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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-08-01 · 12 (1.8.1938) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
12 (1.8.1938)
Date
1938-08-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz Organ des Verbandes der Israelitischen Kultusgemeinden der Pfalz Herausgeber: Verband der israel. Kulrusge mein den der Pfalz, Landau/Pfalz. Verlag: Heinrich Wildmann, Philippsburg. Verantwortlich f. d. Inhalt: Kurt Metzger, Landau, Gfacisstr. 9 s Angemeldet beim Sonderbeauftragten des Reichsministers für . Volksaufldärung und Propaganda betr. Ueberwachung der geistig und kulturell tätigen Juden im deutschen Reichsgebiet Erscheint monatlich 1. August 1938 / niPD 2N 1 CT* 1. Jahrgang / Nr. 12 Schützt Euer Archivgut! von Dr. J. Jacobson, Leiter des Gesamtarchivs der Juden in Deutschland. In den Zeiten, die hinter uns liegen, war es nicht immer leicht, Verständnis für die Arbeit zu erwecken, die ein jüdisches Archiv zu leisten hat. Der Wechsel der Verhältnisse hat auch darin gründ» lieh Wandlung geschaffen Freilich liegt dem weniger die theore» tische Einsicht zugrunde, daß aus den Akten der jüdischen Ge» meinden, Vereine und Verbände ein Weg hinüber führt zur Er» kenntnis jüdischer Vergangenheit und jüdischer Gegenwart, es waren vielmehr Erfahrungen und Erwägungen rein praktischer Art, die die Stellung des jüdischen Publikums gegenüber dem jüdischen Archiv geändert haben. Neigung und Notwendigkeit haben gerade in den letzten Jahren unendlich viele veranlaßt, den Ursprung ihrer Familien nachzu« forschen und Verwandschaftsverhältnisse urkundlich nachzuweisen, und täglich wächst der Kreis derer, die sich Papiere über ihre Ab* stammung beschaffen müssen oder mit Hilfe solcher Papiere jähr« zehntelang abgerissene Familienbeziehungen wieder anknüpfen wollen. Sie alle wissen heute, was es zu bedeuten hat, daß in jahrzehntelanger Sammelarbeit das Schriftgut so mancher alten jüdischen Gemeinde geborgen, wurde, deren Existenz in unseren Tagen abge schlössen ist oder früher schon abgeschlossen war. Sie können aber auch ermessen, wie durch die Vernachlässigung des Archivschutzes nie wieder gut zu machender Schaden angerichtet wurde, und werden deshalb begreifen, daß gerade jetzt Unterstützung des Archivschutzes die Pflicht der Stunde ist. Daß die jüdischen Archive dieser Pflicht zu genügen suchen, ist selbstverständlich, und man brauch.lt kaum besonders hervorzu* heben, daß sie alles tun, was in ihrer Macht steht, um rechtzeitig die Akten und Register aufzufangen, die heute in jüdischen Gc* meinden Deutschlands frei werden. Antrieb für diese Bemühungen ist für das jüdische Archiv natürlich auch der Wunsch, in ver» stärktem Maße den Anforderungen genügen zu können, die von der täglichen Praxis gestellt werden. Jeder Archivbestand und jeder Archivzugang wird mit danach bewertet, was Cr an personen» und familic-ngeschichtlich Bedeutsamem und Auswertbarem enthält. Und wie vielseitig ist das Material, das in günstigem Falle aus dem Archivgut jüdischer Gemeinden für familiengeschichtliche Nach' Weisungen zur Verfügung gestellt werden kann! In erster Linie sind da die sogenannten Personenstands* r'egister, jene Register, in denen die Geburten, Trauungen und Stcrbefälle eingetragen sind. Dazu kommen Personenstands» aufnahmen über den genauen mit Geburtsdaten versehenen Be* stand einer Gemeinde in einem bestimmten Augenblick ihrer Ent* wicklung und auf der anderen Seite Gräberverzeichnisse. — Steuer* und Wählerlisten, Schüler" und Gewerbevtrzeichnis.se, Mu» stcrungsrollen und Register über den Erwerb der Synagogenplätze, Zugangs* und Abwanderungslistcn, Akten mit Personalnotizen, sie alle werden dem willkommen sein, der den Spuren seiner Vorfahren nachgeht und Nachweisungen über Leben und Stellung seiner Eltern beizubringen hat. Dankbar wird er es begrüßen, wenn er für seine Forschungen einen festen Rückhalt dadurch gc winnt, daß er die Nameh der Ahnen in Listen wiederfindet, die aus der Zeit stammen, als die Juden feste Familiennamen annahmen. Führt die Ahnenreihe aber, wie so häufig, nach der Provinz Posen, so treten an die Stelle der Namcnlistcn jene Akten und Listen über Naturalisation und Duldung, die im Zuge der Sondergesetzgebung für die Provinz Posen (1S33—48) entstanden. Je mehr Akten und Register dieser Art an einer Stelle ver» einigt sind, desto leichter wird es sein, einen großen Kreis von Menschen mit Auskunftserteilungen, Urkundenausstellungen und Urkundenbeschaffungen behilflich zu sein. Wenn also das Ge« siamtarchiv der Juden in Deutschland drei Jahrzehnte hindurch Akten, Familienrcgister und Namenslisten gesammelt hat, so sieht es heute seine Sammelarbeit dadurch