Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für das Gebiet der Rheinpfalz
- Volume
- 1 (1937 - 1938)
- Issue
- 11 (1.7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/4903956-4931894-4931980--109-4904054- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 11 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR DAS GEBIET DER RHEINPFALZ Seite 3 Guter Rat ist — billig! Wer heute im öffentlichen jüdischen cLeben steht, wer die Ar' beit der Organisationen kennt und mit ihren Leitern Fühlung hat, der ist von - der Ueberzeugung erfüllt, daß «Auswanderung nicht nur das beherrschende Unterhaltungsthema, sondern das über« ragende jüdische Tagesproblem geworden ist, zu dessen öffentlicher Erörterung, wo immer dazu sich Gelegenheit bietet, unsere Menschen mit gespanntem Interesse von Uberall her zusammenkommen. Das haben z. B. auch die zahlreichen jüngsten Vortragsveranstaltungen des Hilfsvereins im Reiche besonders deutlich gemacht: sie waren durchweg sehr stark besucht. Dringende Bitten vieler jüdischer Gc< meinden, weitere Vorträge zu veranstalten, liegen vor; ihnen wird im Rahmen des Möglichen entsprochen werden. Im übrigen aber sprechen die Besucherzahlen in den 16 Beratungsstellen des Hilfs* Vereins, der ja heute die zentrale Organisation für die nichtpalä« stinensische jüdische Auswanderung ist, «ine beredte Sprache: Tag' lieh 600 Ratsuchende und mehr in Berlin und im Reiche, die den Beratern immer •wieder dieselbe schicksalsvolle Frage vorlegen: „Wohin kann ich auswandern? Was muß ich tun, um in das Land zu gelangen, daß ich gemäß dem Rat des Hilfsvereins als meine neue Heimat erwählen will?" Aber nicht nur die Zahl der Fragesteller hat sich in den letzten Monaten vervielfacht und damit dem Hilfsverein eine organisa» torische und bevölkerungspolitische Aufgabe gestellt, wie wohl noch keiner anderen jüdischen Organisation zuvor; es ist vielmehr gleichzeitig ein tiefgreifender Wandel in der Zusammensetzung des ratsuchenden Publikums zu verzeichnen. Während sich bisher überwiegend Minderbemittelte oder Mittellose an den Hilfsverein wandten, um mit seiner Unterstützung die Auswanderung durch' zuführen, steigt neuerdings auch von Tag zu Tag die Zahl derer, die auf eine solche finanzielle Hilfe nicht angewiesen sind, sondern seinen Rat und seine Erfahrungen beanspruchen. Viele Kapita listen nehmen jetzt Veranlassung, ihre Auswanderungspläne mit den Beratern des Hilfsvereins zu besprechen, und in vielen Fällen, haben sie dadurch überhaupt erst Klarheit über ihr zum Teil noch nebelhaftes Vorhaben erlangt. Ob schon jahrelang Mitglied, ob erst kürzlich beigetreten oder bisher noch abseits stehend, sie alle haben mit Hochachtung und wohl auch mit einem gewissen Stolz, daß jüdischer Gemeinsinn ein solchcs^Hilfswerk geschafften hat, die Beratungsstelle verlassen, die ihnen kostenlos aus dem Schatze ihrer Kenntnisse und Erfah' rungen kostbares Wissen und wertvolle Ratschläge gespendet hat. Sic haben auch fast alle begrifffen, daß man das Seine tun muß, um den Hilfsverein in den Stand zu setzen, jeden unter uns be» raten zu können und ihm, wenn es Not tut, den Weg nach draußen zu ebnen. Viele Tausende sind im abgelaufenen Jahre Mitglic« der des Hilfs Vereins geworden, weil sie erkannt haben, daß es um ihre eigenen Interesse geht, deren Anwalt und treuhänderi' , scher Berater der Hilfsverein istv Mancher erkennt das freilich erst, wenn er dem Berater gegenübersitzt, wie jener Zeitgenosse, der allen Anforderungen zum Beitritt bisher siegreich 'widerstanden hatte, bis er unverhofft im Beratungszimmer dem Manne gegenüber' saß, der immer wieder versucht hatte, ihm zu besserer Erkenntnis zu