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Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz · 1938-07-01 · 11 (1.7.1938) · p. Seite 4

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Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
Volume
1 (1937 - 1938)
Issue
11 (1.7.1938)
Date
1938-07-01
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Nr. 11 mcngefaßt. Zunächst sind 'folgende Gruppen gebildet worden: Textilindustrie, Bekleidungsindustrie, Leder« und lederverarbeitende Industrie, Großhandel, Einzelhandel. Die Adebe wird ihrer Mit' gliederzahl nach viele tausend Firmen umfassen. Mitglied des Vereins kann jeder Inhaber eines Unternehmens der Spinnstoff«, Bckleidungs« und Lederwirtschaft werden, sofern er nicht Jude oder Mischling ist oder solche Personen als Gefolg« schaftsmitgliedcr oder als Vertreter, Agenten oder Berater beschäf« v tigt. Ausschlaggebend sind in jedem Falle die Nürnberger Gesetze. Bei einem Unternehmen mit mehreren Inhabern müssen diese Vor« aussetzungen in der Person sämtlicher Inhaber erfüllt sein. Für juristische Personen gelten diese Vorschriften für die Geschäfts« fuhrer. Direktoren, Kommanditisten, Anteilbesitzer, Aktionäre, Ge« npssen usw. Das Anhänge«Etikett der „Adefa" ist in diesen Tagen in den Schaufenstern des arischen Einzelhandels erschienen. Es bezeich» net Ware, die vom Weber bzw. Wirker über den Bekleidungsfa« brikanten bis zum Einzelhändler nur durch arische Hände gegangen ist, denn die Mitglieder der „Adefa" haben sich ver« pflichtet, alle Verbindungen mit jüdischen Lieferanten, Vertretern und Kunden abzulehnen. Die in der „Arwa" Lieferungs« und Wirtschaftsgenossenschaft deutscher Mützenfahrikanten e. V. zusammengefaßten über 40 arischen Mützenfabrikanten sind der Adefa beigetreten und haben sich verpflichtet, vom 1. Juli 1938 an ihre Erzeugnisse mit dem Zeichen für Ware aus arischer Hand zu kennzeichnen. Renn betrieb: Der Reichs« und Preußische Minister für Ernährung und Land* Wirtschaft hat folgenden Zusatz zur Trabrennordnung erlassen: „Personen, die nicht als Reichsbürger im Sinne der Ersten Verord* nunp zum Reichsbürgergesetz vom 14. November 1935 — Reichs« gcsetzblatt I 1935 S. 1333 — gelten, sind vom gesamten Rennbetrieb ausgeschlossen. Diese Bestimmung gilt nicht für Angehörige frem« der Staaten." Die gleiche Bestimmung findet sinngemäß für den Empfang von Züchterprämien Anwendung. Die Aenderungen sind am 10. Juni in Kraft getreten. s Personenstandsgesetz. Die erste Ausführungsverordnung zum neuen -Personenstands« fcsetz enthält Einzelanweisungeh, wie die neuen Familien», Ge* urten« und Sterbebüchcr aufzustellen sind. Die frühere Zugehö* rigkeit zu einer jüdischen Religionsgemeinschaft wird in innen vermerkt. Bei den Angaben über die Eltern der Ehegatten und den Angaben über die Ehegatten wird die rassische Einordnung ver« merkt. Als Zeuge soll bei der Eheschließung ein Jude nicht mit« wirken, wenn die Verlobten deutschen oder artverwandten Blutes oder Mischlinge zweiten Grades sind. Abbruch der Synagoge in München. Im Rahmen der baulichen Neugestaltung des Münchener Künstlcrhauses wurde mit dem Abbruch der großen Synagoge begonnen, die in unmittelbarer Nähe des Künstlerhauses liegt. Die jüdische Kultusgemeinde hatte schon am Montag mit dem Ausräu* men der Synagoge begonnen. Der freiwerdende Platz wird als Parkplatz Verwendung finden. Den Münchener Juden «stehen noch eine kleinere Synagoge und ein Betsaal, zur Verfügung. Keine Juden an den Börsen. Der Reichswirtschaftsminister hat mit, Erlaß vom 20. Juni 1938 die Abänderung der Börsenordnungen sämtlicher deutscher Börsen und Amtlichen Großmärkte dahingehend veranlaßt, daß Juden nicht mehr zum Börsenbesuch zugelassen werden. Da« mit entfallen zugleich die bisherigen Zulassungen von Juden. Um den fortschreitenden Arisierungsprozeß bei den zum Börsenhandel zugelassenen Firmen nicht zu stören, ist bis auf weiterers die Möglichkeit gegeben, daß sich die jüdischen Firmen durch nicht* jüdische Prokuristen oder Bevollmächtigte an den Börsen und Großmärkten vertreten lassen. Hausgemeinschaft mit Juden. Das Oberkommando der We h r m a ch t hat in Richtlinien be* stimmt, daß Angehörige der Wehrmacht die Mietung von Wohn» räumen in Wohnungen, deren Inhaber Juden sind, zu unterlassen haben, und daß die Mietung von Wohnungen in Häusern, deren Eigentümer oder Miteigentümer Juden sind, unerwünscht ist. Juden in Badgastein und Reinerz. Die!Kurkommission Badgastein teilt mit: Unter Zugrunde** legung des Erlasses des Reichsministers des Innern vom 24. Mai werden den staatlichen und gemeindlichen Trägern der Kurein» richtungen für die Aufnahme jüdischer Kurgäste Beschränkungen auferlegt. Es war in der kurzen Zeit nicht möglich, die für Juden notwendigen separaten Kuranlagen zu schaffen. Badgastein kann daher den jüdischen Gästen nicht die Bequemlichkeit bieten, auf die sie als Kurgäste Anspruch erheben können und ist daher nicht in der Lage,' jüdische Kurgäste aufzunehmen. Die am Tage dieser Verlautbarung in Badgastein weilenden jüdischen Kurgäste können ihre Kur noch unbehindert beenden. Die Kurverwaltung von Bad Reinerz hat die Bestimmung ge* troffen, daß Juden das Betreten des Kurparkes nicht gestattet ist. Sämtliche im Prospekt von Reinerz verzeichneten Häuser bezeich* nen Juden als unerwünscht. Jüd. Auswandererlehrgut Groß'Breesen. Im Jüd. Auswandererlehrgut Groß*Breesen über Obernigk* Schlesien werden in den nächsten Monaten durch Auswanderung einige Plätze frei. Es werden Jungen und Mädchen im Alter von 15 bis 23 Jahren aufgenommen. Anfragen sind möglichst bald an den Leiter, Prof. Dr. Curt Bondv, zu richten. Aus der Pfalz Erholungsaufenthalt für Kinder. Bei allen Sorgen des Tages dürfen und wollen wir nicht ver« gessen, wie über alles wichtig das gesunde, ja auch frohe Gedeihen unserer Kinder, ihre ungestörte körperliche und seelische Entwick* lung ist. — Während der nahenden Ferien sollen Stadtkinder auf dem Lande in gesunder Luft und bei einfacher, aber kräftiger Kost sich körperlich erholen. Kinder aus abgelegenen Kleingemeinden sollen in den Städten eine Möglichkeit haben, die Not, die zu Hause herrscht, für einige Zeit zu vergessen"'und vor allem einmal mit anderen jüdischen Kindern zusammen zu sein, da ihre Verein* samung ihr größtes Leid bedeutet. Wir bitten unsere pfälzischen Glaubensgenossen gewissenhaft und mit vollem Bewußtsein ihrer Verantwortung gegenüber unserer Gemeinschaft zu überlegen, wie sie hier helfen können: Durch Aufnahme eines Gastkindes während der Ferien für 3 bis 4 Wochen oder durch eine angemessene Geldspende, welche uns die Unterbringung eines Kindes in einem Heim ermög« licht. — Die für die Aufnahme in Frage kommende Zeit wolle dem Gemeindevorstand mitgeteilt werden. Dieser nimmt auch die Geld' spenden entgegen. Wir