belohnt, daß es Wege weisen und helfen kann. Und wenn es sich weiter bemuht, das Archivgut jüdischer Gemeinden Deutschlands zu retten und vor sinnloser Ver» zettelung zu sichern, so ist das ein notwendiges und berechtigtes Bemühen. Diese Sammelarbeit des Gesamtarchivs aber läßt sich nur dann erfolgreich durchführen, wenn alle sie fördern, die es können und die es müßten. Man möchte kaum annehmen, daß heute noch auf Böden, in Speichern, in Truhen, in Schränken alter Geracindcstuben wichtige Gemeindeakten und Personenstandsregister aus älterer Zeit unbeachtet lagern und verkommen. Es dürfte trotzdem nicht zu viel verlangt sein, wenn man anregt, daß überall, nicht bloß in den kleinen Gemeinden, nocheinmal alle Stellen durchstöbert würden,, wo sich möglicherweise altes Archivgut finden könnte. Man ist da früher nicht immer mit der nötigen Sorgfalt vorgegangen und hat es leider selbst dann versäumt, das Archivgut in Sicherheit ZU bringen, wenn Synagogen und Gemeindehäuser veräußert wurden. Verluste wichtigen und unersätzlichen Schriftgutes sind nur dann wirklich zu verhüten, wenn rechtzeitig die Dokumente der Gemeinden dem Schutz des Archivs übergeben werden. Es ist jedenfalls höchst unzweckmäßig, die einer ganz beson» deren pfleglichen Aufbewahrung bedürftigen Geburts«, Trainings' und Sterberegister auch dann noch in Zwerggemeinden zu belassen, wenn nur wenige jüdische Familien noch am Orte sind oder gar nur noch eine einzige jüdische Familie dort wohnt. Es ist nicht immer leicht, diejenigen, die in solchen Zwerggemeinden über das Archiv» gut, besonders die Personenstandsregister, verfügen, davon zu über» zeugen, daß es ihre Pflicht ist, jetzt sofort das Archivgut den Archiv» Sammelstellen, in erster Linie dem Gesamtarchiv in Berlin zuzu» führen. Viele, die aus diesem heute zu Zwerggemeinden zusammen» geschrumpften jüdischen Gemeinden stammen, wohnen jetzt" in größeren Gemeinden, nicht zuletzt in Berlin. Ein Zuspruch von ihrer Seite wird gewiß Gehör finden und Scheingründe falsch ver» standencr Pietät besiegen. Wenn erst überall begriffen wird, daß Archivschutz not tut und alle verfügbaren Hilfsmittel der Familienforschung gesichert und ausgenützt werden müssen, dann wird wohl auch noch" manch ein wertvoller Aktenband und manch wichtiges Register, das bisher in Privatbesitz ^verblichen war, der Allgemeinheit durch Uehergabc an das Archiv zur Verfügung gestellt werden. Dann werden auch w'ic man hoffen darf, in weit größerem Maße, als bisher, aus dem Erbgut jüd. Familien die alten Beschneidungsbucher auftauchen, in denen fromme Vorfahren sorgfältig die von ihnen vorgenom» menen Beschneidungen aufgezeichnet haben. Die jüdischen Ar» chive müssen diese Bücher zumindest kennen. Sic imüsscn sich Abschriften von ihnen anfertigen können, wenn sie sie nicht zu erwerben vermögen. Denn gerade die Nachrichten dieser Beschnei' dungsbucher sind häufig ein Schlüssel zur Erforschung schwieriger Familienzusammenhänge. Sie sind besonders wichtig für die Fa» miliengeschichte der verstreut auf dem Lande ansässig gewesenen jüdischen Eamilien und aufschlußreich für die W.inderungs» geschichte der Juden. Zeitlich über sie hinaus reichen häufig noch die Thorawim peln, die besonders in-'Mittel», West» und Süddeutschland üblich waren. Auf diesen bemalten oder bestickten Thorabändern finden sich die Geburtsdaten der Knaben, in deren Namen diese Wimpeln dem Dienste der Synagoge geweiht wurden. Sie stellen daher einen, allerdings mit Schwierigkeiten deutbaren, Ersatz für alte Gcburts» register dar./und müssen deshalb wenigstens soweit es sich um altere Stucke handelt, vor der Vernichtung geschützt «erden. Im Gesamt archiv der Juden in Deutschland sind Lausende dieser, Wimpeln — besonders aus Hessen Nassau — aufbewahrt. Diese Sammlungen zu vermehren, ist ebenfalls Aufgabe des Archiv Schutzes, und auch hierbei kann das jüdische Publikum .durch »Einwirkung »nif die Heimatgemeinden helfend mitwirken/ \ I läufig schon schien eine familiengeschichtliche .Forschung ret» tungslos versanden zu müssen, da tauchte plötzlich ein bisher nicht beachtetes hebräisches Gebet oder Studierblich auf, in dem hiogra» phische Daten, Geburten von Kindern, Sterbetage von Eltern, Groß» eitern und Urgroßeltern In hebräischen Lettern verzeichnet waren — und die Forschung war über den toten Punkt hinwegkommen. In den vielen kleinen Gemeinden, die jetzt zusammenschrumpfen und zum Erliegen kommen, finden sieh unzählige hebräische Bücher in den kleinen Synagogen und ihren Lernzimmern. Es gehört eben' falls In das Gebiet des Archivschutzes, daß man diese Bucher, ob sie nun gut erhalten oder schon stark zerlesen sind, daraufhin genau

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