verhelfen.. Kein Argument hatte verfangen, 'auch nicht die Mahnung, daß er eines Tages selbst genötigt sein könnte, Rat zu erbitten. — Nun war es soweit, er lächelte ein wenig verlegen, ging in sich, zog die Brieftasche und wurde Mitglied! Mögen die Leser unseres Blattes schon früher zu der Er» kenntnis gelangen, daß jede Mark, die sie dem Hilfsverein als Mitgliedsbeitrag geben, produktiv angelegt ist für den Aufbau neuer Existenzen unserer auswandernden Brüder und Schwestern. Man sage nicht, daß diese Mittel durch den „Apparat" verschlungen würden: dieser „Apparat", der überdies relativ klein ist, ist pro» duktiv und macht sich hundertfach bezahlt, wenn ihm nur Jeder Gelegenheit gibt, sich an ihm zu bewähren I Gewiß braucht der Hilfsverein Mitglieder, und natürlich zahlende Mit' glieder; er kann aber seine beispiellose Verantwortung, unsere Aus» wanderer -bevölkerungspolitisch richtig zu lenken und sie nach ihren Fähigkeiten und Möglichkeiten wieder seßhaft zu machen, nur dann tragen, wenn niemand auswandert, ohne vorher den* Rat des Hilfsvereins in Anspruch genommen zu haben. Es ist nicht nur das Recht jedes in Deutschland ansässigen Juden, den Hilfsverein um Rat anzugehen, vielmehr hat Jeder gegenüber der jüdischen Gesamtheit die unbedingte moralische Pflicht, sich dieses Rates zu bedienen, damit nicht eine „wilde" planlose Aus« Wanderung Platz greift, die alles mit unendlicher Geduld, Intel' ligenz und Mühe schon Erreichte zunichte macht und die Verwirk' lichung noch größerer Zukunftsaufgaben gefährdet. IDie Nichtbe' folgung dieses Rates führt überdies nur allzuleicht zilr Außeracht' lassung wichtiger gesetzlicher Formalitäten, die zur Einteilung eines Visums seitens des Einwanderungslandes gefordert werden, und damit oft zu Geld und Zeitverlust für den Auswanderungswilligcn. Häutig werden aber auch bei der Einwanderung selbst in Unkennt' nis der Zollvorschriften oder der wirtschaftlichen Verhältnisse' im Einwanderungslande Fehler begangen, die den Einwanderer außerordentlich teuer zu stehen kommen. Mitglied des Hilfsvereins zu werden ist notwendig und ehren» voll. Unerläßlich aber ist es, sobald der Entschluß zur Auswanderung gefaßt ist, seinen Rat in Anspruch zu nehmen. Hier ist guter Rat billig! Dr. E. B. Von jüdischer Laienseelsorge. Es sind schon Stimmen .laut geworden, die es ablehnten, daß es eine Seelsorge innerhalb der jüdischen Gemeinschaft gibt, weil wir diesen Begriff nur von der Umwelt her kennen würden und ihn dann ins Judentum verpflanzt hätten. Diese Ablehnung sowie ihre ^Begründung sind durchaus ungerechtfertigt'. Bereits Prof. C o rn i 11 hat in seiner vor vier Jahrzehnten veröffentlichten Schrift „Der israelitische Prophetismus" bei der Besprechung des Propheten Ezechiel darauf hingewiesen, daß der Begriff der Sccl' sorge und die Erkenntnis der Verpflichtung zu dieser sich zuerst in der Menschheitsgeschichte bei diesem Propheten finden würde. Auch im Hinblick auf die Verfasser einer Reihe von Psalmen dürfen wir sagen, daß sie wahrhaft seelsorgerischc Arbeit geleistet haben, wenn sie mit ihren Trostgedichten an ihre Zeitgenossen, die so oft der Aufrichtung bedurften, sich gewendet hatten. Auch im nach' biblischen Judentum hörte die Seelsorge nicht etwa auf. Die Rab» binen, welche die Aggadot verfaßt haben, die Autoren der agga» dischen Midraschim, die Paitanim, die der Aggada in unserem Gebet' buch Eingang verschafften, hatten in ihrer umfangreichen literarischen Tätigkeit ganz besonders auch von seelsorgerlichcn Ge» Sichtspunkten sich leiten lassen«. Welche Fülle .scelsorgcrlichir Arbeit von den Rabbinern und Lehrern unserer Gemeinden schon immer und heute erst recht