bitten eine' Entschließung umgehend zu treffen. Wohlfahrtsstelle des Verbandes der Israelitischen Kultusgemcinden der Pfalz. Auswandererberatung Die Sprechstunden des Auswandererberaters finden für die Juden in der Pfalz in Mannheim E 7, 28, Dienstags 'und Freitags von 9.30 bis 12.30 Uhr statt. — Ferner findet am Montag, den 11. Juli, vormittags von 10 bis 12 Uhr in Landau, Schützengasse 4, eine Sprechstunde des Aus* Wandererberaters statt. Die Zelte Jakobs. Auch nach dem Untergange ihres Staates hielten sich die Juden alle die Jahrhunderte hindurch abgesondert von den Völkern, in deren Mitte sie kamen. An der geschichtlichen Stellung Israels unter den Völkern, die mit graduellen Unterschieden immer die gleiche war, und die im Wesen des Judentums begründet ist, bewahrheitet sich das Segenswort des Bileam (4. Buch Mose, 23,9). Diese „Absonderung" freilich, welche die Juden selbst ,als not* wendig erachteten, bedeutete keineswegs immer Abschluß gegen die Kultur der sie umgebenden Welt, sie diente jedoch der Erhal« tung und Bewahrung ihrer geistigen, vor allem ihrer religiösen Eigenart Und der Sicherung ihrer Existenz. Nicht der Existenz der einzelnen Juden: diesen wäre es oft besser gegangen, hätten sie die herrschende Staatsreligion angenommen, die der Griechen, der Römer, später das Christentum oder den Islam. Aber indem sie dem Judentum die Treue wahrten, d. h. also gerade mit ihrer Entscheidung und ihrer Tat, durch welche sie als Juden in der Absonderung verharrten, erhielten sie das lebendige Judentum, sicherten sie die Existenz und die Dauer der jüdischen Gemein* schaft. So ist die Absonderung Israels, seit'Bileams Tagen und alle Jahrtausende bis auf den heutigen Tag, nicht nur die Ursache un« sercs immer sich wiederholenden Leids, sondern zugleich der Ga* rant unseres Fortbestandes, unserer Ewigkeit und Unsterblichkeit. Mit der von Gott gewollten Andersartigkeit des jüdischen Stammes hängt sein schweres Schicksal zusammen, dem sich heute keiner von uns entziehen kann, das heute jeder von uns bis in die letzten Einzelheiten seines Berufs« und Privatlebens verspürt. Und wenn die letzten drei Tage des jetzt beginnenden Kalendermonats mit den ersten drei Tagen des jüdischen Monats Aw zusammen» fallen, so darf gesagt werden: wir alle waren vielleicht noch nie so eingestimmt auf den Trauertag des neunten Aw wie jetzt in den Zeiten wirtschaftlichen und sozialen Abstiegs und der vielfachen Trennung vom Lande unserer Geburt, von unserer Heimatgemeinde, vom Kreise unserer Verwandten und Freunde, von unseren Kin» dem; und auch unter der Jugend herrscht viel Ratlosigkeit und Ausweglosigkeit. Und doch ist der Tischa b'Aw nicht nur ein Traüertag, sondern er gilt mit Recht als der Geburtstag des Messias. „Tröstet, tröstet mein Volk", ist sein Ausklang, und nur wer die Wahrheit dieses Prophetenwortes hinzunimmt zur Betrachtung des jüdischen Schicksals, weiß erst das Ganze über das Judentum und über sich selbst. / Jedesmal, wenn Jsrael dazu neigte, sich völlig der Umwelt anzupassen, sich selbst aufzugeben, ging es unter. Das an Samuel gerichtete Verlangen nach einem weltlichen König war Abfall vom Bunde mit Gott, und nach kurzem Aufstieg folgte die Reichs» teilung, moralischer und religiöser Verfall, Untergang. Nach der Rückkehr der Juden aus Babylon hatte Serubabel den neuen Staat

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