich dieser Sorge verschließen. Jener Gemeinde» vorsieher, der erst kürzlich, bevor er nach Amerika auswanderte, das Archivgut seiner Gemeinde unaufgefordert dem Gesamtarchiv überwies, hat jedenfalls die Zeichen der Zeit verstanden und mag allen denen, die es angeht, zum Muster hingestellt sein. Zur Konferenz von Eviah teilt die Reichsvertretung der Juden in Deutschland mit: Wie bereits bekannt gegeben worden ist, waren während der Auswandcrungs»Konferen: Vertreter der jüdischen Wanderungs* Organisation in Deutschland unter Führung der Reichsvertretung mehrere Tage in Evian anwesend, nämlich das geschäftsführende Vorstandsmitglied der Reichsvertretung, Dr. Otto Hirsch, der Leiter ihrer Auswanderungsabteilung, Dr. Paul Eppstein, das Vorstands» mitglied des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Dr. Werner Rosenberg, und für das Palästina-Amt der Jewish Agency for Pa« lestine das geschäftsführende Vorstandsmitglied des Keren Hajessod in Deutschland. Dr. Michael Traub. Die jüdische Oeffentlichkeit . in Deutschland hat einen Anspruch darauf, zu erfahren, wie die Delegation ihre Aufgabe auffaßte und wie sie diese Aufgabe erfüllte. Es kam darauf an, darzutun, in welchem Umfang bei den Juden in Deutschland neben der Auswanderungsbereitschaft die Fähigkeit zur Auswanderung und zur Einordnung in den Ländern der Ein» Wanderung gegeben ist. Dabei wurde bedeutsames Zahlenmaterial über die Alters» und Berufsgliederung der Juden in Deutschland verwertet. Daß das Problem der Unterbringung von noch rund 200000 Juden aus Deutschland (und 100000 Juden aus Oesterreich) bei aktiver Mitwirkung der Einwanderungsländer auf längere Sicht nicht unlösbar sei, konnte aus der rund 150 000 Menschen umfas» senden jüdischen Auswanderung aus Deutschland seit 1933 bewiesen werden, einer Auswanderung die zwar zum Teil mit finanziellen Mitteln der ausländischen jüdischen Hilfsorganisationen, aber (mit Ausnahme von Palästina) ohne organisierte Bemühung der Einwan» derungslander selbst durchgeführt worden ist. Daran mußte sich der I Iinwcis auf die Notwendigkeit des Ausbaus der Einrichtungen ziy Vorbereitung der Auswandernden im Inland und Ausland durch verstärkte Zuführung zu den handarbeitenden Berufen an« schließen. Von besonderer Wichtigkeit war das finanzielle Prob' lern. Zu seiner Lösüng ist infolge der rapide fortschreitenden Ver» armung der Juden in Deutschland, aber auch wegen der Beschaffung der für die Einwanderung und Einordnung erforderlichen Devisen* betrage die Hilfe des Auslandes in noch stärkerem Maße als seither notwendig. Am Beispiel des Palästina» und des Altreu«Transfers konnte gezeigt werden, wie durch den Transfer von Eigenmitteln vermögender Auswanderer auch die Auswanderung minder» und unbemittelter Familien ermöglicht und gefördert werden kann. Schließlich wurde die Notwendigkeit sofortiger Ausarbeitung eines Auswanderungsplans und der beschleunigten Durchführung aller einzelnen Maßnahmen zur Verstärkung der Auswanderung mit besonderem Nachdruck betont. Die Delegation der Reichsvertretung hat diese Grundlagin für den erforderlichen Auswanderungsplan in einem mit statistischen ßeilagcn versehenen Memorandum zusammengefaßt, das der Kon» fercnzlcitung, einer Reihe von Regierungsdelegationen, sowie den großen jüdischen Hilfsorganisationen des Auslands (Council