geleistet wird, da nicht nur materielle sondern auch seelische Not in breitesten Schichten der jüdischen Gemeinschaft anzutreffen ist, braucht gewiß nicht erst hervorgeho' ben zu werden. Zu dieser Seelsorge, die von den Rabbinern und Lehrern aus' geübt wird, tritt noch eine andere, die sich gleichfalls zur Aufgabe stellt, der seelischen Not, wo auch immer sie sichtbar werden sollte, entgegenzutreten und sie nach Möglichkeit zu lindern, die Laien» scelsorge, wie sie von den großen Organisationen im Reich in allergrößtem Ausmaß ausgeübt wird. Ich nenne nur die Zentral» wohlfahrtsstcllcn der Landesverbände und Gemeinden, deren Dach» 'Organisation der Zcntralausschuß für Hilfe und Aufbau bei der Reichsvertretung der Juden in Deutschland, der in allen größeren Gemeinden Beratungsstellen eingerichtet hat und soeben einen sehr beachtenswerten Beruht überfeine Tätigkeit im Jahre 1936 37 ver» öffentlichte. Allerdings wird z. B. von dem Hilfsvercin der Juden in Deutschland in .sehr vielen Fällen (bei Auswanderung und Um» Schichtung unserer jüdischen Menschen) materielle Hilfe geleistet. Es kommen aber zum Ililfsvcrein und auch zu den Beratungsstellen der anderen Organisationen diejenigen, die gar keine materielle Hilfe benötigen, weil sie ihre Auswanderung oder ihre Ümschich» tung selbständig finanzieren können, die aber dessen ungeachtet beraten und auch seelisch beraten werden wollen. Ich möchte diese Laienseelsorge, eine vorzügliche Ergänzung der von Rabbinern und Lehrcrh getätigten Seclsorge, als ein äußerst Wichtiges bezeichnen, weil sie von Menschen ausgeübt wird, die auf Grund von Spc» zialsachkcnntnissen auf verschiedensten Gebieten und auf Grund reicher Erfahrungen Rutschläge zu erteilen in der Lage sind. Es scheint mir eine Forderung der Stunde zu sein, daß die Laienscel» sorge noch weiter ausgebaut werde. Dies wird allerdings nur dann möglich sein, wenn diejenigen innerhalb der jüdischen Gemein» . schaff, die noch irgendwie dazu in der Lage sind, jene erwähnten Organisationen zu unterstützen, denen die Laienseelsorge anvertraut ist, restlos ihre Pflicht tun. Rabbiner Dr. Ernst Stcckclmacher, Ludwigshafen Rh. v Aus aller Welt. In London fand eine Versammlung der Leitung der World Union for Progressive Judaism unter Vorsitz von Rabbi Jsrael Mat» tuck statt. Die Tagung beschäftigte sich u. a. mit der religiösen Situation in Palästina Das Palästina»Komitec der World Union for Progressive Judaism hat einen Aufruf erlassen, die Bewegung zur Schaffung progressiver jüdischer Gemeinden in Palästina zu unter» stützen. Aus dem Reich. Aus Nr. 7, .17, 43, 47, 48, 50 des Jahrgangs 43 der „Jüdischen Rundschau' entnehmen wir: Erweiterung der „Adefa" Die Arbeitsgemeinschaft dcutsch»arischcr Fabrikanten der Bc< kleidungsindustric hat eine Erweiterung erfahren. Im Hause der Fachgruppe Textil, Bekleidung und Lcder der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel wurde die Adcbe, die Arbeitsgemeinschaft deut» scher Unternehmen der Spinnstoff», Bcklcidungs» und I.ederwirt» schaff gegründet. Dieser neue Verein ist als Organisation gedacht, die den Adefagedanken in die Kreise der Textil' und Lederwirtschaft tragen soll. Die Adefa selbst, die Arbeitsgemeinschaft deutsch» arischer Fabrikanten der Textilindustrie, bleibt bestehen. Auch sie erfährt eine starke Ausweitung. Zu den 500 Firmen der Damen» und Herrcnobcrbcklcidung, die bisher Adcla Mitglieder waren treten schätzungsweise 4000 weitere Firmen a\is den artverwandten Wirtschaftszweigen, also aus der Hutindustrie, der Strumpfindustric, der Wäscheindustrie, der Kravattenherstellung und der Berufs« kleidung. Die Mitglieder der Adebe werden zu Gruppen zusam«