for German Jewry, Jca, Joint und Jewish Agency for Palesrine) über» reicht und dessen Inhalt in eingehenden mündlichen Darlegungen ergänzt wurde. Mit den Vertretern der Israelitischen Kultusge« meinde Wien konnte zuvor testgestellt werden, daß man in der Beurteilung der Aufgabe vollständig übereinstimme und daß diese Uebereinstimmung auch bei den Besprechungen zum Ausdruck gebracht werden solle. Besonders förderlich waren die Unterredungen mit den Ver« tretern der nordamerikanischen, der britischen und der franzö» sischen Regierung, den Herren Myron Taylor, Lord Winterton und Senator Herenger, sowie mit den Regierungsvertretern südameri« kanischcr Staaten. Dabei wurde die — inzwischen mit dem Sitz in London erfolgte — Gründung eines ständigen Ausschusses .mit einem eigenen Büro in Aussicht gestellt, dessen Leiter mit den Regierungen der Ein» und Auswanderungsländer in Verbindung zu treten haben würde, um die praktische Arbeit, die auf der Konferenz selbst nicht zu leisten war, zu sichern. Von Nordamerika wurde die Gewährleistung der vollständigen Ausnützung der Einwände» rungsquote von über 27 000 Menschen im Jahr in Aussicht gestellt Weitere konkrete Einwanderungsmöglichkeiten wurden mit den Regierungsvertretern von England, Frankreich und verschiedenen südamerikanischen Staaten erörtert. Von fast allen Seiten wurde darauf hingewiesen, wie wertvoll für Einwanderung und Eini» Ordnung landwirtschaftliche Berufstätigkeit sei, wobei das englische Kabin'ettsmitglied Lord Winterton, die Leistungen der jüdischen Landwirte in Palästina warm anerkannte. Die gegenwärtigen Em« schränkungen der Einwanderung nach Palästina seien auf die politische Lage zurückzuführen. Im Herbst, nach Vorliegen des Be« richts der Teilungskommission, werde man sich Uber die Aufhe» bung dieser Einschränkung schlüssig machen können. Jedenfalls halte England an der Balfour«Deklaration fest. Zur Erörterung von Massensiedlungsprojekten kam es nicht. Die Schwierigkeiten, die allgemein in der starken Arbeitslosigkeit in aller Welt und in dem Problem des Verhältnisses zwischen der Eingeborenen»Bcvölkerung und der weißen Einwanderung in den Kolonien liegen, wurden nicht verhehlt. Es war aber nicht zu verkennen, daß die Aussichten, bald zu praktischen Ergebnissen zu kommen, im Laufe der Konferenz immer günstiger beurteilt wurden. Die Reichsvertretung und die Auswanderungsorganisationen gewannen den Eindruck, daß sie mit dem bisherigen System der Förderung 'der Auswanderung und Auswanderungsvorbereitung auf dem richtigen Wege sind. Sie dürfen hoffen, daß die Tätigkeit des aus der Konferenz von Evian hervorgegangenen Ausschusses eine Intensivierung dieser Arbeit ermöglichen und zur Verstärkung und Beschleunigung des Auswanderungs«Prozesses führen wird. Aus aller Welt. Zum Heimgang Claude Montefiore. Erst vor wenig mehr als einem Monat konnten wir an dieser Stelle den 80. Geburtstag von Claude G. Montefiore erwähnen. Am 6. Juni feierte die jüdische Welt dieses Ereignis mit warmem Gedenken an die Leistungen des Jubilars. Sehr bald darauf wurde bekannt, daß er schon am Tage seines Geburtstags schwer erkrankt war und daß man Befürchtungen für sein Leben haben mußte. Er ist von seinem Krankenlager leider nicht mehr aufgestanden, son« dem am 9. Juli in London gestorben. Mit ihm verliert das Judentum einen großen Kämpfer für den religiös»liberalen Gedanken, den er mit Ehrlichkeit und Ueberzeugungskraft zu vertreten verstand. In der Geburtstagsfeier, die die Berliner Jüdische Gemeinde für Montefiore veranstaltete, kennzeichnete Dr. Baeck seine Person» lichkeit als die eines Menschen, der es ernst mit dem Judentum meint, der „das Judentum auf die Schulter nimmt". Als diese unumstrittene reine menschliche Persönlichkeit wie auch als der Verfasser wichtiger gelehrter Schriften wird Montefiore im Gedächt» nis des jüdischen Volkes fortleben. 'Prof. Siegmund Freud wurde zum Mitglied der Royal Society in London ernannt. Der Q. Aw. Wer im Sommer zur Erholung eine gebirgige Gegend aufsucht, der besichtigt wohl auch gern Ruinen alter Burgen. Staunend be» trachtet er die Trümmer und liest in seinem Baedeker oder läßt sich von einem Führer von der einstigen Pracht der Burg, dem Ruhm der Fürsten, welche ehemals dort herrschten, und dem schließlichcn Untergang des Hauses berichten. So unternimmt die Judenheit im Geist alljährlich im Sommer einen Ausflug nach dem gebirgigen Land Palästina, versetzt sich am 9. Aw auf den Berg Zion, wo einst der Tempel gestanden; von dem nur noch ein kleiner Rest zu sehen ist, die Klagemauer, die ja auch von jedem Tourist aufgesucht wird und an der ge» rade an diesem Tag zahlreiche Juden sich einfinden, um ihr Herz in Klageliedern zu ergießen. Zu unserer Orientierung über die Geschichte dieser Ruine dient das Buch Echa des Propheten Tere» mia, der einst auf den Trümmern des Tempels in diesen Klage» Hedem seinem Schmerz Ausdruck gegeben: 1 „Ach, wie liegt so einsam die Stadt, die einst so volkreich warl Einer Witwe ist sie gleich geworden! Die Herrin der Völker, die Fürstin der Städte muß Frondienste leisten". „Ausgewandert ist Juda vor Elend und schwerem Dienst: es weilt unter den Völ» kern, findet keine Ruhe; alle seine Verfolger holten es ein in der Bedrängnis". „Die Wege Zions trauern, weil niemand zu, den Festen kommt". „Es zog Von der Tochter Zion all ihre Herrlich» keit aus". , Jerusalem denkt an die Tage ihres Elends und ihrer Irrsal, an all ihre Herrlichkeiten seit den Tagen der Urzeit, als ihr Volk in die Hand des Bedrängers fiel und keiner ihr half. Die Bedränger sahen zu und lachten über ihre Niederlagen. Schwer hat Jerusalem gesündigt, darum wurde sie zum Abscheu". „Ueber dich schlugen alle, die des Weges vorüberzogen, die Hände zu« sammen, zischten und schüttelten das Haupt über die Totdhtor Jcrusalem: Ist das die Stadt, die man genannt hatte Schönheit der Krone, Wonne der ganzen Erde?" „Auf der Erde liegen in den Straßen Knabe und Greis; meine~Jungfrauen und meine Jüng» lirige fielen durchs Schwert; du hast gemordet am Tag des Zorns, geschlachtet ohne Erbarmen". — Warum willst Du uns für immer vergessen, Ewiger, uns für der Tage Dauer verlassen? Führe uns zu Dir zurück, auch wir wollen zurückkehren; erneuere unsere Tage wie in alter Zeit". / Diese .Klage ertönt alljährlich am 9. Aw in den jüdischen Gotteshäusern aller Länder; eine solche Stimmung erfüllt den Juden stets an diesem Tag, besonders weil auch gerade an ihm der zweite Tempel, von welchem die Klagemauer als Rest übrig geblieben ist, zerstört wurde, wodurch wiederum das Geschick besiegelt wurde, und zwar nun für fast 2000 Jahre: Ausgewandert ist Juda vor / »/